Fall Weiss "Marco bekommt höchstens Bewährung"

247 Tage lang saß der Schüler Marco Weiss in türkischer Untersuchungshaft. Nun wird der Prozess gegen ihn in Antalya fortgesetzt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erläutert Marcos Anwalt Michael Nagel, warum sein Mandant eigentlich nicht mehr viel zu befürchten hat.


SPIEGEL ONLINE: Marco Weiss wird nicht zum nächsten Verhandlungstermin nach Antalya reisen. Warum nicht?

Nagel: In enger Abstimmung mit dem Arzt, der ihn psychotherapeutisch behandelt, haben wir uns entschieden, dass es momentan nicht ratsam wäre, Marco diesem Stress auszusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Woran leidet er denn?

Nagel: Das unterliegt der Schweigepflicht, sowohl der ärztlichen als auch der anwaltlichen.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Marco Angst, in der Türkei wieder ins Gefängnis zu müssen?

Nagel: Ja, früher hat er sich davor gefürchtet, doch mittlerweile droht ihm nach Meinung aller Verteidiger nach keine Haft mehr. Er muss also auch keine Angst mehr haben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Marco wird auch nach einer Verurteilung in der Türkei nicht ins Gefängnis müssen?

Nagel: Davon gehe ich aus. Selbst wenn kein Freispruch vor dem Gericht in Antalya erstritten werden könnte, ist anzunehmen, dass er höchstens eine Bewährungsstrafe erhalten wird.

SPIEGEL ONLINE: Wird er unter diesen Umständen dann zu weiteren Verhandlungstagen in die Türkei fliegen?

Nagel: Das ist vorstellbar und überhaupt nicht ausgeschlossen. Es kommt auf den weiteren Verlauf der Verhandlung an und die Einschätzung des Arztes.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr setzt Marco die öffentliche Aufmerksamkeit zu?

Nagel: Er leidet zweifellos darunter. Es wäre sehr gut für ihn, wenn das Interesse an seiner Person endlich zurückginge und er in seinen Alltag zurückfinden könnte. Eigentlich braucht er vor allem Ruhe. Das wäre für den Jungen das Beste.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht das Verfahren nun weiter?

Nagel: Zunächst soll ein medizinisches Gutachten verlesen werden, das die Kammer in Auftrag gegeben hat. Es geht um die Feststellung möglicher psychologischer Folgen des Geschehens für Charlotte. Ich hoffe, dass der Prozess anschließend zu einem zügigen Ende kommt. Wir haben zwar die ganze Tasche voller Beweisanträge, doch werden die türkischen Kollegen sie nur stellen, wenn das unbedingt nötig sein sollte. Die Hauptsache ist doch eigentlich, das Ganze geht nun schnell vorbei. Wobei allerdings die Rehabilitation des Jungen nicht aus den Augen verloren werden darf.

Das Interview führte Jörg Diehl

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