Getötetes Mädchen Peggy K. "Die Forensiker haben kaum eine Chance"

In einem Wald hat die Polizei Skelettteile der Schülerin Peggy gefunden - nach 15 Jahren. Können Forensiker nun dem Täter auf die Spur kommen? Der Rechtsmediziner Hansjürgen Bratzke ist skeptisch.

Ermittler am Fundort von Peggys Skelett
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Ermittler am Fundort von Peggys Skelett

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Zur Person
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    Hansjürgen Bratzke, Jahrgang 1946, ist Facharzt für Rechtsmedizin. An der Universität Frankfurt war er als Professor jahrelang Direktor des Instituts für Rechtsmedizin. Der Forensiker ist unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Ethikkommission im Frankfurter Uniklinikum.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bratzke, können Experten im Fall Peggy die Todesursache anhand 15 Jahre alter Knochen noch bestimmen?

Bratzke: Eine eindeutige Todesursache lässt sich nach so langer Zeit nur schwerlich ermitteln, da haben die Forensiker kaum eine Chance. Wahrscheinlich ist kein Gewebe mehr vorhanden, Verletzungen wie Stiche oder Blutunterlaufungen lassen sich also kaum noch nachweisen.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn die Leiche seit Peggys Verschwinden 2001 von niemandem berührt wurde?

Bratzke: Darauf kommt es nicht an, sondern auf die Lagerung des Leichnams. Von einem drei Meter unter der Erde im Sarg bestatteten Körper gibt es nach 15 Jahren womöglich noch Gewebereste. Die berühmte Gletschermumie Ötzi wurde sogar für mehr als 5000 Jahren quasi vollständig im Eis konserviert. Aber die sterblichen Überreste dieses Mädchens wurde von einem Pilzsammler entdeckt, sie waren also wohl lange dem Regen, Fliegen, Mäusen und anderen Tieren ausgesetzt. Das wären schon besonders glückliche Umstände, wenn dort mehr als nur Knochen gefunden wurden.

SPIEGEL ONLINE: Auch eine Vergewaltigung ließe sich also nicht nachweisen?

Bratzke: Ausgeschlossen. Es würde mich auch sehr wundern, wenn die Kollegen im Fall Peggy die DNA eines möglichen Täters fänden - wie sollte die an die Knochen kommen? Womöglich haften Rückstände an Gegenständen im Umfeld des Knochenfunds, aber selbst dieses Erbgut wäre ja seit 15 Jahren Bakterien und der Witterung ausgesetzt.

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Der Fall Peggy K.: Eine Neunjährige verschwindet

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass die forensische Untersuchung von Peggys sterblichen Überresten im Grunde sinnlos ist?

Bratzke: Natürlich nicht. Man kann unter Umständen anhand der Knochen indirekt ableiten, auf welche Art Peggy zu Tode kam. Das hängt allerdings davon ab, welche Teile des Skeletts gefunden wurden.

SPIEGEL ONLINE: Der Schädel soll zu dem Knochenfund gehören.

Bratzke: Das würde den Forensikern helfen. Dann könnte man zum Beispiel anhand von Brüchen am Kopf sehen, wenn sie mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden wäre - etwa mit einem Hammer oder einem geformten Gegenstand. Dasselbe gilt für Rippenbrüche, und bei Stichverletzungen könnten auch Knochen getroffen worden sein - das wäre dann wahrscheinlich noch heute erkennbar.

SPIEGEL ONLINE: Ließe sich denn klar erkennen, ob solche Verletzungen auch zum Tod geführt haben?

Bratzke: Nein, das ist ein Problem. Knochenbrüche könnten auch vergleichsweise jung sein oder sogar erst beim Bergen entstanden sein. Das lässt sich ohne Gewebeteile auch nicht klären. Und falls Peggy erdrosselt worden sein sollte, wäre das an den oberen Kehlkopfhörnern auch nicht zu erkennen: Die sind erst bei alten Menschen so verknöchert, dass sie noch Jahre nach dem Tod erhalten sind.

SPIEGEL ONLINE: Und falls Peggys Mörder sie gar nicht angefasst hat, sondern das Mädchen zum Beispiel vergiftet wurde?

Bratze: Man kann auch Knochen toxikologisch untersuchen, aber die Ergebnisse müssen vorsichtig interpretiert werden: Das ist ein Trial-and-Error-Verfahren, das ins Leere laufen kann. Und wenn doch was rauskommt, müsste man prüfen, ob die gefundenen Giftstoffe beispielsweise Fäulnisabfallprodukte sind, die bei der Verwesung des Leichnams entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sehen, ob die sterblichen Überreste die ganze Zeit in dem thüringischen Waldstück lagen, wo sie gefunden wurden?

Bratzke: Nicht mit Sicherheit. Bei einem vor Kurzem gestorbenen Menschen lässt sich ein Transport nach dem Tod meist nachweisen, aber nicht nach 15 Jahren. Andererseits: Knochen verändern sich im Laufe der Jahre in freier Natur, sie werden heller und verlieren Fett. Und wenn man die ökologischen Bedingungen am Fundort seit 2001 rekonstruieren kann, lässt sich zumindest einschätzen, ob der Körper dort die ganze Zeit gelegen haben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Also verraten die Skelettteile etwas über den Todeszeitpunkt.

Bratzke: Ja, zumindest grob. Die Länge der Knochen gibt beispielsweise Aufschluss darüber, ob Peggy zum Zeitpunkt ihres Todes wirklich neun Jahre alt gewesen sein kann - oder ob sie nach ihrem Verschwinden noch mehrere Jahre gelebt hat, etwa in Gefangenschaft. Ein präzises Sterbedatum oder gar eine Uhrzeit lässt sich mit dieser Methode aber nicht ermitteln.

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Video: Nach Leichenfund neue Ermittlungen im Fall Peggy

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