Prozess zum Fall Susanna Kronzeuge in Angst

Er gab im Mordfall der 14-jährigen Susanna den entscheidenden Hinweis: Mansoor Q. lenkte den Tatverdacht auf Ali B. Als Zeuge wirkt der Jugendliche eingeschüchtert - bis der Angeklagte den Saal verlassen muss.

Ali B. (Mitte), inzwischen im Mordfall Susanna angeklagt, wird zum Polizeipräsidium Westhessen gebracht (Archivfoto)
DPA

Ali B. (Mitte), inzwischen im Mordfall Susanna angeklagt, wird zum Polizeipräsidium Westhessen gebracht (Archivfoto)

Von , Wiesbaden


Mansoor Q. betritt den Saal 0.020 des Landgerichts Wiesbaden, die Hände auf den Rücken gefesselt, den Kopf gesenkt. Ali B. lässt ihn kaum aus den Augen, er fixiert Mansoor Q. mit festem Blick.

Es ist offensichtlich, warum Mansoor Q. - eigenen Angaben zufolge 14 Jahre alt - gewartet hat, bis sich Ali B. im vergangenen Juni mit seiner Familie in seine irakische Heimat abgesetzt hatte: Mansoor Q. hat Angst. Erst nach Ali B.s Flucht traute sich Mansoor Q. auf eine Polizeiwache in Wiesbaden. Was er dort aussagte, zerschlug die Hoffnung aller, die zwölf Tage lang nach der vermissten Susanna aus Mainz, 14 Jahre alt, gesucht hatten.

Susanna sei tot, sagte Mansoor Q. damals. Er nannte die Gegend, in der sie vergraben worden war, und die Person, die sie getötet haben soll: Ali B., ein im Oktober 2015 eingereister Flüchtling aus Sachu, einer Stadt im Kurdengebiet im Norden des Irak. Er muss sich derzeit wegen Mordes an Susanna verantworten.

Im Gerichtssaal setzt sich Mansoor Q. zwischen seinen Anwalt und einen Dolmetscher. Er erzählt, dass auch er mit seinen vier Brüdern, zwei Schwestern und den Eltern im Herbst 2015 nach Deutschland kam, erst nach Gießen, nach Kassel, schließlich in die Asylunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim, in der auch Ali B. mit seiner Familie einquartiert war; dass er die deutsche Sprache lernte, zur Schule ging und Ali B.s jüngeren Bruder Haji kennenlernte, der sein bester Freund wurde. Er erzählt, wie sie mit drei weiteren Teenagern zusammen in einem Park und in Fast-Food-Läden abhingen, wie sie Spaß hatten und machten. "Sonst nichts."

Er meidet den Blick nach links, wo Ali B. sitzt und ihn fokussiert

Mansoor Q. fühlt sich unwohl, es ist ihm anzusehen. Er meidet den Blick nach links, wo Ali B. sitzt und ihn fokussiert. Als ihn der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk fragt, wie er Ali B. kennengelernt habe, wie er ihn beschreiben würde, was dieser für ein Typ sei, wird Mansoor Q. einsilbig. "Er war ein guter Junge", sagt Mansoor Q. Er habe nicht viel Kontakt mit ihm gehabt, einmal habe ihn Ali B. mit einem Messer bedroht. Ali B. sei betrunken gewesen, aber mehr könne er zu dem Vorfall nicht sagen.

Mansoor Q.s Anwalt schaltet sich ein. Sein Mandant mache auf ihn einen "sehr gehemmten, sehr ängstlichen" Eindruck, das wirke sich auf Qualität und Inhalt der Zeugenaussage aus, sagt Michael Harschneck und beantragt den vorübergehenden Ausschluss von Ali B. nach Paragraf 247a der Strafprozessordnung. Staatsanwaltschaft und Nebenklage befürworten das Vorgehen. "Der Eindruck der Angst ist offensichtlich", sagt Petra Kaadtmann, die Anwältin von Susannas Mutter. "Der Angeklagte sucht permanent Blickkontakt und versucht, den Zeugen einzuschüchtern", sagt Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter. Ali B.s Verteidiger sehen keine Einschränkung in der Aussagetüchtigkeit des Zeugen. Die Kammer zieht sich zur Beratung zurück.

"Im Sinne der Sachaufklärung" aus dem Saal entfernt

Um 11.25 Uhr verkündet Richter Bonk den Beschluss: Ali B. wird "im Sinne der Sachaufklärung" aus dem Saal entfernt. Er verfolgt die weitere Vernehmung des Zeugen via Video in einem anderen Raum. Eine Stunde später sprudelt es aus Mansoor Q. heraus: Ali B. trinke oft und zu viel, halte sich an keine Regeln, neige zu Gewalt und habe ihm stolz eine Pistole präsentiert.

In jener Nacht, als Ali B. ihn mit einem Messer bedrohte, habe Ali B. im Kurpark ein Mädchen vergewaltigen wollen. "Er wollte mich zwingen, das mit ihm zu vollziehen", behauptet Mansoor Q. Er habe sich geweigert, Ali B. sei wütend geworden.

Susanna habe er geraten, sich von Ali B. fernzuhalten, sagt Mansoor Q. Auch sie habe Angst vor Ali B. gehabt und erzählt, dass er sie gegen ihren Willen zweimal angefasst habe. Auf einer Busfahrt in die Wiesbadener Innenstadt soll Ali B. von Susannas erotischem Aussehen geschwärmt und gesagt haben: "Wenn sie nicht mit mir schläft, bringe ich sie um."

Wer hätte gedacht, dass er Ali B. mal wieder begegnet?

Als Mansoor Q. im Juni vergangenen Jahres bei der Polizei Ali B. des Mordes beschuldigte, hat er vermutlich nicht damit gerechnet, dass man Ali B. finden und nach Deutschland ausliefern würde. Und erst recht nicht, dass er ihm eines Tages wieder begegnen würde.

Es ist nicht die erste Begegnung der beiden Geflüchteten seit Ali B.s Festnahme: Sie sind zusammen in einem gesonderten Verfahren - vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Wiesbaden - wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellem Missbrauch angeklagt. Das ist auch der Grund, warum Mansoor Q., der im Mordprozess gegen Ali B. an diesem Tag doch nur als Zeuge geladen ist, den Gerichtssaal aber über denselben Geheimweg aus dem Keller betritt wie der Angeklagte. Und warum auch er gefesselt und von Justizwachtmeistern eskortiert wird.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.