Fall Mirco Der Täter aus dem Nachbarort

Mirco aus Grefrath ist tot. Seit fast fünf Monaten suchte eine Soko ihn und das Auto seines mutmaßlichen Entführers, nun wurde ein Mann gefasst. Der Familienvater soll schon gestanden haben. Wie konnte er so lange einer Fahndung von einzigartiger Dimension entgehen?

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Hamburg - Mircos Mutter hatte es geahnt. Drei Wochen lang war ihr Sohn verschwunden, als Sandra S. mit ihrem Ehemann Reinhard vor Fernsehkameras trat und zu dem Entführer ihres Kindes sprach: "Ich weiß, dass Mirco etwas Schlimmes zugestoßen ist, das fühlt eine Mutter (...) Ich mache mir Gedanken, ob er friert, hungrig ist, Schmerzen hat, nach mir ruft." Dass sie kaum mehr Hoffnung hatte, ihren Sohn lebend in die Arme zu schließen, konnte man hören. "Falls das Schlimmste eingetreten ist, müssen wir Abschied nehmen, irgendwie weiterleben", flehte Sandra S.

Am Mittwochabend erfuhren die Eltern, dass ihre schlimmsten Befürchtungen traurige Wahrheit geworden sind. Mirco ist tot. Mehr als vier Monate nach dem Verschwinden des Zehnjährigen aus Grefrath (Kreis Viersen) haben Ermittler die Leiche des Jungen entdeckt. Die Eltern werden seither erneut psychologisch betreut.

Vor dem Fund hatte die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen. Vermutlich hat er in der Vernehmung den Fundort des Kindes angegeben. Nach Informationen der "Rheinischen Post" soll er die Tat bereits am Mittwoch gestanden haben. Nun ist Haftbefehl gegen ihn erlassen worden.

Bei dem Mann handelt es sich der Zeitung zufolge um einen 46-Jährigen aus Schwalmtal - selbst Vater zweier Kinder. Der Verdächtige habe völlig unauffällig gelebt und sei fest in die Nachbarschaft integriert gewesen, berichtet das Blatt. Er soll bei einem großen Konzern in Bonn arbeiten und mit einem silbergrauen Passat mit Münsteraner Kennzeichen täglich pendeln. Das Fahrzeug wurde bereits am Mittwoch sichergestellt.

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Verschwundener Junge: Der Fall Mirco
Seit Wochen hatte die Polizei nach einem VW Passat Kombi gesucht, der Zeugen zur Tatzeit aufgefallen war. Die Polizei hatte daraufhin in der Region mehrere tausend Wagen überprüft, die ins Fahndungsraster passten. Dann der Treffer. "Wir haben von Anfang an gesagt: Wenn wir den richtigen Wagen haben, dann haben wir auch bald den Täter", sagte Polizeisprecher Peter Spiertz.

Die Polizei behielt Recht. Der Tatverdächtige sei nur in Zusammenhang mit dem gesuchten Auto in den Fokus der Ermittler geraten, sagte Polizeisprecher Willy Theveßen. Der Mann habe zuvor versucht, seinen Kombi im Ausland zu verkaufen.

Auf dem Polizeirevier habe er sich zu der Tat geäußert, Details wollte Theveßen nicht nennen. Am Freitag wollen Staatsanwaltschaft und Polizei eine Pressekonferenz geben.

Mircos Eltern hatten sich auf Anraten der Polizei zu dem bewegenden Aufruf im Fernsehen durchgerungen. Die Ermittler hatten die Hoffnung, dass man den Täter dadurch dazu bewegen könnte, das Versteck des Jungen zu verraten.

Hätte dem Umfeld des Täters etwas auffallen müssen?

In der Regel gelten solche Ansprachen aber auch dem Umfeld eines Täters. Es ist selten, dass Angehörige oder enge Bekannte keine Veränderungen im Verhalten eines Mörders wahrnehmen. Deshalb vermuteten die Ermittler auch im Fall Mirco, dass der Entführer von seiner Familie gedeckt werden könnte.

"Manche tun das bewusst, manche unbewusst", sagt Andreas Borchert, Dozent an der Polizeiakademie Niedersachsen. Für Familien, aus denen solch ein Täter stamme, breche erst eine Welt zusammen, wenn es zu einer Festnahme kommt. "Dann muss sich das Umfeld die Tat eingestehen und dann erst realisieren viele, dass hinter ihrem Ehemann, Vater, Sohn, Onkel ein ganz anderer Mensch steckt, als sie vermutet haben."

Der Vater des 26-jährigen Jan O., der in Bodenfelde zwei Teenager tötete, gab zum Beispiel nach dessen Festnahme zu, dass er von Anfang an seinen Sohn im Verdacht hatte. Auch Jans Mutter hatte ihrem Sohn die Tat sofort zugetraut, als sie davon hörte. Gemeldet hatten sie sich trotz massiver Fahndung nicht.

