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14. Oktober 2016, 10:16 Uhr

Fall Peggy Knobloch

Die neuen Spuren zum NSU

Von , München

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle in Deutschland könnte eine neue Wendung nehmen: Dort, wo die Leiche der kleinen Peggy Knobloch lag, fand sich eine DNA-Spur - sie führt zum NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt.

Ein Waldstück bei Nordhalben an der Grenze zu Thüringen im Kreis Saale-Orla. Man muss Ortskenntnis haben, um den Platz zu finden. Zunächst die enge Landstraße bei Rodacherbrunn entlang fahren, dann zu Fuß ein Stück in den Wald hinein. Zufällig kommt hier niemand vorbei, außer, er hat sich verirrt.

Im Unterholz wurde am 2. Juli von einem Pilzsammler die Leiche von Peggy Knobloch gefunden, 15 Jahre nach ihrem spurlosen Verschwinden aus dem Städtchen Lichtenberg, das nur 15 Kilometer entfernt liegt. Noch näher liegt das bisher leere Grab von Peggy, das ihre Mutter am Friedhof von Nordhalben errichtet hat.

Hundertschaften der Polizei mit Spürhunden hatten die Gegend nach dem 7. Mai 2001 durchsucht, als Peggy, damals neun Jahre, nach der Schule verschwunden war. Vergeblich. Das Versteck der Leiche war offensichtlich gut gewählt. Fest steht zumindest: Der Fundort war nicht der Tatort.

Auch deshalb gingen die Ermittler seit dem 2. Juli davon aus, dass der Täter den Wald bei Rodacherbrunn kannte und im näheren Umfeld von Peggy zu suchen sei. Bei Nachbarn, Verwandten oder Freunden aus der Umgebung.

Seit Donnerstagnachmittag scheint diese These zu wanken. Auf einem sehr kleinen Stofffetzen, kaum einen Zentimeter groß, der in der Nähe von Peggys Leiche gefunden wurde, entdeckten Kriminaltechniker die DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. Der Stoff könnte von einer Decke stammen.

War Böhnhardt der Täter? Könnte der Neonazi, der sich 2011 zusammen mit seinem Komplizen Uwe Mundlos in Eisenach erschossen haben soll, nicht nur neun ausländische Kleinunternehmer und die Heilbronner Polizistin Michele Kiesewetter ermordet haben, sondern tatsächlich auch ein neunjähriges Mädchen? Zwischen dem Mord an dem Blumenhändler Enver Simsek im September 2000 und dem Mord an dem Änderungsschneider Abdurrahim Özüdogru am 13. Juni 2001, jeweils in Nürnberg? Die neuen Fragen.

Der Spur-Spur-Treffer

Wie kommt die DNA von Böhnhardt auf ein Stück Stoff, das in der Nähe von Peggys Leiche am Waldboden lag? Vielleicht erst im Labor in der Rechtsmedizin Jena? Böhnhardts Leiche wurde 2011 im gleichen Institut untersucht wie das Skelett von Peggy.

Eine Übertragung durch Untersuchungsmaterial, die Ermittler einen Spur-Spur-Treffer nennen, wird jedoch inzwischen fast ausgeschlossen. In Jena seien ausschließlich Skelettreste des Mädchens untersucht worden, teilte das dortige Institut für Rechtsmedizin mit. Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren sei hingegen nicht in Jena durchgeführt worden. Eine "etwaige zufällige Übertragung" in Jena sei ausgeschlossen.

"Es gibt mehrere Möglichkeiten der Verunreinigung", hatte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel aus Bayreuth gesagt, ohne Details zu nennen. "Wir wollen den Weg der Spur genau und sicher überprüfen."

Den Spur-Spur-Treffer gab es in den vergangenen Jahren in zwei ebenfalls spektakulären Kriminalfällen: Im Mordfall Kiesewetter ließen verunreinigte Wattestäbchen die Polizei nach einer Frau als Täterin fahnden, dem "Phantom von Heilbronn".

In München wurde in der Wohnung des Mordopfers Charlotte Böhringer, einer reichen Unternehmerin, auf einem Glas in der Spülmaschine die DNA eines Mannes gefunden, der seine Spuren bereits auf der Holzkiste hinterlassen hatte, in der 1981 die damals zehnjährige Ursula Herrmann qualvoll erstickte. Er wurde nie ausfindig gemacht. Man hielt die Spur schließlich für die Folge von Schlamperei im Labor.

Die Decke

Noch völlig offen ist, ob das Stück Stoff, das Polizisten erst bei der zweiten Untersuchung des Leichenfundorts fanden, mit Peggy zu tun hat.

Der Stofffetzen lag nicht unmittelbar neben dem Skelett. Lag er zufällig im Wald, weil jemand vor vielen Jahren die Decke weggeworfen hatte? Ein eher unglaublicher, aber nicht unmöglicher Zufall. Möglicherweise kannte der Täter jedoch Uwe Böhnhardt und hatte die Decke von ihm bekommen. Oder sie befand sich in einem Gebrauchtwagen, den der Täter von Böhnhardt irgendwann gekauft hatte. Dritte Variante: Der Täter kannte Böhnhardt und bat ihn, beim Abtransport der Leiche zu helfen.

