Fall Stephanie "Wir haben Unglaubliches gesehen"

Im Stephanie-Prozess wurden heute unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Filme gezeigt, die Mario M. selbst von der sexuellen Misshandlung der 13-jährigen gedreht hatte. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten das Abspielen der Bänder gefordert - um einen Eindruck davon zu bekommen, was Stephanie angetan worden sei.


Dresden - Als Anwalt Ulrich von Jeinsen vor die Journalisten tritt, ist er sichtlich erschüttert. Er hat gerade zusammen mit dem Gericht Ausschnitte aus den Videos gesehen, die der Angeklagte Mario M. von den sexuellen Misshandlungen und Vergewaltigungen Stephanies produziert hat. Die Richter der Jugendschutzkammer am Dresdner Landgericht hatten zuvor entschieden, das vom Angeklagten angefertigte Filmmaterial über das sexuelle Martyrium der damals 13-Jährigen anzusehen und als Beweislast in die Verhandlung aufzunehmen.

Die gezeigten Grausamkeiten hätten seine Befürchtungen und Vorstellungen übertroffen, sagt der Anwalt der Familie von Stephanie. "Es ist unglaublich, was wir gesehen haben", fügt er hinzu. Still sei es dabei im Saal gewesen.

Die Eltern, die als Nebenkläger auftreten, hatten vor dem Verhandlungssaal gewartet, denn die Videos wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt. Rund eine Stunde dauerte die Vorführung.

Beklemmend wird es auch, als im öffentlichen Teil der Verhandlung aus drei Briefen vorgelesen wird, die Stephanie während ihrer Gefangenschaft geschrieben hatte. In den an ihre Eltern gerichteten Schriftstücken, die später in der Wohnung des Angeklagten gefunden wurden, fleht die Schülerin, dass Gott ihr helfen möge, freizukommen und ihre Eltern bald wiederzusehen. Ihr Vater im Saal kämpft in diesem Moment mit den Tränen.

Zu Beginn des sechsten Verhandlungstages hatte der Anwalt von Mario M. beantragt, den ZDF-Fernsehmoderator Johannes B. Kerner als Zeugen zu laden. Nach Ansicht der Verteidigung habe Kerner in einem am 16. September ausgestrahlten TV-Interview Stephanie mit seiner Fragestellung dazu gebracht, den Tod ihres Entführers herbeizuwünschen. Das Interview habe die Menschenwürde und die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten angetastet, meint der Anwalt. Aus dem Büro von Johannes B. Kerner hieß es zu dem Antrag nur: "Zu dieser Angelegenheit liegt uns nichts vor."

Eine als Zeugin geladene Bewährungshelferin von M. beschreibt den 36 Jahre alten Angeklagten vor Gericht als eigenwillige, kontaktarme, aber zielstrebige Person. Er habe nicht das Leben eines Menschen seines Alters geführt, sagt sie. Die Bewährungshelferin betreute M. von Mai 2002 bis Februar 2004 nach seiner Haftentlassung aus Bautzen, wo er wegen Vergewaltigung einer 14-Jährigen einsaß.

"Offen und bereitwillig" habe er ihr Anfang 2003 auch erzählt, dass er damals öfters Besuch von Mädchen bekommen habe, die seine Hunde spazieren führen wollten. Sie habe ihn auf die "gefährliche Situation" hingewiesen. Daraufhin habe man eine Regelung vereinbart, wonach keines der Mädchen einzeln und allein bei ihm in der Wohnung sein durfte. Daran habe sich M. ihres Wissens auch gehalten.

Der Angeklagte hatte zu Prozessauftakt gestanden, Stephanie im Januar entführt und 36 Tage lang in seiner Wohnung gefangen gehalten und sexuell missbraucht zu haben.

Sandra Hänel, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.