Angeklagter Ulvi K. im Mordfall Peggy Gutachter macht Rückzieher vor Gericht

Im Wiederaufnahmeverfahren wegen Mordes an der kleinen Peggy will der Gutachter ein Falschgeständnis des Angeklagten Ulvi K. nicht mehr ausschließen. Damit korrigiert der Psychiater seine frühere Einschätzung. Ein Schritt, der großen Respekt verdient.
Angeklagter Ulvi K. (2. v. r.) mit Anwälten und Betreuerin: "Ich wusste ja, er erzählt alle möglichen Varianten"

Angeklagter Ulvi K. (2. v. r.) mit Anwälten und Betreuerin: "Ich wusste ja, er erzählt alle möglichen Varianten"

Foto: David Ebener/ picture alliance / dpa

Hat der damals unter Mordverdacht stehende Ulvi K. im Fall Peggy ein falsches Geständnis abgelegt? Gibt es so etwas überhaupt? Auf Grundlage seiner Aussage war K. vom Landgericht Hof 2004 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil als rechtsfehlerfrei; eine ganze Reihe von Richtern war also von den in Hof getroffenen Feststellungen überzeugt. Nun jedoch schloss der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber vor dem Landgericht Bayreuth die Möglichkeit eines Falschgeständnisses nicht aus.

Vor genau 13 Jahren war die kleine Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg zuletzt mit Sicherheit gesehen worden - am 7. Mai 2001, um kurz nach 13 Uhr auf ihrem Heimweg von der Schule. Von da an gibt es die unterschiedlichsten Zeugenbeobachtungen. Der Verbleib des Kindes ist bis heute unbekannt. Und mit Kröbers Expertise ist der Fall ungeklärter denn je.

In Abwesenheit seines damaligen Anwalts hatte Ulvi K. 14 Monate nach Peggys Verschwinden gestanden, das Mädchen auf einem einsamen Weg unterhalb der Lichtenberger Schlossmauer erstickt zu haben. Er habe sich bei dem Kind dafür entschuldigen wollen, es Tage zuvor sexuell missbraucht oder gar vergewaltigt zu haben, sagte er seinerzeit nach dem Ende einer förmlichen Vernehmung zu einem ihm vertrauten Polizisten. Doch Peggy habe die Entschuldigung nicht angenommen, habe gedroht, ihn zu verraten, sei weggelaufen und dabei gestolpert. Er sei dem Kind gefolgt, habe es schließlich zu fassen bekommen und getötet. Die Leiche habe er abseits des Weges abgelegt und mit Zweigen bedeckt.

Angaben allesamt unrichtig

Von diesem Tathergang gibt es in den vielen Vernehmungen Ulvi K.s allerlei Abweichungen. Immer wieder sagte er auch, er habe Peggy nicht umgebracht, er habe mit ihrem Verschwinden nichts zu tun. K. widerrief alles, was er zur angeblichen Tötung Peggys gesagt hatte.

Über die Beseitigung der Leiche machte Ulvi K. die unterschiedlichsten Angaben, die sich allesamt als unrichtig herausstellten. Am Ende blieb die Ungewissheit, ob Peggy tatsächlich von K. umgebracht worden war. Denn es ist kaum vorstellbar, dass ein Mensch vom Erdboden verschwindet, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Die Umstände der Entstehung von K.s Geständnis gelten seit jeher als höchst zweifelhaft. Überdies unterscheiden sich die Erinnerungen der Ermittler einerseits und des damaligen Verteidigers von K. andererseits in ungewöhnlicher Weise. So gibt der Anwalt in Bayreuth als Zeuge an, die Polizei habe seine Abwesenheit wohl "ausgenutzt". Die Polizei habe seinem Eindruck nach gewartet, bis er nicht mehr zugegen gewesen sei. Sein damaliger Mandant sei überdies ein Mensch, der sich "wichtig" vorkomme, wenn er von der Polizei vernommen werde. Er sei nicht abzuhalten gewesen, entgegen anwaltlichem Rat auszusagen.

Wer sagt die Wahrheit?