Die Pädophilen

Offensichtlich lebte Peggy Knobloch umgeben von Pädophilen. In einem Gasthaus in der Nachbarschaft der Familie Knobloch traf sich nach Erkenntnissen der Fahnder regelmäßig eine Clique, die Kinderpornografie getauscht haben soll. Gegenüber von Peggys Elternhaus lebte ein Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs kleiner Mädchen zu Haftstrafen verurteilt wurde.

Ein Halbbruder des Nachbarn, der häufig zu Besuch war und später als Hauptverdächtiger galt, wurde wegen schweren Missbrauchs seiner kleinen Tochter und eines weiteren Mädchens zu langer Haft verurteilt. Auf dem Computer des Bruders, der in der Wohnung über Peggy lebte, fand sich ebenfalls Kinderpornografie. Auch Uwe Böhnhardt war 1993 nach einem Mord an einem neunjährigen Jungen in Jena in den Blick der Ermittler geraten, dann aber nur als Zeuge vernommen worden.

Hatte Böhnhardt Kontakt mit einem Pädophilen aus Lichtenberg? Könnte er auf diese Weise von der hübschen, blonden Peggy erfahren haben, die nach der Schule oft allein durch die Straßen lief, wenn die Eltern bei der Arbeit waren?

Die Besucher

2013 rollte die bereits dritte Soko Peggy den Vermisstenfall noch einmal auf und vernahm stundenlang die Mitbewohner von Peggys Mutter. Dabei stellte sich heraus, dass sehr häufig Zimmer im Haus an Kollegen von Peggys Stiefvater untervermietet wurden. Die Männer, meist Lkw-Fahrer, konnten dort mehrere Wochen im Jahr übernachten und hatten engen Kontakt zur Familie.

Kannte einer von ihnen auch den Neonazi Böhnhardt? Brachte er ihn vielleicht sogar mit nach Lichtenberg? Hatte jemand Böhnhardts Decke im Auto? Wer waren die Männer? Lässt sich heute noch herausfinden, wer wann bei Knoblochs Gast war?

Die Zeugen

Für die Soko Peggy bedeutet der spektakuläre DNA-Fund, dass sie nun Zeugenaussagen prüfen muss, die vor vielen Jahren überhaupt nicht ernst genommen und schließlich als vernachlässigbar abgeheftet wurden.

Da ist zum einen ein rotes Auto, das am Marktplatz nahe Peggys Haus gehalten haben soll. Zwei Zeugen sagten 2001 unabhängig voneinander aus, Peggy sei in das Auto eingestiegen. Gab es das Fahrzeug? Wem gehörte es? Ist also doch der unbekannte Fremde Peggys Entführer, möglicherweise Böhnhardt oder einer seiner Freunde?

Neues Gewicht haben jetzt zudem wieder zahlreiche Aussagen über Peggys Aufenthalt in Lichtenberg am Tag ihres Verschwindens. Die Polizei geht noch immer davon aus, Peggy sei nach der Schule auf dem Heimweg entführt worden, zwischen 13 und 14 Uhr. Anwohner wollen sie aber auch nachmittags und sogar bei Anbruch der Dunkelheit noch in Lichtenberg gesehen haben. Das versicherten sie immer wieder, geglaubt hat ihnen niemand.

Eine ebenfalls als geradezu erfunden geltende Beobachtung hatten die Ermittler schnell zur Seite gelegt: Zwei Nachbarn wollen Peggy an der Hand einer dunkelhaarigen jungen Frau gesehen haben, die mit ihr über eine Wiese in der Nachbarschaft lief. Die Polizei ging jedoch davon aus, dass es die Frau entweder nie gab oder dass es sich um eine Mutter aus dem Ort handelte, die mit ihrer Tochter unterwegs war.

Ist es doch anders gewesen? Gibt es diese Unbekannte und war sie möglicherweise eine Komplizin von Böhnhardt?

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth, die den Fall Peggy seit einigen Jahren wieder untersucht, versicherte, man werde nun erneut in alle Richtungen ermitteln. Und auch im NSU-Prozess könnte die neue Spur Folgen haben. Dort ist die mutmaßliche Böhnhardt-Komplizin Beate Zschäpe die Hauptangeklagte.

Der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, Vertreter der Nebenklage, forderte Zschäpe auf, sich zu den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zu äußern. "Ich würde mir wünschen, dass Frau Zschäpe auch in diesem Fall an der Aufklärung mitwirkt und auspackt, was sie dazu weiß", sagte Daimagüler dem "Kölner Stadt-Anzeiger".


Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, in Jena seien auch Gegenstände vom Leichenfundort im Fall Peggy untersucht worden. Das dortige Institut für Rechtsmedizin teilte jedoch mit, man habe ausschließlich Skelettreste untersucht. Die DNA Böhnhardts wurde an einem Stück Stoff festgestellt. Da die Spurensicherung und -Spurenuntersuchung im Fall Peggy nicht in Jena stattgefunden habe, sei eine zufällige Übertragung von DNA zwischen den beiden Fällen in Jena ausgeschlossen, so das Institut. Wir haben die entsprechende Textstelle angepasst.

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