Gewalt gegen Frauen Vom Liebesschwur zum Mord - wie Risikobeziehungen eskalieren

Eskaliert Gewalt in Beziehungen nach einem bestimmten Muster? Ja, sagt die britische Kriminologin Jane Monckton Smith. Sie stellt einen Acht-Phasen-Plan vor, der helfen soll, Frauenmorde zu verhindern.
Zur Person
Foto: Jane Monckton Smith

Jane Monckton Smith lehrt Kriminologie an der Universität Gloucestershire im Südwesten Englands. Sie forscht zu Stalking, Partnerschaftsgewalt und Femiziden. Für ihre neueste Studie hat sie acht Stadien von Beziehungen herausgearbeitet, die mit Mord oder Totschlag enden können. Dieser "Zeitplan" soll eine Handreichung für Polizei und Sozialbehörden sein, rechtzeitig Risikobeziehungen zu erkennen und einzugreifen, bevor es zu Gewaltdelikten kommt.

Am Anfang läuft es gut bei Thea* und Stefan. Er umwirbt sie mit Fürsorge und materieller Sicherheit. Doch dann isoliert er sie, nimmt ihr das Handy ab und zwingt sie, nur noch mit ihm zusammen zu sein. Er schreibt ihr vor, was sie zu tun hat - wenn sie sich weigert, schlägt er sie. Thea zeigt Stefan an und flieht ins Frauenhaus. Doch er findet sie, sperrt sie ein, vergewaltigt sie. Nur durch Zufall entkommt Thea ihrem Peiniger. "Der Mann war so krank, ich glaube, er hätte mich auch umgebracht", sagte sie im vergangenen Jahr dem SPIEGEL. Vermutlich hat sie recht.

Für die britische Kriminologin Jane Monckton Smith folgte Theas Beziehung einem prototypischen Muster. Die Wissenschaftlerin hat ein Acht-Phasen-Modell für Risikopartnerschaften entworfen, das Polizei und Behörden helfen soll, früher gegen häusliche Gewalt vorzugehen - und Tötungen zu vermeiden.

Geschätzt 30.000 Frauen wurden 2017 weltweit von ihren früheren oder aktuellen Partnern umgebracht. In Deutschland waren es 364. "Die wenigsten Opfer werden im Affekt getötet", sagt Monckton Smith. Ihre neueste Untersuchung  kommt zu dem Ergebnis: Die Mehrzahl der Täter tötet geplant. Und fast alle wollten zuvor vor allem eins: Kontrolle über die Frau und die Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 372 Fälle aus Großbritannien untersucht, in denen Frauen von ihren Partnern getötet wurden. Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht?

Monckton Smith: Mich hat schockiert zu sehen, wie gezielt die Täter vorgegangen sind. Allzu oft werden Femizide als spontan interpretiert, als sogenanntes Verbrechen aus Leidenschaft. Meine Forschung hat das Gegenteil gezeigt: In der Mehrzahl der Fälle wurde mit erheblichem Aufwand reflektiert, geplant und entschlossen gehandelt.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff "Verbrechen aus Leidenschaft" hat eine lange Geschichte. Heute spricht man von sogenannten Affekttaten, die zu Strafmilderung führen können.

Monckton Smith: Im Zusammenhang mit Partnergewalt unterstellt "Verbrechen aus Leidenschaft", dass der Täter vom Opfer in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt oder provoziert wurde. Das ist aber so gut wie nie der Fall. Wir haben herausgefunden, dass der zwanghafte Wunsch des Täters, die Partnerin zu kontrollieren, am Anfang steht.

SPIEGEL ONLINE: Laut Ihrer Erhebung sind mehr als 80 Prozent der Mordopfer in Beziehungen Frauen. Die Täter sind mehrheitlich Männer. Ist der Kontrollwahn, den Sie beschreiben, ein typisch männliches Verhalten?

Monckton Smith: Auch Frauen können Kontrollverhalten an den Tag legen, aber es ist sehr viel unwahrscheinlicher, dass sie jemanden umbringen. Es gibt eine Menge Männer, die von ihrer Partnerin kontrolliert werden - aber sie werden nicht getötet.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Sucht nach Kontrolle als Keimzelle der Tötungen. Dann macht eine Tätertypologie mehr Sinn als eine Opfertypologie, oder?

Monckton Smith: Sicher. Wenn Sie auf eine Person mit Kontrollwahn treffen, dann ist sie das Problem, nicht das Opfer. Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass ein bestimmter Frauentypus besonders gefährdet ist. Es kann jede treffen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das alle Täter gemeinsam haben?

Monckton Smith: Manche Täter haben eine Persönlichkeitsstörung oder sind stark fixiert auf ihre Partnerin. Was alle eint: Sie glauben, einen Anspruch auf die Beziehung zu haben.

Monckton Smith: Acht Stufen einer Risikobeziehung

SPIEGEL ONLINE: Sie haben acht Stadien einer prototypischen Risikobeziehung definiert, die zum Mord an einer Frau führen kann. Können Sie die einzelnen Phasen zeitlich eingrenzen?

