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06. Dezember 2007, 21:21 Uhr

Familientragödie in Darry

Mutter ritzte sich nach der Tat die Arme auf

Steffi B. ist psychisch krank und schuldunfähig - da ist sich die Staatsanwaltschaft inzwischen sicher: Die 31-Jährige, die in Darry ihre fünf Söhne erstickt haben soll, ist in eine Klinik eingewiesen worden. Sie wollte sich direkt nach der Tat offenbar umbringen.

Darry - Lange vor der Tragödie gab es Notsignale, Hilferufe. Jedes Mal minutiös festgehalten und dokumentiert. Es gab auch Hilfsangebote, Gespräche, Unterstützung. Jedes Mal schien alles auf einem guten Weg.

Trotzdem sind jetzt fünf Kinder tot.

Die 31-jährige Steffi B. aus dem schleswig-holsteinischen Darry gilt als dringend verdächtig, ihre fünf Söhne Jonas, Justin, Ronan, Liam und Aidan im Alter von drei bis neun Jahren getötet zu haben. Sie soll den Jungen Schlafmittel zugeführt, sie dann erstickt haben - im Zustand von Schuldunfähigkeit, sagt der Staatsanwalt. Steffi B. ist seit längerem psychisch krank, jetzt soll sie dauerhaft in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht werden.

Unmittelbar nach der Tat wollte sie sich offenbar umbringen. Der Sprecher der psychiatrischen Klinik im holsteinischen Neustadt sagte, die 31-Jährige sei am Mittwoch gegen 12 Uhr mit schweren Schnittverletzungen an beiden Armen in der Klinik erschienen. Nach der Behandlung in der Chirurgie habe sie gegen 15 Uhr in der Psychiatrie von ihrer Tat berichtet.

"Definitiv falsch" nannte der Sprecher Meldungen, denen zufolge Steffi B. kurz vor der Tötung ihrer Söhne an der Pforte der Klinik war, um sich einweisen zu lassen - dann aber abgewiesen wurde. Die "Kieler Nachrichten" hatten das berichtet. Nach der Tat sei sie wieder in der Klinik vorstellig geworden und habe alles gebeichtet, schreibt die Zeitung. Dazu sagte der Sprecher, die Mutter sei vor der Tötung nicht in die Klinik gekommen.

Wie kompliziert dieser dramatische Fall ist, wie schwierig die Abläufe und Motive nachzuvollziehen sind - das zeigt sich mit jedem neuen Detail, das über die Familie von Steffi B. ans Licht kommt. Akribisch arbeiten sich die Ermittler vor. Der Landrat von Plön, Volkram Gebel, berichtete viele Einzelheiten.

Der Familienvater K. hatte demnach seine Frau und die Söhne am 4. Dezember offenbar verlassen - einen Tag später waren die Kinder tot. Der Vater hatte schon mehrfach die Behörden eingeschaltet - an Unterstützung durch behördliche Stellen mangelte es nicht. Es habe seit geraumer Zeit eine "intensive Begleitung" der Familie durch sozialpsychiatrische Fachleute gegeben, sagte Gebel. Der Landrat dokumentierte ausführlich die Kontakte zwischen Behörden und der Familie:

Schon am 15. August rief Ehemann K. die Bereitschaft des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). Er schilderte "religiöse Phantasien" seiner Frau, bat um Hilfe. Dem Paar wurde eine Beratung angeboten, die es auch wahrnahm.

Dabei traten nach Aussage Gebels "Beziehungsprobleme" und eine psychische Erkrankung Steffi B.'s zu Tage. Steffi B. begab sich in psychiatrische Betreuung - die sie aber nicht regelmäßig in Anspruch nahm.

Psychische Probleme, religiöse Phantasien

Zur selben Zeit meldeten die Betreuer des Kindergartens, den zwei der Söhne besuchten, die Entwicklung der Kinder sei gefährdet. Die Eltern seien offenbar mit der Betreuung überfordert.

Wieder wurden die Behörden tätig, Mitarbeiter des Sozialen Dienstes wurden mehrmals bei der Familie in Darry vorstellig. Steffi B. habe in den Gesprächen zwar eingeräumt, "psychische Probleme" gehabt zu haben, dennoch wirkte sie einer Sozialarbeiterin zufolge "steuerungsfähig". Sie habe zum Beispiel klar argumentieren können.

Das Haus der Familie habe nie verwahrlost gewirkt. Bei einem der Besuche der Sozialarbeiter lief eine Waschmaschine, es wurde Essen zubereitet. Ein Hilfsprogramm für die Familie sei erstellt worden, 15 Betreuungsstunden wurden vereinbart.

