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29. Oktober 2016, 13:18 Uhr

DNA-Spur im Fall Peggy

"Du schmeißt es weg oder du machst es sauber"

Ein Interview von

Die vermeintliche Verbindung der Fälle NSU und Peggy könnte auf ein verunreinigtes Werkzeug der Ermittler zurückzuführen sein. Die Forensikerin Nicole von Wurmb-Schwark fordert mehr Sorgfalt von den Behörden.

Der Fund von Uwe Böhnhardts DNA nahe der Stelle, an der Peggys Leiche lag, weckte einen schlimmen Verdacht: Könnte der mutmaßliche NSU-Terrorist auch für den Tod des neunjährigen Mädchen verantwortlich sein?

Die Aufregung war enorm - und wurde am Donnerstag jäh gedämmt. Womöglich brachten die Ermittler die DNA selbst an den Fundort. Ein Messstab war im Fall Peggy eingesetzt worden, der schon bei der Spurensicherung in jenem Wohnmobil Verwendung fand, in dem sich Böhnhardt und Uwe Mundlos umgebracht hatten.

Schon einmal hatte eine derartige Panne wilde Spekulationen ausgelöst. Lange dachten Ermittler, eine Serientäterin wäre an unterschiedlichen Verbrechen in Deutschland und Österreich beteiligt gewesen, unter anderem am Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter. Doch hinter dem "Phantom von Heilbronn" steckten verunreinigte Wattestäbchen: Eine Arbeiterin eines Verpackungsunternehmens hatte ihre DNA an den Stäbchen hinterlassen. Kiesewetter wurde, wie man heute weiß, Opfer des NSU.

Nachdem das Rätsel um das Phantom im Jahr 2009 gelöst worden war, versprach der damalige Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts eine "entscheidende Verbesserung der Spurensicherung".

Was lehrt uns nun der Fall Peggy? Fragen an die Rechtsmedizinerin Nicole von Wurmb-Schwark.

SPIEGEL ONLINE: Frau von Wurmb-Schwark, was für Konsequenzen wurden aus dem "Phantom von Heilbronn" gezogen?

Von Wurmb-Schwark: Die Wattestäbchen waren als "steril" verkauft worden. Das heißt aber nicht, dass sie DNA-frei waren. Mittlerweile gibt es Abstrichtupfer, die mit einem Gas behandelt werden, das beinahe alle DNA-Spuren zerstört. Die kosten dann aber nicht 10 Cent das Stück, sondern eher 90. Wenn ein Labor über 10.000 Stäbchen im Monat benötigt, ist das schon ein beträchtlicher Unterschied. Trotzdem müssen diese Stäbchen seit Heilbronn genutzt werden, die Sensibilität ist höher.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem kam es im Fall Peggy nun offenbar wieder zu einer Panne aufgrund eines Messstabs, der mit DNA verunreinigt war. Wie kann das passieren?

Von Wurmb-Schwark: Nett gesagt ist jemand unaufmerksam gewesen. Oder er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sensibel ein DNA-Nachweis sein kann. Es gibt diesen Messstab, der wurde an einem Tatort eingesetzt. Die Ermittler, die ihn berühren, bedecken ihn während ihrer Arbeit mit sehr viel Fremd-DNA. Die stammt von Gegenständen, die sie mit ihren Handschuhen berührt haben. Dann stellt jemand den Stab irgendwohin, wo es trocken ist. Dort kann sich die DNA Jahrzehnte halten.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie das für wahrscheinlich?

Von Wurmb-Schwark: Nehmen Sie das andere Szenario: Sie haben diesen Wald mit dem Skelett und der Kleidung dieses kleinen Mädchens, das da 15 Jahre lag. In dieser Zeit hat es immer wieder geregnet, die Temperaturen fielen und stiegen. Unter diesen Bedingungen, …was passiert da mit DNA? Das halte ich für weit weniger wahrscheinlich. Ich weiß aber natürlich nicht, unter welchen Umständen genau diese Spur gefunden wurde.

SPIEGEL ONLINE: Gehört es denn nicht zur Gewohnheit von Ermittlern, ihre Gerätschaften nach einem Einsatz zu reinigen?

Von Wurmb-Schwark: Selbstverständlich hat jeder Bearbeiter ausführliche Anweisungen, um Kontaminationen zu vermeiden. Vereinfacht heißt es daher: Entweder du schmeißt es weg, oder du machst es vernünftig sauber. Die kritische Zeit ist ja die Spurensicherung, nicht die Untersuchung im Labor. Wenn am Anfang einer nicht aufpasst, ist das Beweismaterial kontaminiert. Das Problem ist: Viele Mittel, die zur DNA-Reinigung von Gerätschaften verwendet und auch speziell hierzu angeboten werden werden, funktionieren einfach nicht in jedem Fall. Wenn ein Blutklumpen oder ein Hautschüppchen irgendwo an den Geräten haftet, dann tun diese teuren DNA-Reiniger gar nichts, dagegen sind sie machtlos, weil sie nur nackte DNA zerstören können. Für noch in Zellen eingeschlossene und so geschütztere DNA muss man andere Mittel einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich denn DNA zuverlässig entfernen?

Von Wurmb-Schwark: Mit ganz simpler Chlorbleiche. Die macht alles kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man nun weiß, dass so eine Panne derart leicht passieren kann: Welche Beweiskraft haben DNA-Spuren?

Von Wurmb-Schwark: Eine Sicherheit bieten DNA-Spuren alleine nicht. Man muss durchgängig berücksichtigen, wie sie entstanden sein könnten. Durch die immer sensibleren Methoden, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, können wir heute die kleinsten Spuren von DNA nachweisen. Aber wenn die Ergebnisse nicht richtig interpretiert werden, nützt das nichts.

SPIEGEL ONLINE: Wird das von Ermittlern und Richtern entsprechend berücksichtigt?

Von Wurmb-Schwark: Viele von ihnen interessiert nur, ob der DNA-Befund in unseren Gutachten positiv oder negativ ist. Danach werden wir als Experten selten zu Rate gezogen. Ich kenne Richter, die hätten Ihnen vorgestern noch ins Gesicht gesagt: Eine DNA-Kontamination, wie sie jetzt möglicherweise im Fall Peggy vorliegt, ist ausgeschlossen. Bei Verhandlungen werden wir viel zu selten als Sachverständige ins Gericht geladen. Unten im Gutachten stand ja: Die Spur passt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das in Zukunft verbessern?

Von Wurmb-Schwark: Man sollte sich mehr Zeit lassen. Im Fall Peggy wurde ja schon am Anfang erklärt, dass es kein Laborfehler ist. Man ist schnell mit der Meldung "Böhnhardt-DNA bei Peggy gefunden" vorgeprescht. Stattdessen hätte man erst gründlich eine mögliche Verunreinigung durch die Ermittler überprüfen sollen - und zwar mit den DNA-Analysten zusammen.

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