Kriminaldirektor Borchert unterscheidet zwei Gruppen von Angehörigen, die einen Täter schützen: die einen, die eine Tat selbst nicht für so schwerwiegend halten. Und die anderen, die in erster Linie an die Folgen für sich selbst denken, wenn sie ihr Schweigen brechen.

"Eigentlich muss dem Umfeld immer eine Veränderung des Täters auffallen - egal, ob er die Tat im Vorfeld geplant oder spontan gehandelt hat", sagt Borchert. Hat der Täter die Entführung explizit geplant, Mirco vielleicht sogar bewusst ausgewählt, dann musste er seinen Plan quasi nur abspulen. Dann hat er alles zig Mal durchgespielt - erst vorsichtig, dann perfektioniert, bis die Umsetzung nur noch ein kleiner Schritt ist.

Hatte sich der Täter Mirco explizit ausgesucht?

"Entsprechend leicht kann so ein Täter zur Tagesordnung übergehen und sich in sein Familiengeflecht einfügen. Die Vorbereitung und Verarbeitung der Tat muss dennoch auffallen."

Ebenso, wenn der Täter spontan gehandelt haben sollte. "Dann fehlt die Phase der Planung. Diese gedankliche Vorbereitung muss der Täter nachholen", so Borchert. "Ein spontaner Täter kann nicht ohne spürbare Veränderungen in sein gewohntes Leben übergehen. So kaltblütig ist niemand."

Nicht nur das veränderte Verhalten eines Täters müsse Angehörigen auffallen, oft sind es auch materielle Veränderungen - wie beispielsweise der Verkauf des Familienkombis.

Im Fall Ronnie R., der in den neunziger Jahren zwei Mädchen entführte, missbrauchte und tötete sowie weitere Kinder vergewaltigte, hält die Ehefrau bis heute zu dem Mann, der als einer der brutalsten Täter der deutschen Justizgeschichte gilt. Seit Jahren besucht sie ihn regelmäßig in der JVA Celle und bringt ihm Zigaretten. Ihr Cousin glaubt bis heute nicht, dass sie nichts vom Doppelleben ihres Ehemanns ahnte.

"Wir vermissen unseren Jungen"

Mirco war vor fast fünf Monaten, am Abend des 3. September vergangenen Jahres, auf dem Nachhauseweg verschwunden. Bei einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik hatten zeitweise tausend Polizisten nach dem Kind gefahndet. Hundertschaften durchkämmten ein mehr als 50 Quadratkilometer großes Gebiet. Auch Tornado-Aufklärungsjets der Bundeswehr und Drohnen waren im Einsatz.

Aus der Bevölkerung kamen mehr als tausend Hinweise. Es kam zu einigen Festnahmen, doch immer erwies sich die Unschuld der Verdächtigen. Trotz solcher Rückschläge blieb die 65 Mann starke Sonderkommission zuversichtlich, den Entführer Mircos zu finden. Von Beginn an gingen die Ermittler von einem Sexualdelikt aus.

Nach der bisherigen Rekonstruktion muss der mutmaßliche Täter Mirco auf dem Heimweg von einer Skater-Anlage an einer einsamen Stelle östlich von Grefrath abgepasst und in sein Auto gezerrt haben. Das Fahrrad des Schülers blieb zurück. Passanten fanden es, nahmen es mit nach Hause und übergaben es erst der Polizei, als Mircos Verschwinden publik wurde.

Nach und nach tauchten Kleidungsstücke des Jungen auf, später sein Handy. Fingerabdrücke des Täters konnten weder auf dem Telefon noch an den Kleidern sichergestellt werden.

In einem Bogen soll der Entführer in einem VW Passat Kombi nördlich um Grefrath herumgefahren sein. Spezielle Spürhunde hatten Mircos Fährte noch kilometerweit verfolgt. In der Nähe eines Klosters bei Wachtendonk nördlich von Grefrath vernahmen Nonnen in der Tatnacht einen markerschütternden Schrei.

Mircos Eltern hatten vor laufender Kamera verzweifelt an den Entführer appelliert: "Wir vermissen unseren Jungen. Mirco ist seit 22 Tagen nicht nach Hause gekommen. Für viele ist er ein zehnjähriger Junge, der seine Zeit damit verbringt, die Haare zu gelen, jede freie Minute mit seinen Freunden zu verbringen, der den Schulalltag mal mehr, mal weniger begeistert angeht."

Seine Mutter sagte: "Für uns ist er einzigartig. Mirco war schon als Baby ein Sonnenschein. Wenn er gelächelt hat, waren alle Sorgen vergessen. Er hat jeden Tag Leben ins Haus gebracht. Kein Essen ohne Lachen. Jetzt ist sein Stuhl leer und sein Zimmer auch."

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