Die angespannte Situation zwischen Steffi B. und ihrem Ehemann muss sich zugespitzt haben. Am 4. Dezember meldete der Kindergarten eines der Söhne, der Allgemeinzustand des Jungen habe sich weiter verschlechtert, die aktuelle Hilfe sei wohl nicht ausreichend.

Eine Mitarbeiterin des ASD forderte den Vater in einem Telefonat auf, sich wegen des Kindes an einen Arzt zu wenden. Er sagte den Angaben zufolge zu. Doch nach Aussage des Plöner Landrats Gebel lebte der Vater eben nur bis zu jenem 4. Dezember im Haus der Familie. Ob er seine Frau genau an diesem Tag verließ und ob dies mit dazu führte, dass die Mutter ihre Söhne tötete, ist offen.

"Wir haben kein Problem. Wir lieben unseren Sohn"

Steffi B. hatte mit ihrem Mann K. zwei gemeinsame Söhne und drei weitere mit einem früheren Partner. Beide Väter werden seit Bekanntwerden der Todesfälle psychologisch betreut.

Die Familie, die in einem adretten Häuschen in der schleswig-holsteinischen Provinz lebte und auf einem Foto völlig harmonisch wirkt, galt bei Nachbarn und Anwohnern als "ordentlich", "anständig", "nett". Kein Umfeld, das man schnell mit hässlichen Schlagworten wie "Unterschicht ", "asozial" oder "Hartz IV-Milieu" klassifiziert.

Je mehr Details über die Patchwork-Familie - Mutter Steffi B., zwei Väter, fünf Kinder - bekannt werden, umso deutlicher scheint es, dass hier eine Verzweiflungstat stattgefunden haben muss, der viel Leid vorausging.

Einer der Söhne, der fünfjährige Liam, scheint nach Informationen von SPIEGEL TV das Sorgenkind der Familie gewesen zu sein. Er kam offenbar mit einem Herzfehler zur Welt, hatte einen Chromosomendefekt und war Autist. Übers Internet versuchte Steffi B., Interesse für das Schicksal ihres Sohnes zu wecken, Unterstützung zu finden.

"Ich habe ein krankes Herz, meine Eltern kämpfen um mich"

Für Liam entwarf die Familie eine eigene Homepage, schilderte im Grußwort die Krankheiten des Kindes: "Meine Name ist Liam und ich bin fast zwei Jahre alt", heißt es dort. "Ich würde gerne älter werden, denn es gibt so vieles, was ich von der Welt nicht gesehen habe. Ich habe ein krankes Herz und meine Eltern kämpfen um mich."

Im Sommer 2005 empfingen die Familie eine Journalistin, der sie ihre schwierige Situation schilderten. Damals lebte sie in einer Mietwohnung im schleswig-holsteinischen Schellhorn.

Liam zeigte die typischen Verhaltensauffälligkeiten eines autistischen Kindes. Bei Reizüberflutungen neigte er nach Informationen von SPIEGEL TV offenbar dazu, sich abzureagieren, indem er zum Beispiel seinen Kopf gegen die Polster seines Bettes schlug. "Liam braucht das einfach", sagte damals Steffi B. der Reporterin des "Stadtmagazins Preetz". "Wenn man ihn davon abhält, wird er hysterisch und bekommt Schreiattacken." Doch eigentlich, fügte sie hinzu, sei Liam ein glückliches Kind - "wenn man ihn so sein lässt, wie er ist. Und auch wir haben mit der Tatsache kein Problem und lieben unseren Sohn".

Vor drei Monaten zog die Familie in das 600-Einwohner-Dorf Darry. Die Kinder wurden von Nachbarn oft beim Spielen im Garten beobachtet. Manchmal war auch Vater K. mit dabei.

"Es geht wertvolle Zeit für die Familie weg"

Die Familie scheint sich auch um eine Delfintherapie für Liam bemüht zu haben, sammelte dafür Spendengelder. Dann wurde der Plan wieder aufgegeben. Durch den Kampf für die Therapie, schrieb Steffi B. auf ihrer Homepage, "geht so viel wertvolle Zeit von meiner Familie weg". Dann heißt es: "Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die beste Therapie für alle ist, Zeit miteinander zu verbringen."

Für die fünf getöteten Jungen soll es in den kommenden Tagen einen Gedenkgottesdienst geben, in der Michaelis-Kirche im benachbarten Lütjenburg. Die Kirche will ihre Türen auch für stille Gebete öffnen, um den Menschen Raum für ihre Trauer und Gefühle zu geben. "Die Kinder und Erwachsenen werden eine ganze Weile brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten", sagte Gudrun Bölting, die Pastorin aus Darry.

Mehr zum Thema im SPIEGEL TV Magazin: Sonntag, 9.12.2007, 23.30 Uhr, RTL

pad/dpa/Reuters/ddp

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