Familie Lübcke nach dem Urteil im Mordprozess Der Schmerz, der bleibt

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke haben die Hinterbliebenen Haltung gezeigt. Mit dem Urteil beginnt für sie ein neuer Abschnitt. Wie schwer der sein wird, hat das Verfahren deutlich gezeigt.
Aus Frankfurt am Main berichtet Julia Jüttner
Die Familie Lübcke im Juni 2020: Der Freispruch von Markus H. hat sie hart getroffen

Die Familie Lübcke im Juni 2020: Der Freispruch von Markus H. hat sie hart getroffen

Foto: Thomas Lohnes/ dpa

Es gab nur wenige Tage, an denen sie nicht erschienen, um die Hauptverhandlung zum Tod ihres Ehemannes und Vaters zu begleiten. Als Nebenkläger zogen Irmgard Braun-Lübcke und ihre beiden Söhne hinter ihrem Anwalt in den Saal 165 im Oberlandesgericht Frankfurt am Main ein. Das Ritual glich einer Prozession und endete an den Plätzen, die in der Reihe vor den Vertretern der Bundesanwaltschaft für sie reserviert waren. Dort blieben sie stehen, bis der 5. Strafsenat alle im Saal aufforderte sich hinzusetzen.

Es war ein Akt der Haltung. So wie der Entschluss im hessischen Wolfhagen-Istha zu bleiben, einem Dorf mit 850 Einwohnern. In dem Haus, auf dessen Terrasse der Ehemann und Vater erschossen wurde. In seinem Gartenstuhl an seinem Lieblingsplatz, eine Zigarette in der einen, sein Smartphone in der anderen Hand. Mitten im Leben. Seine Frau lag beim Enkelkind im Bett, die Schwiegertochter korrigierte Klassenarbeiten. Der jüngere Sohn fand den Vater, versuchte, ihn zu reanimieren.

Sie wohnen weiter in dem Haus, das der Mörder mehrmals ausspähte, ausgestattet mit einer Wärmebildkamera und einem Nachtsichtgerät. Und das, obwohl Irmgard Braun-Lübcke im Prozess zugab: Das Haus ist nicht mehr unser Haus, das Leben nicht mehr unser Leben. Seit dem Mord in der Nacht auf den 2. Juni 2019 ist für die Familie nichts mehr so, wie es mal war. Nach Einbruch der Dunkelheit betritt keiner mehr die Terrasse. Trotzdem bleibt die Witwe im Erdgeschoss wohnen, darüber der eine Sohn mit seiner Familie, der andere ein paar Straßen weiter.

Ihre Botschaft ist eindeutig: Sie lassen sich nicht vertreiben. Sie bleiben, um ein Zeichen gegen Hass und Gewalt, gegen Rechtsextremismus und ein Klima der Angst zu setzen. So hat es ihr Anwalt Holger Matt zu Beginn des Prozesses ausgerichtet.

Das galt auch für ihren Auftritt im Gerichtssaal. Irmgard Braun-Lübcke und ihre Söhne bezogen klar Position. Sie wichen den Blicken der Angeklagten nicht aus. Unerschrocken folgten sie den Ausführungen der Männer und ihrer Anwälte; nahmen teils absurde Beweisanträge, Ablehnungsgesuche und Aussetzungsanträge ohne sichtbare Erregung zur Kenntnis.

»Ich bin stolz auf meinen Papa«

Für die Familie zählte die Aufklärung des Verbrechens, die juristische Aufarbeitung vor Gericht. Was hat sich in der Nacht auf den 2. Juni 2019 auf ihrer Terrasse ereignet? Wie kam Walter Lübcke ums Leben? Es war unübersehbar, dass die Familie mit jedem Tag das Bekenntnis Walter Lübckes zum Rechtsstaat, seine Werte und seine christlichen wie sozialen Überzeugungen fortführen will.

