Freundin über Angeklagten im Fall Susanna "Wenn er Probleme hatte, wurde er aufbrausend"

Ali B. hat gestanden, die 14 Jahre alte Susanna getötet zu haben. Vor Gericht beschrieb nun eine Freundin das intrigante Intimleben des Angeklagten. Auch andere Mitglieder der Familie kamen dabei nicht gut weg.

Ali B.: Mit Frauen machte er, was er wollte
Boris Roessler/DPA

Ali B.: Mit Frauen machte er, was er wollte

Von , Wiesbaden


13.000 Dollar und elf Tage Zeit kostete Familie B. vor vier Jahren die Flucht vom Nordirak nach Deutschland. Über die Serbienroute kamen Hashim und Kalida B. mit ihren acht Kindern nach Gießen in ein Erstaufnahmelager. Ihr Antrag auf Asyl wurde im Dezember 2016 abgelehnt - nur zwei Töchtern wurde subsidiärer Schutz gewährt.

Eine von ihnen betritt zögernd den Saal 0.020 des Landgerichts Wiesbaden. Ihr Blick sucht die Anklagebank, auf der ihr jüngerer Bruder Ali sitzt. Er hat gestanden, im Mai vergangenen Jahres die 14 Jahre alte Susanna aus Mainz getötet zu haben.

Ali B. starrt zum Richtertisch. Erst als seine Schwester im Zeugenstand Platz nimmt, schaut er zu ihr. Die Situation zehrt an der 30-Jährigen, sie schlägt beide Hände vor Mund und Nase. "Ich habe in diesem Verfahren nichts zu sagen", lässt sie den Dolmetscher übersetzen. Es ist ihr Recht, als Angehörige des Angeklagten die Auskunft zu verweigern.

Als sie geht, fragt der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk, ob sie Auslagen hatte. "Ich hatte keine Auslagen", sagt die Schwester. "Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nichts sage." Vor der Tür zum Saal bricht sie in Tränen aus. Die zweite Schwester weint bereits, als der Richter sie nach ihren Personalien fragt. Auch sie macht Gebrauch vom Zeugnisverweigerungsrecht.

Es sind zwei kurze, aber aufwühlende Begegnungen, die bestätigen, was die erste Zeugin an diesem zwölften Verhandlungstag vor Gericht sagt: "Die Familie B. hatte immer einen starken Zusammenhalt." Die Zeugin heißt Sabrina, sie ging bei den B.s ein und aus. Sie hatte im Jahr 2017 über Monate eine Beziehung zu Ali B., der zu dieser Zeit offiziell mit dem Mädchen Adel liiert war.

Sabrina hat er nie geschlagen

Sabrina war gern bei den B.s, die sie aufnahmen wie ein Familienmitglied und ihr anboten, sich bei ihnen in der Asylunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim wie zu Hause zu fühlen. Das tat die heute 17-Jährige auch. Ihr imponierte, wie die Familie fest zueinanderstand. Sabrina selbst durchlebte damals "eine schwierige Zeit", wie sie sagt. "Allah wird dich beschützen", beruhigten die B.s das Mädchen.

Die Konfrontation mit Ali B. auf der Anklagebank wühlt auch Sabrina auf, sie weint vor Gericht, als sie aus der heimlichen Liaison mit Ali B. berichtet. Ihr imponierte, wie er für sie sorgte und auf sie aufpasste; wie er ihrer Mutter schrieb, er werde Sabrina nach Hause bringen: "Ja, mache ich, Mama."

Sabrina sagt, Ali B. sei "respektvoll", "sehr freundlich", "nicht zärtlich, aber auch nicht grob" zu ihr gewesen. Seine Freundin Adel habe von ihm "eine Backpfeife" kassiert. Sie nicht.

Doch im Verlauf der Vernehmung wird klar, dass Ali B. Sabrina anders behandelte, weil sie machte, was er wollte; weil sie kam, wenn er rief; weil sie akzeptierte, dass sie nicht die einzige Frau an seiner Seite war und weil sie sich von ihm in die Schranken weisen ließ.

Zwei Freundinnen und andere Mädchen in sozialen Medien "gecheckt"

Ali B. selbst kannte keine Schranken. Er gab sich dem Alkohol hin, der in der Familie B. untersagt war. Er nahm Kokain, Marihuana und Haschisch und schickte Sabrina Bilder zum Beweis. Auch seine Brüder konsumierten Drogen, sagt Sabrina. "Er war alles: Er war entweder total glücklich, oder wenn er Probleme hatte, wurde er aufbrausend."

Hinter dem Rücken seiner festen Freundin Adel "checkte" Ali B. andere Mädchen in den sozialen Medien, schrieb und flirtete mit ihnen. Wenn sie keine Jungfrauen mehr waren, bezeichnete er sie als "Schlampen" oder "Huren". Warum er das machte? "Aus Spaß", sagt Sabrina.

Ali B. trug immer ein schwarz-silbernes Messer bei sich, dessen Klinge er herausspringen lassen konnte. Er sagte Sabrina, er brauche das, falls er sie beschützen müsse. Im Dezember 2017 beendete Sabrina die heimliche Beziehung zu Ali B., der sich nicht zu ihr bekannte und die Beziehung zu Adel aufrechthielt.

Genau vor einem Jahr, am 22. Mai 2018, rief Ali B. dreimal bei Sabrina an: Um 21.18 Uhr, um 21.20 Uhr und um 21.22 Uhr. Kein Gespräch dauerte länger als eine Minute. Worüber sie an jenem Abend - mehr als fünf Monate nach der Trennung - gesprochen hätten, will Richter Bonk wissen. Ali B. habe gefragt, wie es ihr gehe, was sie mache. Das habe er oft getan, sagt Sabrina.

Es war der Abend, an dem Susanna verschwand. Wenige Stunden später tötete Ali B. die 14-Jährige, nachdem er sie laut Anklage vergewaltigt hatte. Danach flüchtete er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern - deren Asylanträge abgelehnt worden waren - in seine irakische Heimat.

Von dort nahm er Kontakt zu Sabrina auf. "Er schrieb mir, ich solle zu ihm in den Irak kommen", sagt sie. Zu dem Zeitpunkt wusste sie nicht, dass er Susanna auf dem Gewissen hatte. Er würde sie mit dem Auto am Flughafen abholen, schrieb ihr Ali B. Okay, antwortete Sabrina.

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