Falscher Vorwurf von Kindesmissbrauch BBC entschuldigt sich bei Politiker

Durch den Fall Jimmy Savile steht die BBC massiv in der Kritik - nun leistete sich der Sender einen weiteren schweren Fehler: In der Sendung "Newsnight" sagte ein Missbrauchsopfer, ein Politiker habe sich an ihm vergangen. Der Mann wurde im Internet identifiziert. Doch er ist unschuldig.

BBC-Zentrale in London: "Wir entschuldigen uns uneingeschränkt"
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BBC-Zentrale in London: "Wir entschuldigen uns uneingeschränkt"


London - Viele sprachen schon vor dem gestrigen Freitag von der schwersten Zeit, die die BBC jemals durchmachen musste. Das Vertrauen in den Sender, eine der größten journalistischen Instanzen der Welt, ist tief erschüttert: Der Skandal um den einst grenzenlos verehrten BBC-Star Jimmy Savile, der über Jahrzehnte Minderjährige missbrauchte, wird den Sender noch lange beschäftigen. Denn es geht längst nicht mehr nur um die Verbrechen Saviles, der im letzten Jahr verstarb. Es geht auch um mögliche Vertuschung innerhalb des Senders, interne Untersuchungen laufen.

Nun kommt der Fall McAlpine hinzu. Und wieder steht die Sendung "Newsnight" im Mittelpunkt, eigentlich das investigative Aushängeschild der BBC.

"Newsnight" berichtete am 2. November über neue Erkenntnisse zum systematischen Kindesmissbrauch, der sich in Heimen im nordwalisischen Wrexham in den siebziger Jahren ereignet hat. In der Sendung hatte ein Mann, eines von geschätzt mehreren hundert Missbrauchsopfern, berichtet, ein Politiker der konservativen Partei habe ihn in einem Heim mehr als ein Dutzend Mal sexuell missbraucht.

Die walisische Polizei soll falsch informiert haben

"Wir wurden sexuell missbraucht, alles Mögliche passierte, es wurde getrunken. Im Grunde handelte es sich um Vergewaltigung, aber da war nicht nur er, es waren noch andere daran beteiligt", sagte Steve Messham.

Der Bericht ließ die Identität des Mannes im Dunkeln - doch Blogger enttarnten ihn: Alistair McAlpine, Tory-Politiker, Mitglied des britischen Oberhauses. McAlpine äußerte sich eine Woche später, am Freitag, und das deutlich: Er nannte die Beschuldigungen "komplett falsch und schwer verleumderisch". Niemals sei er in den Kinderheimen gewesen.

Messham reagierte und räumte ein, es handle sich um eine Verwechslung: Polizisten hätten ihm Anfang der neunziger Jahre ein Foto seines Peinigers gezeigt und ihm fälschlicherweise gesagt, es handle sich um McAlpine. Die walisische Polizei wollte sich nicht äußern, man werde den Fall untersuchen.

Es ist ein schwerer Schlag für die BBC und die Macher von "Newsnight": Seitdem bekannt wurde, dass die Redaktion bereits kurz nach Jimmy Saviles Tod von Anschuldigungen wusste, der BBC-Star habe in unzähligen Fällen Minderjährige missbraucht, steht der Sender schwer unter Druck. Ein Beitrag war damals produziert, aber nicht gesendet worden, angeblich auf Anweisung aus der Senderspitze. Erst als ein anderer Kanal im Oktober eine Dokumentation ausstrahlte, in der Missbrauchsopfer über Saviles Taten berichteten, legte "Newsnight" nach.

Und die Journalisten müssen sich immer häufiger mit möglichen Verfehlungen des eigenen Senders auseinandersetzen: Anwälte der Savile-Opfer haben erklärt, ihre Mandanten gingen davon aus, dass es in den siebziger und achtziger Jahren bei der BBC einen organisierten Pädophilenring gab.

"Dies ist ihre dunkelste Stunde"

Im Fall McAlpine sendete die BBC am Freitagabend eine Erklärung: "Wir entschuldigen uns uneingeschränkt, dass wir diesen Bericht gesendet haben." Es soll nun untersucht werden, wie es zu dem Bericht kam, ob und wie die Aussagen von McAlpine gegengecheckt wurden. Nach einem Bericht des "Guardian" wurde McAlpine von den BBC-Journalisten nicht mit den Vorwürfen konfrontiert. Das sei damit begründet worden, dass sein Name in der Sendung nicht genannt wurde. Ein Radiojournalist der BBC sagte, die Kollegen hätten die Vorwürfe von Messham überprüft und sie selbst als mangelhaft eingeschätzt.

Die schärfste Kritik kam von konservativen Politikern. "Auch wenn 'Newsnight' fabelhafte Journalisten beschäftigt und viele großartige Berichte gesendet hat, ist dies ihre dunkelste Stunde", sagte Parlamentsmitglied Rob Wilson.

Premierminister David Cameron forderte die Medien auf, zurückhaltender mit Vorverurteilungen zu sein. "Sie sollten vorsichtig sein, nicht eine Art Hexenjagd auf Leute zu starten, die vollkommen unschuldig sein könnten."

Cameron war am Donnerstag in der ITV-Sendung "This Morning" eine Liste mit Namen von Personen übergeben worden, über die im Internet spekuliert wird, sie könnten in den Missbrauchsskandal involviert sein. Moderator Philip Schofield brachte es zustande, die Liste für einen Moment so zu halten, dass Zuschauer Namen lesen konnten.

Die britische Medienaufsicht Ofcom erhielt zahlreiche Beschwerden. Der Sender entschuldigte sich, das sei alles keine Absicht gewesen.

Cameron hatte in der vergangenen Woche eine Untersuchung angeordnet, die klären soll, ob in der Vergangenheit alles Notwendige unternommen wurde, um die Fälle in Wales aufzuklären. Man werde die Opfer anhören und versuchen, ihre Vorwürfe zu belegen.

bim

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