Familie Leonies stiller Tod

Nur 52 Tage durfte Leonie leben, am Freitag lag sie tot neben ihrer betrunkenen Mutter. Was aussah wie ein neuerlicher Abgrund behördlicher Betreuungs-Schlamperei, erweist sich eher als vielschichtiges Sozial-Drama: Ein Fall aus Alkoholismus und Verwahrlosung, der sich jeden Tag wiederholen könnte.

Von Sven Heitkamp, Sangerhausen


Von den Balkons blättert die Farbe, aus einem Fenster im dritten Stock ascht ein junger Mann in die Rabatten – die rot-beigen Plattenbauten im Sangerhausener Stadtteil Othal sind keine feine Adresse im südlichen Sachsen-Anhalt. Tausende Menschen sind aus dem Viertel schon weggezogen, große Erdlöcher künden vom Abriss ganzer Wohnblocks. Nun gerät Othal zudem in düstere Schlagzeilen, seit in der Nacht zum Freitag in der fünften Etage eines Hauses in der Otto-Grotewohl-Straße ein Baby starb. Leonie wurde nur 52 Tage alt.

Leonis Zuhause: "Das hätte nicht passieren müssen"
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Leonis Zuhause: "Das hätte nicht passieren müssen"

Die Mutter Ines H. steht seither im dringenden Verdacht, ihre Fürsorgepflicht für die Tochter verletzt zu haben. Die Polizei hat sie Freitagfrüh mit zwei Promille angetroffen, bestätigt Staatsanwalt Klaus Wiechmann. Die Justizbehörden in Halle führen jetzt Ermittlungen wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung, nicht indes gegen Mitarbeiter des Jugendamtes.

Die Mutter wurde bereits eingehend vernommen, mittlerweile aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Erneut ein schwerer Fall von Vernachlässigung, wenige Tage nach dem tragischen Tod des zweijährigen Kevin in Bremen?

„Die Todesursache ist völlig unklar. Es kann auch Plötzlicher Kindstod gewesen sein“, sagt Wiechmann. „Es gab keine äußeren Verletzungen.“ Der Staatsanwalt bestätigt zudem, dass Leonie an einem Herzfehler litt. „Das hat die erste Untersuchung ergeben. Wäre dies allerdings die einzige Todesursache, hätte es die Gerichtsmedizin schon festgestellt“, so Wiechmann. Dass die Mutter jedoch am Morgen zwei Promille Alkohol im Blut hatte, sei schon „sehr außergewöhnlich“.

"Mit dickem Bauch stockbesoffen rumgelaufen"

Inzwischen wurde eine weitere chemisch-toxikologische Untersuchung der Kinderleiche angeordnet. Dies könnte auf einen möglichen Erstickungstod hinweisen, eventuell starb das Mädchen auch an seinem Erbrochenen. „Wir stehen aber noch am Anfang der Ermittlungen“, sagt Wiechmann und warnt vor Verurteilungen. Im Mundbereich seien keine Spuren von Gewalt gefunden worden.

Ines H. lebte mit Leonie und ihrer dreijährigen Celina seit drei Jahren in der Drei-Zimmer-Wohnung in der Otto-Grotewohl-Straße. Der frühere Lebensgefährte und Vater des Kindes Jürgen K. war nach der Trennung des Paares in einen anderes Plattenbauviertel gezogen, bestätigen dessen Eltern. Er habe sich jedoch weiter um Frau und Kinder gekümmert.

Dass Ines H. regelmäßig und heftig getrunken hat, erzählen alle Bewohner des Hauses. Die Nachbarn begegnen sich am Vormittag auf dem Gehweg vor dem Eingang, viele sind entsetzt und wütend auf die Behörden. „Mit dickem Bauch ist sie stockbesoffen rumgelaufen – aber keiner hat was gemacht“, klagt eine Anwohnerin. „Das hätte nicht passieren müssen, wir hätten uns doch gekümmert“, sagt eine Frau aus dem Haus. Einige Male wurde Ines H. in einer Runde von Trinkern vor der „NP Niedrigpreis“-Kaufhalle des Viertels gesehen.

