"Falscher Rockefeller" Deutscher Hochstapler des Mordes schuldig gesprochen

Christian Karl Gerhartsreiter narrte in den USA jahrzehntelang Freunde, Bekannte und sogar seine Ehefrau. Vor einem kalifornischen Gericht musste sich der Deutsche für einen fast 30 Jahre zurückliegenden Mord verantworten. Eine zwölfköpfige Jury erklärte ihn jetzt für schuldig.


Los Angeles - Er ist zweifellos ein großer Hochstapler, aber ist Christian Karl Gerhartsreiter auch ein Mörder? Ein Gericht im US-Bundesstaat Kalifornien hat den als "falschen Rockefeller" bekannt gewordenen Deutschen nach rund fünfstündigen Beratungen nun schuldig gesprochen, vor rund 30 Jahren den Sohn seiner damaligen Vermieterin getötet zu haben. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. das Strafmaß soll Ende Juni bekanntgegeben werden. Dem heute 52-Jährigen drohen zwischen 26 Jahren und lebenslange Haft.

Staatsanwalt Habib Balian hatte in dem mehrwöchigen Prozess mit großer Entschlossenheit versucht, die zwölf Geschworenen von seiner Theorie zu dem spektakulären Mordfall aus dem Jahr 1985 zu überzeugen, der aus der Feder eines Drehbuchautors stammen könnte. "Das ist kein Film. Das ist keine TV-Show", sagte Balian. "Bei diesem Fall geht es um zwei Menschen, die wirklich gelebt haben. Und es geht darum, was mit ihnen passiert ist."

Gemeint sind John und Linda Sohus. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Gerhartsreiter vor fast 30 Jahren den Sohn seiner Vermieterin getötet hat. Damals soll der gebürtige Bayer, der Ende der siebziger Jahre als Austauschschüler in die USA gekommen und mit dem Traum einer Hollywood-Karriere im Land geblieben war, unter dem Namen Christopher Chichester aufgetreten sein. In San Marino, einem wohlhabenden Vorort von Los Angeles, lebte er auf dem Anwesen einer älteren Dame, Ruth Sohus. Außerdem wohnten dort Sohus' Sohn John und dessen Ehefrau Linda.

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Falscher Rockefeller: Die Leben des Christian Karl Gerhartsreiter
Im Februar 1985 verschwand das Ehepaar spurlos, kurze Zeit später tauchte auch Christopher Chichester alias Gerhartsreiter unter. Der spätere Besitzer des Grundstücks in San Marino machte Mitte der Neunziger Jahre bei Bauarbeiten im Garten eine grausame Entdeckung: die in Plastiksäcken verpackten Leichenteile von John Sohus. Linda Sohus ist noch immer verschollen. Die Ermittler vermuten, dass Gerhartsreiter sie ebenfalls umgebracht hat. Angeklagt war der 52-jährige Deutsche dafür aber nicht.

Was wäre ein mögliches Motiv für die Tat gewesen?

In seinem Schlussplädoyer stellte der Staatsanwalt Gerhartsreiter als kaltblütigen Mörder dar. Systematisch arbeitete sich Balian durch belastende Indizien: Der Deutsche habe das umgegrabene Erdreich hinter seinem Gästehaus gegenüber Freunden als Klempnerarbeiten dargestellt, einen Teppich mit Blutflecken zum Verkauf angeboten, vom Nachbarn eine Kettensäge ausgeliehen. Der Kopf von John Sohus sei in Taschen eingewickelt gewesen, die von zwei Universitäten stammen, an denen Gerhartsreiter studiert habe. Schließlich habe der mutmaßliche Mörder sich in dem Pick-up von Sohus an die Ostküste der USA aufgemacht, um dort unter einem anderen falschen Namen ein neues Leben zu beginnen.

