Fall Michelle Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Geheimnisverrats

Im Mordfall Michelle suchen die Ermittler nach einem "Maulwurf" in den eigenen Reihen. Wegen detailreicher Berichte in Tageszeitungen, etwa über das Obduktionsergebnis, besteht nun ein "dringender Verdacht der Verletzung von Dienstgeheimnissen".

Leipzig - Im Rahmen der Ermittlungen im Fall "Michelle" in Leipzig leitete die dortige Staatsanwaltschaft jetzt ein Verfahren wegen Geheimnisverrats ein. Geklärt werden soll damit, wer vertrauliche Informationen an zwei Zeitungen weitergegeben hat.

Es bestehe der dringende Verdacht der Verletzung von Dienstgeheimnissen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ricardo Schulz: "Mit der Weitergabe möglicher interner Details aus der Sonderkommission ist der Erfolg der Ermittlungen gefährdet worden." Es werde nun geprüft, wo die undichte Stelle sei. Geklärt werden soll ferner, ob auch ein Ermittlungsverfahren gegen Journalisten wegen Anstiftung oder Beihilfe zum Geheimnisverrat eingeleitet wird.

Die "Bild"-Zeitung hatte am Dienstag unter Berufung auf das Obduktionsergebnis unter anderem berichtet, Michelle sei sexuell missbraucht und anschließend erstickt worden. Auch die "Morgenpost Sachsen" berichtete in ihrer Mittwochausgabe ausführlich über angebliche Ermittlungsergebnisse. Offiziell wollen sich die Ermittler weiter nicht zu den Umständen des Todes äußern. Die Nachrichtensperre gelte nach wie vor, sagte Schulz.

Chefredakteure weisen Kritik zurück

Beide Blätter wiesen Kritik an ihrer Berichterstattung zurück. Die veröffentlichten Informationen seien nicht geeignet, dem Täter bei der Verwischung von Spuren zu helfen, heißt es in einem Schreiben von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann an Leipzigs Polizeichef Horst Wawrzynski. Im Übrigen könne eine Behörde eine Nachrichtensperre nur für ihre eigenen Mitarbeiter, nicht aber mit Wirkung für die Presse verhängen. Eine Vereinbarung, von Berichterstattung abzusehen - wie im Entführungsfall Jan-Phillip Reemtsma - sei im Fall Michelle von der Leipziger Polizei "nie gesucht" worden.

"Morgenpost"-Chefredakteur Peter Rzepus sagte, seinem Blatt seien Details seit Tagen bekannt gewesen. Man habe sich aber auf Wunsch der Polizeiführung bislang zurückgehalten. Nachdem andere Medien darüber geschrieben hätten, habe seine Zeitung auch über Details berichtet.

Michelle war am 18. August auf dem Heimweg von ihrer Schule spurlos verschwunden. Drei Tage später wurde ihre Leiche in einem Park entdeckt.

Die Ermittler schließen inzwischen auch einen Massen-Gentest nicht mehr aus. Ein Polizeisprecher sagte, sollten alle anderen Instrumente keinen Erfolg bringen, sei dies eine letzte Möglichkeit.

pad/AP

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