Baby von Geburt an herzkrank

Andere Stimmen hören sich versöhnlich an. „Sie ist lieb zu den Kindern und hat schon ein paar mal versucht, mit dem Trinken aufzuhören“, erzählt ein zehnjähriges Mädchen, das öfter bei der Familie zu Besuch war. „Sie ging mit ihren Kindern oft raus, am Donnerstag habe ich sie noch gesehen“, erzählt eine Mittfünfzigerin im Treppenhaus. Offenbar hat sich Ines H. trotz ihrer Trunksucht bemüht, für die Kinder zu sorgen. An den Scheiben der Kinderzimmer kleben bunte Bildchen. „Sauber und ordentlich waren sie immer angezogen, die waren nicht schlampig“, bestätigt eine ältere Frau aus dem Haus. „Nur geraucht hat sie wie Schlot.“

Der Lebenswandel der Mutter blieb jedoch nicht ohne Folgen. Auch Bekannte der Mutter berichten, dass das Baby von Geburt an herzkrank gewesen sei. „Es soll ein Loch im Herzen gewesen sein“, bestätigt der Lebensgefährte von Nicole S., jene Freundin aus dem Erdgeschoss des Hauses, bei der Ines H. Freitagmorgen Hilfe suchte, nachdem sie ihr Baby tot im Bett aufgefunden hatte. „Am Abend hat Ines uns noch gebeten, sie morgens zu wecken“, erzählt der Mann. Er war es, der die Polizei verständigte, nachdem sich die Mutter gemeldet hatte. Am Abend zuvor war Nicole S. noch bei Ines H. gewesen.

Ihre Tochter Leonie war von Geburt an gesundheitlich angeschlagen. Das Baby kam mindestens zwei Wochen zu früh auf die Welt und wog bei der Geburt nur 2030 Gramm. Die „Bild“-Zeitung schreibt unter Berufung auf Ermittler, das tote Mädchen habe mit Blut versetzten, weißen Schaum vor dem Mund gehabt. Möglicherweise sei Leonie zuletzt auch völlig falsch gefüttert worden. Für ein Tötungsverbrechen gebe es jedoch keine Anzeichen, sagen Ermittler.

Jugendamt in der Kritik

Wie im Fall des verstorbenen, zweijährigen Kevin aus Bremen gerät dabei auch das Jugendamt des Landkreises Sangerhausen in die Kritik. Das Landratsamt bestätigte, dass die Mutter seit Jahren vom Jugendamt betreut worden sei. Es habe ständigen Kontakt gegeben. Allerdings hätten beide Kinder bei einem unangekündigten Besuch eines Sozialarbeiters am 4. Oktober keinen Anlass gegeben, einzuschreiten, so der Landrat der Gemeinde, Volker Pietsch (CDU).

Der Beamte des Jugendamtes habe sie in „gesundheitlich normalen Zustand und gut versorgt“ in der Wohnung angetroffen. Die Mutter sei noch vor zwei Tagen von einer Familienhelferin bei einem Arztbesuch begleitet worden. Eine Freundin aus der Nachbarschaft bestätigt zudem, dass das Jugendamt der Mutter bereits ein erstes, bereits sieben Jahre altes Kind weggenommen habe.

In „Bild“ erhob jedoch der mutmaßliche Kindsvater Jürgen K. schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Er habe das Jugendamt und die Polizei mehrfach über Ines’ Alkoholproblem informiert, nachdem er seine frühere Freundin mehrfach vollkommen betrunken angetroffen habe. „Wenn sie alleine war, hat sie oft getrunken“, sagt Jürgen K..„Das Jugendamt wusste davon. Doch eingegriffen haben sie nicht. Die sagten, dass sie nichts machen können und haben mich weggeschickt.“

Nach dem Tod des Babys soll Ines H. bei dem früheren Lebensgefährten Zuflucht gefunden haben. Einzelheiten über den Todesfall dürfte erst die Obduktion frühestens am Dienstag ergeben, so Wiechmann.



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