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02. März 2012, 16:33 Uhr

Fall Natascha Kampusch

Das Erbe des Oberst Kröll

Aus Wien berichtet

Österreich debattiert wieder über die Causa Natascha Kampusch. Die einen halten den Fall für abgeschlossen. Skeptiker vermuten einen Skandal - und einen zweiten unbekannten Entführer. Sie werden bestärkt durch neue ernstzunehmende Hinweise, die Einzeltäter-Theorie wankt.

Franz Kröll wollte kein Lügner sein. Er, Oberst bei der Wiener Polizei, der als gradlinig, unbestechlich und akribisch galt, konnte sich nicht überwinden, im Fall der jahrelang entführten Natascha Kampusch ein Ermittlungsergebnis zu präsentieren, das er für Unfug hielt. "Ich setze mich da nicht hin und lüge allen ins Gesicht", sagte er einem Vertrauten.

Am 8. Januar 2010 gab die Oberstaatsanwaltschaft Wien auf einer Pressekonferenz bekannt, das Verbrechen sei aufgeklärt, der Fall abgeschlossen und es gebe definitiv nur einen Täter. Kröll, führender Ermittler in der Causa Kampusch, fehlte bei dem Termin.

Knapp sechs Monate später wurde Franz Kröll, 59 Jahre, tot auf der Terrasse vor seiner Wohnung in Graz aufgefunden. Kopfschuss. Seine Leiche lag auf der Holzbank vor dem Küchenfenster, seine alte Dienstwaffe auf dem Boden. In seinem Tresor fanden seine Kollegen ein Testament und einen Abschiedsbrief.

Krölls Tod hatte Folgen. Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, nahm sich den Fall Kampusch noch einmal vor. Er recherchierte und brachte so ein Verfahren gegen die in der Causa verantwortlichen Staatsanwälte Werner P., Thomas M., Gerhard J., Hans-Peter K. und Otto S. ins Rollen, weil sie nicht korrekt ermittelt haben sollen. Im November 2011 wurde das Verfahren gegen die fünf Staatsanwälte wegen Amtsmissbrauch eingestellt. Ob dies rechtens war, das prüft derzeit in Wien ein parlamentarischer Unterausschuss mit 25 Politikern aus fünf verschiedenen Parteien.

An diesem Freitag tagt dieser Ausschuss zum vorerst letzten Mal - wie immer in einem fensterlosen, abhörsicheren Raum im Keller des österreichischen Parlaments. Der Leiter der Sonderkommission, die von Juli 2002 bis Dezember 2008 im Fall Kampusch ermittelte, soll als Zeuge gehört werden. Im Anschluss geht die Wiener Kommission in Klausur, ein, zwei Wochen später geben sie ihr Ergebnis bekannt.

Wenn der Unterausschuss dann die Empfehlung gibt, dass die Einstellung des Verfahrens falsch war, würden indirekt die kompletten Ermittlungen zur Entführung Natascha Kampuschs noch einmal bewertet werden und die zentrale Frage: Hatte ihr Entführer Wolfgang Priklopil einen oder mehrere Komplizen?

Zweifel am Suizid des Entführers

Wolfgang Priklopil wurde am 23. August 2006 gegen 20.50 Uhr in Wien tot aufgefunden. Der Zug 23786 hatte die Haltestelle Wien Nord in Richtung Floridsdorf verlassen, als dessen Lokführer laut eigenen Angaben nach 500 Meter eine Gestalt wahrnahm, die sich quer auf das Gleis legte, auf dem er mit 45 Kilometern pro Stunde angefahren kam. Der Fahrer bremste vergebens.

Rettungshelfer bargen die Leiche Wolfgang Priklopils. Laut Ermittlungsakten hatte sie der Zug etwa 1,80 Meter mitgeschleift, der 44-Jährige soll sich demnach mit dem Hals auf die rechte Schiene gelegt haben. Der Kopf war jedoch nicht völlig abgetrennt. Dem Obduktionsbericht zufolge befand sich trotz angeblichen Überrollens eine kleine Hautbrücke im Nackenbereich. Der Rest des Leichnams ist nahezu unversehrt, nur an Unteramen, Händen und Beinen stellten die Gerichtsmediziner Schürfwunden fest. Alkohol, Medikamente oder Suchtstoffe konnten nicht nachgewiesen werden. Wolfgang Priklopil soll sich in Suizidabsicht in Bauchlage quer über das Gleis, den Hals auf die Schienen gelegt haben. Von Fremdverschulden offiziell keine Spur.

Doch die Untersuchungen der Wiener Kommission warfen die Frage auf, ob Priklopil bereits tot war, als er auf die Schienen gelegt wurde.

Wenige Stunden zuvor hatte sich Natascha Kampusch auf dem Gendarmerieposten im niederösterreichischen Strasshof gemeldet. Achteinhalb Jahre galt sie bis zu diesem Moment als vermisst, am 2. März 1998 war sie auf dem Weg zur Schule im Alter von zehn Jahren entführt worden. All die Jahre, so berichtete Kampusch den Ermittlern, sei sie in einem Verlies in einem Einfamilienhaus in Strasshof bei Wien von Wolfgang Priklopil gefangen gehalten worden. Sie habe zwar Ausflüge mit dem Mann gemacht, habe sich aber nicht selbst befreien oder andere Personen auf ihre Notlage aufmerksam machen können.