Monckton Smith: Nein, das variiert. Stadium 2 ist in der Regel das kürzeste - das ist der Beginn der Beziehung, die meist ungewöhnlich schnell voranschreitet, mit großer Verbindlichkeit, Liebesschwüren, Besitzansprüchen, frühem Zusammenziehen oder Schwangerschaften. Stadium 3 hingegen kann wenige Wochen oder auch 50 Jahre dauern, je nachdem, wie lange die vom Täter installierte Kontrolle Bestand hat. Sobald sie gefährdet ist, beginnt Phase 4.

SPIEGEL ONLINE: An welchem Punkt verlassen Frauen am ehesten eine gewaltgeprägte Beziehung?

Monckton Smith: In Stadium 4. Einige Frauen erkennen sehr schnell, dass sie dominiert werden sollen, andere - vor allem ältere - halten es mitunter sehr lange aus in dem Kontrollregime. Eine Trennung oder der Versuch des Opfers, sich zu entziehen, ist immer der Punkt, an dem der Kontrollverlust beim Täter einsetzt - und damit ein möglicher Sinneswandel, der mit Mord enden kann.

SPIEGEL ONLINE: Ihre These ist: Morde aus Angst vor Kontrollverlust sind vorhersehbar, also kann man sie auch verhindern. Partnerschaftsgewalt lebt aber von Heimlichkeit und Isolation. Die Polizei kommt in der Regel erst sehr spät auf den Plan.

Monckton Smith: Ja, die Polizei taucht häufig erst auf, wenn bereits Gewalt ausgeübt wurde. Und in vielen Fällen erscheint sie gar nicht. Umso wichtiger ist es, das Augenmerk auf Stalking zu lenken. In mehr als 90 Prozent der Tötungen kam es im Vorfeld zu Stalking - das ist ein untrügliches Warnzeichen für mögliche Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Polizei und Behörden haben aber doch kaum Einblick in den Zustand von intimen Beziehungen. Sind Ihre Parameter letztlich nur akademische Spielerei ohne konkrete Anwendungsmöglichkeiten?

Monckton Smith: Ich habe mein Modell zahlreichen Experten vorgestellt. Vor allem Polizisten waren sehr angetan davon, weil sie die Stadien sofort anwenden konnten auf ihre konkreten Fälle. Das Acht-Stufen-Modell bringt Struktur in eine sonst sehr unübersichtliche Problematik. Sozialarbeiter können, wenn sie aufmerksam sind, früher als die Polizei intervenieren, schon in Stadium 3, wenn sich die Kontrollmechanismen in der Beziehung verfestigen. Ich setze zudem große Hoffnung auf Bewährungshelfer, denn die können schon in Stadium 2, dem Beginn der Beziehung, gefährliche Entwicklungen erkennen, etwa bei Straftätern, die wegen häuslicher Gewalt bekannt sind.

SPIEGEL ONLINE: Und was kann die Polizei besser machen?

Monckton Smith: Sie kann die gesetzlichen Vorgaben ausschöpfen, Kontaktverbote oder Wohnungsverweise aussprechen. Vor allem kann sie noch vor Ort klar Stellung beziehen und dem Verdächtigen unmissverständlich klarmachen, dass er unter Beobachtung steht und ihm strafrechtliche Konsequenzen drohen.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt das denn?

Monckton Smith: Es gibt Täter, die sich zurücknehmen, weil sie Angst vor Strafverfolgung haben. Andere machen immer weiter, auch wenn die Polizei schon aktiv ist. Sie sind voller Wut und empfinden es als riesige Ungerechtigkeit, dass jemand ihre Beziehung unterbinden will. Für sie bedeutet die Trennung einen Statusverlust, eine Anmaßung, eine Demütigung. Solche Leute müssen mit allen Mitteln gestoppt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn der gesetzliche Opferschutz fehlt - wie etwa in Russland, wo 2017 häusliche Gewalt teilweise entkriminalisiert wurde?

Monckton Smith: Dann hat das verheerende Folgen. Damit gibt der Gesetzgeber den Tätern einen Freibrief und vermittelt ihnen: Ja, du hast jedes Recht, deine Frau zu schlagen und sie zu kontrollieren. Das macht die Situation für die Frauen hundertmal schlimmer.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es ein Gewaltschutzgesetz und den Straftatbestand der Nachstellung. In England und Wales kann pathologisches Kontrollverhalten seit 2015 mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Irland und Schottland haben nachgezogen.

Monckton Smith: Ja, wir haben zwanghaftes Kontrollverhalten kriminalisiert. In dem Gesetz geht es nicht um einzelne Straftaten wie Freiheitsberaubung oder den Entzug von Geld oder Pässen - hier geht es um ein Muster, nach dem Kontrolle über einen anderen Menschen ausgeübt wird. Und je früher man dieses System aus Drohung, Demütigung und Einschüchterung erkennt, desto eher kann man einschreiten.


*Name geändert

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.