Gerhartsreiters Verteidiger Jeffrey Denner räumte ein, sein Mandant sei ein Hochstapler und Betrüger, der sich hinter verschiedenen Namen und Identitäten versteckt habe. Ihm sei aber kein Mord nachzuweisen. Es gebe kein Tatmotiv, keine Augenzeugen oder DNA-Hinweise, die den Deutschen mit dem Verbrechen in Verbindung bringen könnten. Sohus' vermisste Ehefrau komme ebenso gut als Mörderin in Frage.

Denner präsentierte Postkarten, die Linda Sohus drei Monate nach dem Verschwinden des Paares aus Paris an Freunde und Angehörige geschickt haben soll. Experten bestätigten, dass es sich um die Handschrift von Linda Sohus handele. Ein DNA-Test erbrachte, dass die Spucke auf den Briefmarken von einem Mann, aber nicht von Gerhartsreiter stammt.

Nach seinem Verschwinden aus Los Angeles nahm der Deutsche das Pseudonym Christopher Crowe an und arbeitete zeitweise als Börsenhändler in New York. Doch die Polizei war ihm auf den Fersen, stellte eine Verbindung zwischen ihm und dem Fahrzeug des verschwundenen Ehepaars her. Gerhartsreiter sei daraufhin erneut abgetaucht und habe sich fortan Clark Rockefeller genannt.

Mit Phantasiegeschichten über seine angebliche Zugehörigkeit zum legendären Rockefeller-Clan beeindruckte er eine wohlhabende Unternehmensberaterin, die er 1995 heiratete. Nach der Scheidung und einem Sorgerechtsstreit entführte Gerhartsreiter die gemeinsame Tochter und wurde dafür 2009 in Boston zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Der damalige Prozess brachte seine vielen falschen Identitäten ans Licht - und führte zur Mordanklage in Los Angeles.

Niemand könne genau sagen, was sich vor 28 Jahren zugetragen habe, sagte Verteidiger Denner in seinem Schlussplädoyer. "Es gibt so viele Möglichkeiten." Dass Gerhartsreiter der Mörder ist, hielt die Jury für die wahrscheinlichste.

wit/AFP/AP/dpa

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m_mustermann 10.04.2013
1. optional
Schon ein seltsamer Fall. Aber wie kann man jemanden heiraten, im Glauben er gehöre zum Rockefeller Clan? Dazu werden doch im Normalfall auch Angehörige eingeladen? Hat der Mann auch gefälschte Pässe benutzt? Kaum zu glauben, dass so ein Identitätswechsel erst bei einem Gerichtsprozess auffällt.
seefahrer123 11.04.2013
2. nix
Einfachm mal "The Man in the Rockefeller Suit" lesen, da steht's drin. Sinngemaess hat sie gesagt das man halt in einem Aspekt seines Lebens brilliant sein kann, dafuer in einem anderem ziemlich dumm...
lasterfahrer 11.04.2013
3. @m_mustermann:
naja im gegensatz zu deutschland existiert in den USA keine ausweispflicht. ich nehm mal an von daher war das was er getan hat dort eher machbar als es hier in D wäre...
gorchus 11.04.2013
4.
Die Amerikaner stehen ja auf große Shows. Das hat der scheinbar ganz gut gemacht, somit wundert es nicht nicht, dass es so lang gut ging. Im Gerichtssaal hat dann der Staatsanwalt die bessere Show geliefert um die Geschworenen von seiner Geschichte zu überzeugen.
DJ Doena 11.04.2013
5.
Zitat von sysopAPChristian Karl Gerhartsreiter narrte in den USA jahrzehntelang Freunde, Bekannte und sogar seine Ehefrau. Vor einem kalifornischen Gericht musste sich der Deutsche für einen fast 30 Jahre zurückliegenden Mord verantworten. Eine zwölfköpfige Jury erklärte ihn jetzt für schuldig. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/falscher-rockefeller-us-jury-spricht-deutschen-hochstapler-schuldig-a-893629.html
Das klingt aber irgendwie nicht nach "beyond reasonable doubt".
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