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Siebenfacher versuchter Mord Schwere Vorwürfe gegen Chefermittler im Fall Pistorius

Dramatische Entwicklung im Fall Pistorius: Der leitende Ermittler Hilton Botha gerät selbst massiv in die Kritik. Ihm wird versuchter Mord in sieben Fällen vorgeworfen.

Pretoria - Die südafrikanische Justiz beschuldigt Hilton Botha, den Hauptermittler im Fall Oscar Pistorius, des versuchten Mordes. Botha werde im Mai wegen siebenfachen Mordversuchs vor Gericht erscheinen, teilte ein Sprecher mit. Botha und zwei weitere Beamte hätten im Oktober 2011 Schüsse auf einen Minivan abgegeben, als sie versuchten, das Fahrzeug anzuhalten.

In dem Minibus-Taxi saßen den Angaben zufolge sieben Personen. Daher laute der Vorwurf auf siebenfachen Mordversuch. Das Verfahren sei bereits vorläufig eingestellt gewesen, nun aber wieder aufgenommen worden, sagte der Polizeisprecher. Über die Gründe dafür machte er keine Angaben. Bislang gebe es keine Pläne, Botha vom Fall Pistorius auszuschließen, so der Sprecher.

Es sei noch nicht abzusehen, inwiefern sich die Anschuldigungen gegen den Chefermittler auf das Verfahren gegen den Paralympics-Star auswirken können, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe seien vorher nicht bekannt gewesen. Nun würden detailliertere Informationen angefordert. "Dann können wir handeln und entscheiden, ob wir ihn von den Ermittlungen abziehen oder nicht", sagte der Sprecher.

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Kautionsverhandlung Oscar Pistorius: Chefermittler unter Verdacht

Foto: STEPHANE DE SAKUTIN/ AFP

Botha reagierte überrascht auf die Wiederaufnahme der Ermittlungen. "Ich verstehe nicht, warum der Fall wieder aufgenommen wurde", sagte Botha am Morgen dem Fernsehsender eNCA. Er könne sich nur vorstellen, dass es etwas mit seiner aktuellen Arbeit zu tun habe.

Botha hatte am Mittwoch in der Anhörung im Fall Pistorius keine gute Figur abgegeben. Er musste einräumen, dass die Behörden keine Beweise hätten, welche die Aussage des Sprinters widerlegen könnten, er habe seine Freundin Reeva Steenkamp versehentlich erschossen.

Vor dem Magistratsgericht in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria wandte sich Botha entschieden gegen eine Freilassung von Pistorius auf Kaution. Der Ermittler sieht eine erhebliche Fluchtgefahr. Schließlich drohe dem 26-Jährigen bei einer Verurteilung eine Haftstrafe zwischen 15 Jahren und lebenslänglich. Pistorius besitze ausländische Konten und eine Immobilie in Italien.

Botha muss seine Angaben korrigieren

Die Verteidigung behauptet, dass es schon alleine wegen mancher Ermittlungsmängel keine Belege für eine vorsätzliche Tat gebe. Der unterschenkelamputierte Profisportler gibt an, seine Freundin versehentlich getötet zu haben. Er habe in der Nacht gemeint, ein Einbrecher befinde sich hinter der verschlossenen Toilettentür, auf die er dann gefeuert habe.

Dem widerspricht die Staatsanwaltschaft: Pistorius habe Steenkamp geplant und gezielt ermordet. Vor den tödlichen Schüssen habe es einen Streit zwischen dem Paar gegeben. Polizeioffizier Botha berichtete von Zeugen, die vor den Schüssen Licht im Haus von Pistorius gesehen und zudem "unablässiges Geschrei" und einen lautstarken Streit gehört haben wollen.

Das widerspräche den Schilderungen von Pistorius, der von einem friedlichen Abend mit seiner Freundin berichtet hatte. Auf die Frage des Anwalts, wie weit entfernt der Zeuge vom Haus von Pistorius wohne, sagte Botha zunächst, 600 Meter, um dann später auf 300 Meter zu revidieren. Roux kritisierte angebliche Fehler und Versäumnisse der Polizei bei der Spurensicherung scharf. So habe Botha bei der Erkundung des Tatorts keine Schuhüberzüge getragen. Botha musste zugeben, dass auch die Ermittlungsergebnisse der Rechtsmediziner und der Ballistiker noch nicht vorlägen.

Am Donnerstagmorgen wurde Pistorius in einem Polizeiwagen zur dritten Anhörung vor dem Magistratsgericht gebracht. Dort soll nun über eine Entlassung auf Kaution entschieden werden.

wit/AP/Reuters/AFP/dpa
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