Fall Mirco Polizei weist geständigem Täter Lüge nach

Olaf H. hat gestanden, den kleinen Mirco aus Grefrath getötet zu haben - aus Frust im Beruf. Doch das angebliche Motiv ist nach Erkenntnissen der Polizei nachweislich falsch. Jetzt prüfen die Ermittler, ob der Familienvater noch in andere Todesfälle von Kindern verwickelt ist.

dapd

Hamburg - Olaf H. hat gestanden, Mirco getötet zu haben. Am Freitag durchsuchte die Polizei laut "Bild am Sonntag" (BamS) mit Leichenspürhunden das Haus und den Garten des Telekom-Managers in Schwalmtal. "Wir überprüfen derzeit, ob Olaf H. weitere Straftaten begangen hat", so Chefermittler Ingo Thiel, Leiter der Soko "Mirco", zu BamS.

Thiel verwies dem Zeitungsbericht zufolge konkret auf den Fall Claudia R. Seit fast 15 Jahren fahndet die Bonner Mordkommission nach dem Mörder des damals elf Jahre alten Mädchens. Claudia verschwand 1996 bei Grevenbroich und wurde zwei Tage später tot auf einem Feldweg gefunden.

Dem Bericht zufolge hätten sich zudem bei der Polizei Zeugen gemeldet, die Olaf H. "häufig in einem stillgelegten privaten Tierpark und Märchenwald am Rande von Schwalmtal" gesehen haben wollen.

Nach dem "vorläufigen Abschluss der Vernehmungen" teilte die Polizei Mönchengladbach am Sonntag weiter mit, auch die "Angaben des Tatverdächtigen zu den Tatumständen variierten mehrfach, so dass ein genaueres Bild frühestens nach einer eingehenden psychologischen Untersuchung möglich sein wird".

Derweil laufen die Ermittlungen den Angaben zufolge weiter. So wird überprüft, ob H. "eventuell auch für weitere ähnlich gelagerte Straftaten in Frage kommen könnte". Einen konkreten Hinweis hierzu gebe es aber bisher nicht, betonte die Polizei.

"Als Kind sexuell missbraucht"

Der zehnjährige Mirco war am 3. September vergangenen Jahres verschwunden. Groß angelegte Suchaktionen mit 1000 Polizisten sowie Tauchern, Hubschraubern und Tornados der Bundeswehr blieben erfolglos. In der vergangenen Woche wurde der Tatverdächtige Olaf H. festgenommen. Der Mann ist geständig und hatte die Ermittler zum Tatort und damit auch zur Leiche des Kindes geführt. Der 45-Jährige soll Mirco entführt, sich in einem Waldstück an ihm vergangen und ihn dann umgebracht haben.

Nach seiner Festnahme gab der dreifache Familienvater in der Vernehmung an, er habe Mirco aus Frust getötet, weil ihn zuvor sein Chef am Telefon "zusammengefaltet" habe. Doch laut Ermittler Thiel soll es so ein Telefonat gar nicht gegeben haben. "Wir glauben eher, das waren Phantasien, die sich beim Täter im Kopfkino länger aufgestaut haben und bei der Tat dann ausgelebt wurden", sagte Thiel der BamS.

Auf SPIEGEL ONLINE hatten Experten bereits unmittelbar nach der Festnahme H.s Zweifel an der Darstellung der Polizei angemeldet, der Täter habe aus beruflicher Überlastung getötet. Kriminalpsychiater und Psychologen hielten es für ausgeschlossen, dass Stress allein eine solche Tat erklären kann.

Seinem Anwalt Gerd Meister soll Olaf H. inzwischen ein anderes Tatmotiv genannt haben. "Mein Mandant hat mir anvertraut, dass er selber als Kind sexuell missbraucht worden sei", zitiert die BamS den Verteidiger.

jjc



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