»Wir haben unseren Wohlstand auf Kosten anderer Länder aufgebaut und haben daher eine Verpflichtung zu helfen«, sagte Walter Lübcke bei einer Bürgerversammlung im Herbst 2015 in Lohfelden. Er sprach von einer »weltweit großen Unruhe« und einer »globalisierten Welt«, in der politisch Verfolgte Zuflucht suchen – dafür wurde er von aufgebrachten Zuhörern, darunter der spätere Mörder Stephan Ernst, provoziert und beleidigt. Wer die Werte des Grundgesetzes nicht achte, der könne Deutschland auch verlassen, entgegnete ihnen Walter Lübcke.

Eine Momentaufnahme, aus dem Zusammenhang gerissen, die im Internet in rechten Kreisen Hass auslöste. Als ein Videoausschnitt des Schlagabtauschs in Lohfelden im Gerichtssaal vorgespielt wurde, verlor Jan-Hendrik Lübcke kurz die Beherrschung. »Ich bin stolz auf meinen Papa«, rief er ins Mikrofon. »Und mit allem, was er gesagt hat, hat er Recht.«

Der Einfluss der Familie auf Stephan Ernst

Die Familie scheute keine Aufgabe, die im Gericht zur Aufklärung notwendig schien. Irmgard Braun-Lübcke beschrieb ihren ermordeten Mann als lebensfrohen Menschen, den sie seit mehr als 40 Jahren kannte und mit dem sie noch so viele Pläne hatte. Man glaubte ihr jedes Wort, als sie sagte, wie sehr er der Familie und den Freunden fehle und wie unfassbar für sie alle sein Tod sei. Noch immer.

Sie wandte sich direkt an Stephan Ernst mit all den Fragen, die sie nachts wach liegen und nicht zur Ruhe kommen lassen. Er beantwortete sie nach und nach.

Die Anwesenheit der drei Menschen, die Walter Lübcke am nächsten gestanden haben dürften, habe sich auf das Verhalten seines Mandanten ausgewirkt, sagte Verteidiger Mustafa Kaplan dem SPIEGEL. Ernst habe sich in dem Verfahren zunehmend geöffnet, nicht nur weil er gehofft habe, ein Geständnis würde sich auf das Urteil auswirken. Er habe auch reinen Tisch gemacht, weil ihn die Präsenz der Familie beeinflusst habe. Er habe gespürt, dass er ihnen die Wahrheit schulde.

Der Verteidiger bei der Familie zu Hause

Ernst hatte im Ermittlungsverfahren zuerst angegeben, er habe Walter Lübcke allein getötet; später belastete er Markus H., seinen Kumpel aus der rechten Szene, der den Politiker erschossen habe. Im Gericht legte Ernst ein drittes Geständnis ab, an dem er bis zuletzt festhielt: Er, Ernst, habe dem Kasseler Regierungspräsidenten mit einem Rossi-Revolver Kaliber .38 in den Kopf geschossen, H. sei mit auf der Terrasse gewesen und habe im Vorfeld gemeinsam mit ihm den Plan geschmiedet, die Tat vorbereitet und den Tatort ausgespäht.

Im Prozess verwickelte sich Ernst in Widersprüche, es gab Zweifel an diesem letzten Geständnis und dem Tathergang. Doch die Familie Lübcke glaubte Ernst und machte H. als Mittäter fest. Ihr Anwalt Holger Matt bat das Gericht in seinem Plädoyer daher, dem Hauptangeklagten zu glauben. Eine bemerkenswerte Situation.

Ernsts Anwalt Kaplan sagt, die Familie hätte ihre Erkenntnis für sich behalten können. Dass sie es nicht tat, habe Eindruck bei ihm hinterlassen.

Am drittletzten Tag des Prozesses erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Familie im September eine Tatortbesichtigung auf ihrem Grundstück gestattete – und zwar den Verteidigern des Mannes, der dort ihren Ehemann und Vater getötet hatte. Eine ebenso bemerkenswerte Situation.

