Ex-Freundin des Beschuldigten im Fall Susanna "Er bezeichnete jedes andere Mädchen als Schlampe"

Ali B. gibt zu, die 14-jährige Susanna aus Mainz getötet zu haben. Vor Gericht wurde nun seine damalige Freundin befragt, die viel Zeit mit ihm verbrachte. Sie erzählt von seinem kruden Frauenbild.

Krudes Frauenbild: Ali B. soll sehr viele Frauen zu "Schlampen" erklärt haben
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Krudes Frauenbild: Ali B. soll sehr viele Frauen zu "Schlampen" erklärt haben

Von , Wiesbaden


Nach ihrer Befragung wundern sich die Zuhörer in Saal 0.020 des Landgerichts Wiesbaden, wie ein Mädchen wie Adel einem jungen Mann wie Ali B. sein Herz schenken konnte. Adel ist 17 Jahre alt, mitten in der Ausbildung. Sie sieht jünger aus, trägt einen karierten Blazer, schwarze Turnschuhe. Ein Jahr lang war sie mit dem mutmaßlichen Mörder der 14-jährigen Susanna aus Mainz in einer festen Beziehung.

Zweieinhalb Stunden lang steht sie den Prozessbeteiligten Rede und Antwort, sie spricht in ruhigem Ton, wohlüberlegt und sachlich. Sie kannte Ali B. demnach ein Jahr lang, bevor sie ein Paar wurden; sie kennt seine Eltern, seine vier Brüder, seine drei älteren Schwestern. Fast jeden Tag war sie bei der Familie zu Hause, im Flüchtlingsheim in der Kreuzberger Straße in Wiesbaden.

An manchen Tagen holte Ali B. sie von der Schule ab, Adel machte gerade ihren Realschulabschluss. An manchen Tagen brachte sie erst ihre Tasche nach Hause, fuhr danach direkt zu ihm. Sie hingen in seinem Zimmer ab, spazierten am Rhein entlang, trafen Freunde in der Innenstadt oder gingen schwimmen. Wenn sie auseinandergingen, telefonierten sie noch mehrmals; oft mitten in der Nacht, bis Adel am Telefon einschlief. Es klingt nach einer harmlosen Teenagerliebe.

Er kannte alle ihre Passwörter

Doch auf Nachfragen hin trübt sich das Bild: Ali B. kassierte Adels Handy ein, wenn sie zusammen waren, manchmal behielt er es über Nacht. Er kannte alle ihre Passwörter, konnte angeblich über eine App die Nachrichten mitlesen, die sie via WhatsApp versendete und erhielt. Er verbot ihr den Kontakt zu Freunden und trug immer ein Messer bei sich.

Ob er sich ihr gegenüber immer freundlich und liebevoll verhalten habe, auch wenn sie intim miteinander gewesen seien, will die psychiatrische Gutachterin wissen. Zu ihr sei er "immer nett" gewesen, deshalb sei sie "ja auch mit ihm zusammen" gewesen, sagt Adel vor Gericht.

Sie sah ihm offensichtlich nach, dass unter Alkoholeinfluss sein Aggressionslevel stieg, dass er seinen jüngeren Bruder mit einem Gürtel schlug, dass er sie zu Unrecht des Fremdgehens beschuldigte, sie, ihre Mutter, ihre gesamte Familie beleidigte. All das erzählt sie selbst, sie hat es beobachtet, miterlebt, ausgehalten.

Ali B. war eifersüchtig, sagt Adel. Er unterstellte ihr Affären, beschimpfte sie als "Schlampe". Eine Diffamierung, die im Fall Ali B. mehr sein könnte als ein bloßes Schimpfwort. In einer Vernehmung soll er auch Susanna, deren Tötung er vor Gericht eingeräumt hat, als "Schlampe" bezeichnet haben, weil für ihn alle Mädchen "Schlampen" sind, die allein auf die Straße gehen dürfen.

Seine ehemalige Freundin Adel bestätigt vor Gericht Ali B.s krudes Frauenbild: "In meiner Gegenwart bezeichnete er jedes andere Mädchen als Schlampe." Auch Susanna habe er ihr gegenüber als solche dargestellt, weil diese mit Jungs aus der Clique seines jüngeren Bruders geschlafen habe. Was nicht stimmt.

Susanna kannte Adel nur flüchtig. Das lag laut Adel daran, dass Susanna, 14 Jahre alt, mit Gleichaltrigen und Ali B.s jüngerem Bruder Zeit verbrachte. Adel sagt, sie sei Susanna nur selten begegnet, sie habe sie als zurückhaltend, eher ruhig empfunden.

Den Nachmittag, bevor Susanna mutmaßlich starb, verbrachte Adel mit Ali B. Sie tranken Wodka mit Energydrinks, Ali B. pflückte für seine Freundin im Kurpark Blumen, irgendwann trafen sie auf die Clique seines jüngeren Bruders. Adel musste nach Hause, alle begleiteten sie zum Platz der Deutschen Einheit und stiegen dort gemeinsam in den Bus - auch Susanna.

Susanna und Ali begleiteten Adel noch die Hälfte des Heimwegs, kehrten dann um und fuhren davon. Mehrfach versuchte Adel danach, Ali auf seinem Handy zu erreichen - doch er wimmelte sie ab. Zuletzt sprach sie mit ihm um 1.09 Uhr. Sieben Minuten und 29 Sekunden lang. Ali B. sagte, er habe ein Problem, er werde ihr alles später erklären.

Irritierte es sie nicht, dass ihr Freund zwei Leichen vergraben haben soll?

Als Adel ihn am nächsten Tag auf das Telefonat ansprach, zierte sich Ali zunächst. Wenn er ihr die Wahrheit erzähle, werde sie Schluss machen, sagte er ihr und tischte ihr die Lüge auf: Er habe am Abend zuvor eine Flasche Wodka getrunken, habe einen Mann getroffen, mit dem er in der Vergangenheit schon einmal aneinandergeraten sei, und sich mit ihm geprügelt. Er habe sich nicht mehr kontrollieren können und den Mann getötet.

Bei der polizeilichen Vernehmung hatte Adel noch erklärt, Ali B. habe davon gesprochen, in eine Prügelei verwickelt worden zu sein, in deren Verlauf zwei weitere Männer jenen Mann getötet hätten. Als Oberstaatsanwalt Schneider sie mit ihrer Aussage auf dem Revier konfrontiert, korrigiert sich Adel: "Ja, stimmt, er hatte gesagt, die Männer hätten den Mann getötet, er habe aber beim Vergraben helfen müssen."

Als wenige Tage später ein Foto Susannas in der öffentlichen Fahndung auftauchte, schickte Adel Ali B. einen Screenshot: "Ist das nicht eine Freundin deines jüngeren Bruders?" Ali B. habe ihr daraufhin gestanden, er sei von einem Mann gezwungen worden, auch beim Vergraben von Susannas Leichnam zu helfen. Dieser Mann, Mitglied der Mafia, habe Ali B. gedroht, ansonsten dessen Schwester etwas anzutun.

Irritierte es Adel nicht, dass ihr Freund innerhalb weniger Tage zwei Leichen vergraben haben soll? "Ich habe Ali B. eigentlich immer alles geglaubt, was er zu mir gesagt hat. Unabhängig davon, ob es logisch war oder nicht."

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