Andererseits bestätigte der Anwalt der Kripo damals schriftlich, K. jederzeit befragen zu dürfen. "Ich wusste ja, er erzählt alle möglichen Varianten", sagt der Jurist nun als Zeuge vor Gericht. "Ich dachte, es wird jeder merken, dass das alles nicht stimmt." Die Polizei aber suchte sich offensichtlich aus den vielen Versionen K.s schließlich diejenige heraus, die ihr am plausibelsten erschien.

Die Kripo-Beamten wiederum schildern vor Gericht ihre vergeblichen Bemühungen, mit dem Anwalt am Tag der Vernehmung in Kontakt zu treten - was dieser bestreitet. Wer sagt die Wahrheit? Oder beschönigen alle Beteiligten ihr damals möglicherweise nicht ganz einwandfreies Verhalten?

Angesichts der unzähligen offenen Fragen im Fall Peggy scheint nun wenigstens klar zu sein, dass die Angaben des geistig minderbegabten Ulvi K. "nicht ausschließbar ein falsches Geständnis" waren. Im Lichte neuer Forschung, wie Psychiater Kröber in Bayreuth ausführt. Und wenn man davon ausgehe, dass das Geständnis durchaus reale, von K. erlebte Bestandteile enthalte - die allerdings nicht am Tag des Verschwindens von Peggy geschehen sein müssen, sondern zum Beispiel zwei Wochen früher. Oder mit anderen Kindern. Und wenn der zweite Teil des Geständnisses, in dem es um die angebliche Lagerung und Beseitigung der Leiche geht, durch häufiges Nachfragen von Kripo-Beamten in K.s Erinnerungsbild induziert worden sei.

Großer Respekt für Korrektur des Sachverständigen

K. war in Hof nicht zuletzt aufgrund der Expertise Kröbers zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Denn der Berliner Psychiater hielt den Angeklagten für aussagetüchtig und das Geständnis für "mit hoher Wahrscheinlichkeit erlebnisbegründet". Jetzt also die Korrektur, die großen Respekt verdient.

Vieles kommt da zusammen. Da ist zum einen das Bayreuther Gericht, das mit seinen fundierten Fragen selbst einen Sachverständigen wie Kröber offenbar auf neue Gedanken bringt. Außerdem beschäftigte sich die Rechtspsychologie seit dem sogenannten Pascal-Prozess in Saarbrücken wieder vermehrt mit dem Phänomen falscher Geständnisse. Auch in diesem Fall war 2001 ein Kind spurlos verschwunden, und ebenfalls großenteils minderbegabte Personen legten insgesamt neun falsche Geständnisse ab.

In den vergangenen Jahren waren die Zweifel an der Richtigkeit des Hofer Urteils im Fall Peggy so gewachsen, dass es dem Frankfurter Anwalt Michael Euler schließlich gelang, eine Wiederaufnahme des Mordprozesses in Gang zu bringen. So war zum Beispiel die Kritik an den Hofer Richtern nie verstummt, sie hätten jene Kinder nicht ernst genommen, die Peggy nach der angeblichen Tat noch in Lichtenberg gesehen haben wollten. Denn unter diesen kindlichen Zeugen waren Klassenkameraden von Peggy, von denen nicht kurzerhand behauptet werden konnte, vor der Polizei nur dummes Zeug erzählt zu haben.

Zu der Kritik an dem Urteil gehörte auch die damalige Expertise des Psychiaters Kröber. Dass er jetzt bereit war, sie zu modifizieren, verdient hohe Anerkennung: Nicht jeden Tag ist so etwas vor Gericht zu erleben. Kröber ist auf seinem Fachgebiet ein hochangesehener Sachverständiger, seine Gutachten zur Schuldfähigkeit und zur Prognose der Gefährlichkeit von Angeklagten sind meist unangefochten. Aber auf dem Gebiet der Aussagepsychologie zählt er nicht zu den Experten. Das sind Rechtspsychologen wie Kröbers Professoren-Kollegen Max Steller und Renate Volbert oder der Kieler Günter Köhnken. Sie haben mit ihrer Forschung zur Entstehung von Aussagen und auch zum Phänomen falscher Geständnisse in vielen Fällen der Justiz wertvolle Hilfestellung geleistet. Warum die Hofer Staatsanwaltschaft damals ausgerechnet einen Psychiater zur Prüfung der Glaubhaftigkeit eines Geständnisses heranzog, bleibt wohl für immer deren Geheimnis.

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