Vor Ort habe sich für ihn einmal mehr bestätigt, dass Ernst bei der Schilderung des Tatablaufs nicht gelogen habe, sagt Kaplan. So müsse es auch der Familie gehen, »sie kennt die Örtlichkeit am besten«. »Alles, was Ernst beschrieben hat, klingt plausibel«, so Kaplan.

Die Anwälte von Markus H. hingegen sahen in dem Treffen am Tatort einen Beweis mehr dafür, dass sich die Opfer mit dem Täter gegen ihren Mandanten verschworen hätten: Ein »herzliches Einvernehmen«, von dem jeder profitiere, nannte es Björn Clemens. Die Familie, die H. als Mittäter sieht, und Ernsts Verteidiger, die mit einer Anwesenheit H.s am Tatort das Mordmerkmal der Heimtücke entkräften und einen Totschlag begründen könnten.

Nicole Schneiders, H.s Anwältin, bescheinigte der Familie Lübcke ein »Stockholm-Syndrom«, das Phänomen, bei dem Opfer während einer Geiselnahme oder Entführung Sympathie für den Täter entwickeln.

Irmgard Braun-Lübcke und ihre Söhne begegneten auch diesen Vorwürfen mit Haltung. Sie hatten sich innerlich darauf vorbereitet, dass H.s Verteidiger, rechte Szeneanwälte, in ihren Schlussvorträgen den Bereich des Erträglichen überschreiten könnten. Für sie sei selbstverständlich, dass Angeklagte in diesem wie in jedem Verfahren das Recht haben, sich angemessen zu verteidigen, erklärte ihr Sprecher im Nachhinein. »Dieses Recht haben in unserem freiheitlichen Rechtsstaat selbst Angeklagte, die diesen Staat verachten und bekämpfen.«

Das Urteil ist »schwer zu verkraften«

Die Justiz dieses Rechtsstaates hat nach acht Monaten ein Urteil gefällt: Stephan Ernst wurde wegen Mordes an Walter Lübcke zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, seine Schuld wiege besonders schwer, konstatierten die Richter und behielten sich die Sicherungsverwahrung vor. Markus H. sprachen sie von der Beihilfe des Mordes an Walter Lübcke frei.

Der Freispruch trifft die Familie. Die Entscheidung sei für sie »schwer zu verkraften«, so ihr Sprecher Dirk Metz. Nicht alle »Beweismöglichkeiten zur Tatortanalyse und zum Tatablauf« seien ausgeschöpft worden.

Für die Familie ist der Mord an ihrem Ehemann und Vater damit nicht aufgeklärt, zu viele Fragen sind unbeantwortet – wie soll sie damit zurück in ein Leben finden, das ohnehin ein anderes ist?

Werden sie Revision einlegen?

Die Familie bleibt bei ihrer Haltung. Als der Verteidiger Kaplan dafür plädierte, Ernst wegen Totschlags zu verurteilen, nicht wegen Mordes, habe es die Hinterbliebenen »fast sprachlos« gemacht, sagte Familiensprecher Dirk Metz. Doch anmerken ließen sie sich ihre Irritation darüber nicht. Wie an allen anderen Tagen verabschiedete sich die Familie bei der Verteidigung Ernsts auch nach diesem Prozesstag höflich.

Und so wolle die Familie auch jetzt »keine Gerichtsschelte« betreiben, sagt Metz nach dem Urteil. Vielmehr wolle sie sich daran erinnern, dass Walter Lübcke sein Leben lang für den Rechtsstaat und eine unabhängige Justiz eingestanden hat – auch wenn es unbequem wurde.

In den Monaten des Prozesses hat die Familie viel Zuspruch erfahren. Das habe Irmgard Braun-Lübcke und den Söhnen Christoph und Jan-Hendrik Lübcke »viel Kraft und Zuversicht« gegeben, sagt ihr Sprecher. Es klingt so, als seien sie bislang den richtigen Weg gegangen.

In den nächsten Tagen werden sie entscheiden müssen, ob sie – wie die Bundesanwaltschaft – Revision einlegen werden.