Fall Marvin Mutter erdrosselte Sohn - fünf Jahre Haft

Fünf Jahre lang lebte Marvin aus Erfurt - bis ihn seine Mutter am Heiligabend 2006 mit einem Halstuch strangulierte. Dafür ist Severine S. nun zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Doch am härtesten hat sie sich wohl selbst gestraft: "Er fehlt mir so sehr", sagte S. unter Tränen.


Erfurt - Die Große Schwurgerichtskammer des Landgerichts Erfurt stufte das Verbrechen als Totschlag ein und erklärte, die Angeklagte habe das Kind im Zustand verminderter Schuldfähigkeit umgebracht. An Heiligabend des vergangenen Jahres hatte Severine S., 29, nach einem Streit mit ihrem Mann den Jungen erdrosselt. Danach wollte sie sich selbst töten.

Das Gericht schloss sich den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung an, die jeweils eine fünfjährige Haftstrafe wegen Totschlags gefordert hatten. Die Staatsanwaltschaft hatte die Mutter wegen Mordes angeklagt, war davon aber auf Grund des psychiatrischen Gutachtens abgerückt. Der Tod des Kindes sei für die Angeklagte eine lebenslange harte Strafe, sagte Staatsanwältin Gabriele Decker. Severine S. erklärte in ihren letzten Worten vor der Urteilsverkündung, sie bereue ihre Tat zutiefst.

Die Richter attestierten der Frau eine krankhafte seelische Störung. Sie habe sich während der Tat in einer schweren depressiven Phase befunden. Als Motiv für die Tat nannte der Vorsitzende Richter Frieder Liebhart die unglückliche Lebenssituation der arbeitslosen Verkäuferin. Sie habe sich seit ihrer Kindheit ausgenutzt und vernachlässigt gefühlt. Ihre Ehe habe sich in einer schweren Krise befunden.

Am Tattag habe sich die Situation zugespitzt, als ihr Mann mit seinen Eltern die gemeinsame Wohnung im Streit verlassen habe. Aus Angst, Kind und Mann ganz zu verlieren, habe sie aus einem spontanen Entschluss heraus ihren Sohn getötet. Ihr Suizidversuch sei nur gescheitert, weil sie die Kräfte verließen.

Staatsanwältin Decker sagte, der Tat seien jahrelange Kränkungen der Frau durch ihren Ehemann und ihre Familie vorausgegangen. Gutachter hätten ihr eine starke Abhängigkeit vom Ehemann bescheinigt. Auslöser der Tat seien Äußerungen des Jungen gewesen, der Vater würde nie mehr wiederkommen.

Verteidiger Oskar Helmerich sagte in seinem Plädoyer, die Angeklagte selbst könne die Tat nicht mehr erklären. Möglicherweise habe Severine S. einen erweiterten Suizid vorgehabt, um gemeinsam mit ihrem Kind aus dem Leben zu scheiden. Die schlechten familiären Verhältnisse hätten die Tat begünstigt. Die Angeklagte habe sich ein Leben lang als Aschenputtel gefühlt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben auf Rechtsmittel gegen das Urteil verzichtet.

jdl/AP



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