Fall Mirco "Er war nie unser ängstliches Kind"

Es war das erste Mal, dass die Eltern des kleinen Mirco auf den Mann trafen, der ihren Sohn tötete: Vor dem Landgericht Krefeld hat die Mutter des Jungen ausgesagt - und das Wesen ihres Kindes beschrieben.

Mircos Eltern im Gerichtssaal: Die Fassung gewahrt
dapd

Mircos Eltern im Gerichtssaal: Die Fassung gewahrt

Von , Krefeld


Dies ist der Morgen, an dem Mircos Eltern Olaf H. zum ersten Mal gegenübertreten: Zwei Tage zuvor hatte der ehemalige Telekom-Mitarbeiter vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Krefeld gestanden, ihren Sohn am 3. September 2010 auf einem Feldweg missbraucht und getötet zu haben.

Dem Täter ins Gesicht zu sehen - es hieß, dies werde der "schwerste Gang" für die Eltern sein. Aber es gab für die Eltern und Mircos drei Geschwister schon so viele schwere Momente in den vergangenen Monaten.

An diesem Morgen geht es für das Gericht darum, zu erkunden, ob sich Mirco aus Sicht der Mutter so verhalten haben kann, wie Olaf H. es bei der Polizei geschildert hat: Er sei ihm im Dunkeln auf dem Fahrrad mit quietschenden Bremsen entgegengefahren, habe "Lassen Sie mich in Ruhe!" gerufen und sein Fahrrad schützend zwischen ihn und sich gebracht. Dann habe er hysterisch geschrien, später wortlos gehorcht, zu Tode geängstigt.

Mircos Vater Reinhard S. sitzt bereits in der Nebenklägerbank, als seine Frau Sandra den Schwurgerichtssaal als Zeugin betritt. Er wirkt gefasst. Am Eingang muss Sandra S. wie jeder gewöhnliche Zuschauer die Sicherheitskontrolle passieren. Sie steht im Blitzlichtgewitter der Fotografen, wird abgetastet, muss den Inhalt der Taschen ihres Anoraks vorzeigen, aus Sicherheitsgründen. Aber so, wie sie dann vor den Richtertisch tritt, kann man sie sich schwer als Rächerin ihres Sohnes vorstellen. Sandra S. ist 35 Jahre alt, eine rundliche, rosig aussehende Frau. Sie hat kurzes braunes Lockenhaar, sie trägt eine blaue Blümchenbluse mit Puffärmeln und Jeans. Sie hat an diesem Tag noch ihren Bruder mitgebracht, zur Unterstützung.

Mircos Mutter wirkt gefasst

Mircos Eltern sind Mitglieder der Freikirchlichen Pfingstgemeinde, es ist eine tiefe, für Außenstehende manchmal verstörende Gläubigkeit. In einer Talkshow hatten die Eltern berichtet, dass sie auch für den Täter gebetet hätten. Für den Mann, den sie drei Wochen nach der Tat in einem Fernsehappell unter Tränen gebeten hatten: "Falls das Schlimmste eingetroffen ist, müssen wir Abschied nehmen und irgendwie weiterleben. Gib uns bitte unser Kind zurück oder sage, wo wir Mirco finden können." Sie hatten dann doch 145 Tage in Ungewissheit warten müssen.

Sandra S. schaut kurz zu Olaf H. hinüber, der eingesunken und graugesichtig in Jackett und Krawatte hinter seinem Anwalt sitzt. Es ist ein offener Blick, keiner, der töten könnte. Dann nimmt sie Platz auf dem Zeugenstuhl.

Der Vorsitzende Richter Herbert Luczak entschuldigt sich dafür, dass er Sandra S. wie jede andere Zeugin belehren muss. "Wir haben hier eine singuläre Situation", sagt er immer wieder, und dass Mircos Mutter jederzeit eine Pause nehmen, sich mit ihrem Mann beraten oder ein Glas Wasser trinken könne.

Aber Sandra S. braucht keine Pause und kein Wasser. Sie wirkt nicht wie eine gebrochene Frau. Sie berichtet mit fester Stimme, ihr Sohn Mirco sei ein lebhaftes Kind gewesen, offenherzig, hilfsbereit. "Er hat selten Angst gezeigt, auch nicht Fremden gegenüber. Er war nie unser ängstliches Kind." Mirco habe keine Scheu gehabt, Wegstrecken alleine zurückzulegen, pfiffig und flott sei er unterwegs gewesen, auf seinem Fahrrad, das er nie alleine ließ.

"Also fuhr er meistens schnell?", fragt der Vorsitzende. Ja, sagt die Mutter, und erzählt, wie Mirco sich das Fahrrad, das er sich so dringend wünschte, selbst ausgesucht habe: "Mirco und das Fahrrad waren eine Einheit."

Bei der Polizei hatte Olaf H. davon berichtet, dass Mirco im Auto in eine lange Stille hinein gesagt habe: "Ich hab Pipi gemacht."

"Bitte verstehen Sie, dass ich diese Frage stellen muss", entschuldigt sich der Vorsitzende bei Sandra S.: Wie denn Mircos Wortwahl gewesen sei, wenn er auf einer Autofahrt mal austreten musste?

"Er hat gesagt: Ich muss mal Pipi."

Wie er denn seine Kleidung ausgezogen habe: Eher schlampig oder ordentlich?

"Eher ordentlich."

Der psychiatrische Gutachter von Olaf H. möchte noch wissen, ob Mirco möglicherweise jünger oder älter gewirkt habe als zehn Jahre. "Er wirkte eher wie zwölf", meint die Mutter.

Olaf H. entschied sich gegen eine Entschuldigung

Dann hält der Vorsitzende noch eine Kopie des Fotos in die Höhe, mit dem nach Mirco gesucht wurde: Der Junge im T-Shirt mit seinen blonden Strubbelhaaren unter blauem Himmel. Ob er am Tag seines Verschwindens so aussah? Ja, sagt die Mutter. Genau so sah er aus.

In einem Verhör hatte Olaf H. gesagt, er habe zwei Familien zerstört, die von Mirco und seine eigene. Er würde sich gern bei Mircos Eltern entschuldigen. Vorgestern hatte Mircos Verteidiger Gerd Meister jedoch erklärt, Olaf H. werde sich nicht entschuldigen, denn seine Tat sei unentschuldbar. Während Mircos Mutter sprach, hatte Olaf H. vor sich hin geschaut oder zu Boden. Manchmal ließ er seinen Blick schweifen, auch mal hinüber zu den Eltern.

Nach 20 Minuten sind alle Fragen gestellt.

"Ich wünsche Ihnen alles Gute", sagt Richter Luczak zu Sandra S.

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