Hinweise für die Mehrtäter-Theorie

Johann Rzeszut, der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofs, ist ein Mann von 1,90 Meter Größe, der mit 71 Jahren noch Basketball und Fußball spielt. Er sitzt in einem Wiener Kaffeehaus und blickt unter struppigen, weißen Augenbrauen aus dem Fenster. Er muss in diesen Tagen viel Schelte aushalten, sich als Verschwörungstheoretiker beschimpfen lassen.

Er erträgt es stoisch, selbst wenn ihm unterstellt wird, er würde Unbeteiligte zu Straftaten anstiften. So wie vergangene Woche geschehen, als ein Wiener Polizist auf eigene Faust ermittelte und versuchte, in einer Volksschule in Niederösterreich von einer Achtjährigen eine DNA-Probe zu nehmen, weil er davon überzeugt ist, die wahre Mutter des Kindes sei Natascha Kampusch. "Solche Aktionen sind natürlich nicht zu unterstützen", sagt Rzeszut.

27 Indizien hat er nach Auswertung aller Akten zusammengetragen, die fachlich nicht plausibel zu erklären sind oder sich teilweise widersprechen. Allen voran steht "die Vernachlässigung entscheidender polizeilicher Ermittlungsergebnisse", wie er es nennt. So stand acht Jahre lang in der Vermisstenakte Kampusch, dass die einzige Augenzeugin der Entführung, ein damals zwölfjähriges Mädchen namens Ischtar A., zwei Männer beobachtet hatte, als Natascha verschwand. Einer zerrte sie in einen weißen Kastenwagen, der andere saß am Steuer.

Ischtar A., inzwischen 23 Jahre alt, hat laut Ermittlungsakte sechsmal ihre Aussage wiederholt und bleibt bis heute dabei, dass zwei Männer Kampusch entführten. Zuletzt wurde sie am 29. Juli 2011 vom Gericht in Innsbruck vorgeladen, um im Verfahren gegen die angeklagten Staatsanwälte auszusagen. Unter Eid gab sie an, Polizisten hätten sie unter Druck gesetzt, sie dürfe niemandem von zwei Tätern erzählen. Richter Rzeszut spricht von einer völlig "atypischen und krass einseitig-suggestiven Einflussnahme" auf Ischtar A., die dadurch ebenfalls zum Opfer gemacht werde, weil ihre Aussage nicht überprüft, sondern ausschließlich dem Entführungsopfer geglaubt werde.

Entweder sie oder Kampusch sagen die Unwahrheit. "Die Zeugin Ischtar A. hat dazu kein denkbares Motiv, das Opfer hingegen könnte mehrere plausible Gründe dafür haben - zum Beispiel einen noch lebenden Mittäter zu decken, der sie eventuell unter Druck setzt", so Rzeszut.

Druck auf den einstigen Chefermittler

Sechs Stunden lang soll Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil im Auto herumgefahren sein, bis er sich vor den Zug warf. Bei ihm war sein guter Freund, mit dem er auch geschäftlich verbunden war. Doch im Auto wurde auch eine dritte, frische DNA-Spur an der Beifahrertür und an einer Eistee-Flasche sichergestellt, bis heute ist ungeklärt, wer noch im Auto saß.

Unklar ist auch, welche Gegenstände der Freund während der polizeilichen Durchsuchung des Entführerhauses entwendete. Er hatte behauptet, sie gehörten ihm und er habe sie Wolfgang Priklopil nur geliehen. Die Spurensicherer vor Ort ließen ihn gewähren. Der Freund sagt, Wolfgang Priklopil habe ihm während der Autofahrt in einer Art "Lebensbeichte" die Entführung und langjährige Gefangenschaft gestanden.

Ermittler und ehemalige Juristen, die wie Richter Rzeszut nicht an die "Einzeltäter"-Variante glauben, berichten, Natascha Kampusch habe sich den Großteil der acht Jahre frei im Haus Wolfgang Priklopils bewegt und eine Art Liebesbeziehung zu ihm geführt. Kampusch selbst hat solche Vermutungen stets bestritten, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sie sich nicht äußern.

Franz Kröll, der vom Bundeskriminalamt beauftragte Chefermittler im Fall Kampusch, hat Ermittlungen protokolliert, die dies widerlegen sollen. Doch ausgerechnet in der Schlussphase des Verfahrens, habe man Kröll unter Druck gesetzt, als man ihm "unmissverständlich nahe legte", die Akten zu schließen. Die Oberstaatsanwaltschaft Wien habe endlich jene finale Pressekonferenz am 8. Januar 2010 veranstalten wollen, so Rzeszut.

Karl Kröll, Bruder des Ermittlers, bezweifelt, dass sich sein Bruder freiwillig das Leben nahm. Das Din-A-4-Heftchen, mit dem sich sein Bruder stets nach Dienstschluss auf die Terrasse setzte, die Lesebrille aufsetzte und eine Zigarette rauchte, ist verschwunden. Penibel genau notierte er darin seine Gedanken. Auch wundert sich Karl Kröll, dass sich "der Franz" als Rechtshänder in die linke Schläfe geschossen haben soll

Er weiß jedoch, dass er als Bruder mit diesen Zweifeln nicht ernst genommen wird. "Letztendlich spielt es eine untergeordnete Rolle, ob er getötet wurde oder sich selbst erschoss", konstatiert Karl Kröll. Für die Verzweiflungstat kämen "ausschließlich dienstliche Gründe in Betracht, die mit dem Ermittlungsverfahren Kampusch und dem abrupten Abschluss" zusammenhängen, sagt Rzeszut. Franz Kröll soll nicht umsonst gestorben sein. "Er war auf dem richtigen Weg."

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