Fall Mirco S. Tausend Beamte suchen vermissten Jungen

Es ist der Alptraum aller Eltern: Im niederrheinischen Grefrath wird der zehnjährige Mirco S. seit Tagen vermisst. Der Großeinsatz der Polizei war bislang erfolglos - nur sein Fahrrad wurde gefunden. Die Hoffnung auf ein glückliches Ende schwindet von Stunde zu Stunde.

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Hamburg - Mirco S. verschwindet. Eine ganze Nacht lang nimmt keiner Notiz davon. Inzwischen gibt es kein anderes Thema mehr in der Umgebung von Grefrath, einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern am Niederrhein: Es ist der vierte Tag nach dem der Junge nicht nach Hause gekommen ist. Die nordrhein-westfälische Polizei sucht mittlerweile mit tausend Beamten aus dem ganzen Bundesland nach dem vermissten Zehnjährigen. Hunde und Hubschrauber sind im Einsatz. Die Gegend im südlichen Kreis Kleve und die Wankumer Heide sollen durchforstet werden.

"Wir haben alle verfügbaren Kräfte zusammengezogen, um das Gebiet massiv auszuweiten. Je mehr Kollegen, desto größer die Fläche", sagt Polizeisprecherin Antje Heymanns. Am Sonntag hatten Spürhunde in der Nähe der Niers Witterung aufgenommen. Die mögliche Spur des Kindes verlor sich jedoch bei Wachtendonk-Vorst, rund fünf Kilometer Luftlinie nördlich von Grefrath. Freiwillig hatten sich Polizisten gemeldet, die gar keinen Dienst hatten, um die Gegend, auch Felder mit hoch stehendem Mais, zu durchkämmen.

Mit einem Boot haben Einsatzkräfte auch den Heidesee abgefahren, Taucher sind im Einsatz. Auf dem Parkplatz vor dem Grefrather Eisstadion hat die Polizei ihr Basislager eingerichtet, dort stauen sich Einsatzfahrzeuge, ein weiteres Boot und schweres Räumgerät. Alle suchen Mirco.

Der Junge war am Freitagabend auf dem Heimweg mit seinem Fahrrad verschwunden. Zuletzt war der Zehnjährige im knapp fünf Kilometer entfernten Oedt gesehen worden, als er nach 21 Uhr die Johannes-Fruhen-Straße entlangradelte.

"Eine Verkettung unglücklicher Umstände"

In Oedt, einem Ortsteil von Grefrath mit 4600 Einwohnern, war am Wochenende Schützenfest. Mirco spielte mit einem Freund auf der Skater-Anlage. Seine Mutter rief auf dem Handy an, sagte ihm, dass er nach Hause kommen solle. Jugendliche bestätigten der Polizei, dass sie Mirco kurz darauf auf seinem unbeleuchteten Mountainbike sahen.

Zu Hause kam Mirco aber nicht an. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände" habe dazu geführt, dass seine Eltern erst am folgenden Vormittag um 10.40 Uhr Vermisstenanzeige erstatteten, sagte Heymanns. Weder familiäre Probleme noch Hinweise auf sogenanntes Streunerverhalten lägen vor. "Der Junge war noch nie weg von daheim, es gibt keine Anzeichen dafür, dass er weglaufen wollte. Vielmehr, dass er nach Hause wollte." Berichte, die Mutter habe das Fehlen ihres Sohnes erst am Morgen bemerkt, weil sie über das Warten auf ihren Sohn eingeschlafen sei, wollte Heymanns nicht kommentieren. Was das Handy des Jungen angehe, werde alles unternommen, was "technisch möglich" sei, erklärte ein Polizeisprecher. Details über eine eventuelle Ortung des Telefons wollte er nicht nennen.

Am Samstag dann wurde Mircos grasgrünes Fahrrad auf der Verbindungsstraße zwischen Grefrath und Oedt in einem Feld gefunden - etwa zehn Meter von der Straße entfernt. Rund 500 Meter weiter wohnt Mirco mit seinen Eltern, seinem Bruder und seinen beiden Schwestern.

Fahnder hoffen auf mehr Hinweise zu einer speziellen Spur

Mehr als hundert Hinweise sind bislang eingegangen. Hinter einem vermutet die 45-köpfige Sonderkommission eine mögliche Spur: Anwohner haben einen dunklen Kombi kurz nach 21 Uhr an der Stelle parken sehen, an der später Mircos Fahrrad gefunden wurde. "Wir wären dankbar, wenn zu dieser Spur noch mehr Hinweise eingingen", so Heymanns.

Das zuständige Jugendamt berichtet von guten Erfahrungen mit der strenggläubigen Familie S., die der freikirchlichen Christusgemeinde in Krefeld angehört. Bis zum Juni hatte sie für zwei Jahre ein Kind in Pflege. Der Polizei zufolge wird die Familie - Mircos Geschwister sind neun, zwölf und 13 Jahre alt - psychologisch betreut.

An der Gemeinschaftshauptschule Grefrath herrscht tiefe Betroffenheit. Hier besucht Mirco die sechste Klasse. Schuldirektorin Helmi Röhrig hat bereits am Montag die Initiative ergriffen. "Wir haben nicht so getan, als sei nichts passiert", sagt sie. "Wir haben mit den Kindern gesprochen, um ihnen Ängste zu nehmen, sie zu informieren und ihnen zu signalisieren, dass sie bei uns Hilfe finden." Besonders um Mircos Klassenkameraden habe man sich gekümmert, einige Kinder hätten bereits das Gespräch zu Sozialpädagogen oder Seelsorgern gesucht.

"Häufig warten Eltern zu lange, bis sie in die Gänge kommen"

"Wir sind alle entsetzt. Sie können sich nicht vorstellen, was der erste Schock ausgelöst hat. Wir hoffen, dass Mirco unbeschadet zurückkehrt", sagt Röhrig. Der Junge mit dem blonden Irokesenschnitt sei ein "pfiffiges, taffes Kerlchen". In den Worten der Rektorin schimmert die Hoffnung durch, dass sich Mirco im Notfall zur Wehr setzen könnte.

An der kleinen Schule mit gerade einmal 245 Schülern von der fünften bis zur zehnten Klasse herrsche gedrückte Stimmung, so Röhrig. "Wir sind alle etwas leiser als sonst." Sie selbst habe in ihrer langen Laufbahn als Lehrerin keinen ähnlichen Vermisstenfall erlebt. "Und ich will es auch nicht wieder."

Doch mit jeder Stunde, die Mirco nicht gefunden wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er Opfer eines Verbrechens wurde. "Die Zeit ist der größte Feind des Erfolgs", sagt Adolf Gallwitz, Professor an der Fachhochschule Villingen-Schwenningen. Eltern sollten sich auf das Nichtheimkommen ihres Kindes vorbereiten, um im Notfall schnell handeln zu können. "Häufig ist es so, dass Eltern zu lange warten, bis sie in die Gänge kommen", so Gallwitz. Am besten sei es, wenn man mit Kindern umgehe wie "mit einem wertvollen Diamanten". "Wenn man den verloren hat, wartet man auch nicht unnötig."



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