Familie des Amokläufers "Er hat die Welt zum Weinen gebracht"

Erstmals hat sich ein Familienmitglied des Amokläufers von Blacksburg öffentlich zu dessen Mordtat geäußert. Die Familie, so Chos Schwester Sun-Kyung Cho, durchlebe einen Alptraum. Der Aufenthaltsort der Familie wird seit dem Massaker geheim gehalten, um Racheakte zu verhindern.

Blacksburg - Die Familie des Amokläufers von Blacksburg hat sich zutiefst betroffen über das schwerste Massaker in der amerikanischen Kriminalgeschichte geäußert. Sie fühle sich "hoffnungslos, hilflos und verloren", ließ die Schwester des Amokläufers Seung-Hui Cho, Sun-Kyung Cho, am Freitag der Nachrichtenagentur AP übermitteln.

Cho wandte sich nicht direkt an die Medien, sondern ließ Wade Smith, den Anwalt der Familie, ein Schreiben verlesen. Der Aufenthaltsort der Familie wird seit dem Massaker von Blacksburg geheim gehalten. Laut Director Joe Persichini, Leiter des Washingtoner Büros des FBI, stehe die Bundesbehörde in "häufigen Kontakt" mit der Familie, habe diese aber nicht in Schutzhaft genommen. Angeblich ist die Familie bei Freunden und Verwandten untergekommen.

Seung-Hui Cho hatte am Montag in der Technischen Hochschule Virginias 32 Menschen erschossen, bevor er sich selbst das Leben nahm. "Unsere Familie bedauert zutiefst meines Bruders entsetzliche Taten", schrieb nun Sung-Kyung Cho, die in einem Unternehmen arbeitet, das im Auftrag des US-Außenministeriums US-Hilfe für den Irak beaufsichtigt. "Er hat die Welt zum Weinen gebracht. Wir durchleben einen Alptraum", ließ sie "im Namen der Familie" ausrichten. "Es ist eine schreckliche Tragödie für uns alle."

Die Familie bete für die Hinterbliebenen, für die Verletzten und für die Augenzeugen und Überlebenden, deren Leben durch Chos Taten für immer verändert worden sei. Ihr Bruder habe eine "furchtbare und sinnlose Tat" begangen.

Die Nachricht wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung übermittelt. Mit einer Schweigeminute gedachten am Freitag Hunderte Studenten und Anwohner der Hochschule Virginia Tech der Opfer des Amoklaufs. In den ganzen USA läuteten Kirchenglocken. Dem Gedenken und der Schweigeminute schlossen sich auch Menschen in Colorado an, die dort des Massakers an der Columbine Highschool in Littleton gedachten, wo vor genau acht Jahren am 20. April 1999 zwei Schüler 13 Menschen und sich selbst bei einem Amoklauf erschossen hatten.

Noch während der Veranstaltung äußerten sich Hinterbliebene der Opfer. Wendy Adams, deren Nichte Leslie Sherman bei dem Amoklauf getötet wurde, machte klar, dass sie dem Täter nicht vergeben könne. "Aber die Familie tut mir leid."

"Es ist offensichtlich, dass die Familie mit der ganzen Welt trauert", sagte Larry Hincker, Sprecher der Virginia Tech.

Während der Tatverlauf inzwischen weitgehend geklärt ist und auch Chos Krankengeschichte inzwischen offen gelegt ist, geht die Untersuchung weiter. Cho war vor rund einem Jahr in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden, weil er zu diesem Zeitpunkt eine Bedrohung für sich selbst dargestellt habe. Unklar bleibt, was genau seinen Amoklauf ausgelöst hatte, warum er sich unbedingt das Norris-Gebäude, in dem Ingenieure ausgebildet wurden, zum Ziel genommen hatte (er selbst studierte Englisch), wie genau seine Motive ausgesehen hatten. "Wir tun, was immer wir können, um den Behörden bei der Aufklärung dieser sinnlosen Taten zu helfen", heißt es dazu in dem Statement der Schwester. "Wir haben selbst viele unbeantwortete Fragen."

pat/AP

Das Statement der Familie im Wortlaut: "Das ist jemand, mit dem ich aufwuchs und den ich liebte"

Das Statement im Wortlaut:
"Das ist jemand, mit dem ich aufwuchs und den ich liebte"

"Im Namen unserer Familie: Wir bedauern zutiefst die Verwüstung, die mein Bruder angerichtet hat. Keine Worte können unsere Betroffenheit darüber ausdrücken, dass 32 unschuldige Menschen ihre Leben in dieser Woche in einer solch schrecklichen und sinnlosen Tragödie verloren haben. Wir sind untröstlich.

Wir trauern mit den Familien, der Virginia-Tech-Gemeinschaft, unserem Staat Virginia und dem Rest der Nation. Und der Welt.

Jeden Tag seit dem 16. April beten mein Vater, meine Mutter und ich für die Studenten Ross Abdallah Alameddine, Brian Roy Bluhm, Ryan Christopher Clark, Austin Michelle Cloyd, Matthew Gregory Gwaltney, Caitlin Millar Hammaren, Jeremy Michael Herbstritt, Rachael Elizabeth Hill, Emily Jane Hilscher, Jarrett Lee Lane, Matthew Joseph La Porte, Henry J. Lee, Partahi Mamora Halomoan Lumbantoruan, Lauren Ashley McCain, Daniel Patrick O'Neil, J. Ortiz-Ortiz, Minal Hiralal Panchal, Daniel Alejandro Perez, Erin Nicole Peterson, Michael Steven Pohle Jr., Julia Kathleen Pryde, Mary Karen Read, Reema Joseph Samaha, Waleed Mohamed Shaalan, Leslie Geraldine Sherman, Maxine Shelly Turner, Nicole White, Dozent Christopher James Bishop und die Professoren Jocelyne Couture-Nowak, Kevin Granata, Liviu Librescu und G.V. Loganathan.

Wir beten für ihre Familien und Freunde, die so viel quälenden Schmerz erfahren. Und wir beten für jene, die verletzt wurden und für die, deren Leben für immer verändert wurden von dem, was sie erlebten und durchmachten. Alle hatten so viel Liebe, Talent und Gaben zu geben und ihr Leben wurde beendet durch eine furchtbare und sinnlose Tat.

Wir werden demütig in dieser Dunkelheit. Wir fühlen uns hoffnungslos, hilflos und verloren. Das ist jemand, mit dem ich aufwuchs und den ich liebte. Jetzt fühle ich mich so, als ob ich diese Person nie gekannt habe. Wir waren immer eine enge, friedliche und liebende Familie. Mein Bruder war ruhig und zurückhaltend, kämpfte darum, sich einzupassen. Wir konnten uns niemals vorstellen, dass er zu so viel Gewalt fähig ist.

Er hat die Welt zum Weinen gebracht. Wir erleben einen Albtraum. Es gibt viel gerechtfertigten Zorn und Unglauben über das, was mein Bruder getan hat, und viele Fragen sind noch nicht beantwortet. Unsere Familie wird weiterhin voll kooperieren und den Behörden helfen zu verstehen, warum diese sinnlosen Taten passierten. Auch wir haben viele unbeantwortete Fragen. Unsere Familie bedauert zutiefst meines Bruders entsetzlichen Taten. Es ist eine schreckliche Tragödie für uns alle."

Text von Sun-Kyung Cho, übermittelt durch Anwalt Wade Smith, Übersetzung AP.

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