Fall Ouri Jallow Staatsanwaltschaft geht von Freiheitsentzug aus

Ouri Jallow starb bei einem Feuer in einer Polizeizelle. Doch hätte der Asylbewerber überhaupt in Gewahrsam genommen werden dürfen? Nein, meint die Staatsanwaltschaft und strebt gegen den angeklagten Polizisten auch eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung an. Das könnte die Strafe erhöhen. 


Magdeburg - In dem Verfahren um den Tod des Asylbewerbers Ouri Jallow hat die Staatsanwaltschaft zusätzlich zum bisherigen Anklagepunkt der Körperverletzung mit Todesfolge auch eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung mit Todesfolge ins Spiel gebracht. Die Anklage beantragte am Landgericht Magdeburg einen entsprechenden rechtlichen Hinweis. Der bei einem Feuer in einer Dessauer Polizeizelle ums Leben gekommene Mann hätte aus Sicht der Staatsanwaltschaft gar nicht in Gewahrsam genommen werden dürfen.

Jallow war am 7. Januar 2005 bei einem Brand in seiner Zelle gestorben - mit fast drei Promille Alkohol im Blut sowie an Händen und Füßen gefesselt. Der angeklagte ehemalige Polizei-Dienstgruppenleiter soll nicht schnell genug auf das Signal eines Feuermelders in Jallows Zelle reagiert haben. Der Mann aus Sierra Leone soll die Matratze selbst mit einem Feuerzeug angezündet haben.

In einem ersten Verfahren am Landgericht Dessau war der Polizist 2008 freigesprochen worden. Das Urteil wurde aber 2010 vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen Lücken in der Beweisführung und im Urteil aufgehoben. Seit Januar 2011 wird der Fall vor dem Landgericht Magdeburg neu verhandelt.

Laut Verteidigung wurde Jallow zu Recht in Gewahrsam genommen. Unter anderem wegen unterschiedlicher Geburtsdaten und unterschiedlicher Namensschreibweisen sei die Identität schwer festzustellen gewesen. Der Staatsanwaltschaft zufolge hätte die Identität früher festgestellt werden können.

Das Gericht will am Freitag über die Forderung der Staatsanwaltschaft entscheiden. Bei einer Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge droht dem Mann eine Freiheitsstrafe von drei bis 15 Jahren. Das Gericht habe bereits im Herbst darauf hingewiesen, dass auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in Betracht kommen könnte, sagte ein Sprecher. Darauf stehe eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.

Wenn mehrere Straftatbestände vorliegen, könnte sich das strafverschärfend auswirken, sagte der Sprecher. Dies wäre der Fall, wenn das Gericht in einem Urteil beispielsweise auch den Tatbestand der Freiheitsberaubung als erfüllt ansieht.

siu/dpa/dapd



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