Unruhen in Ferguson Verwundet und vergessen

Ein Jahr nach den schweren Unruhen in Ferguson: Was sagt der Polizist, der den unbewaffneten Teenager Michael Brown erschoss? Was hat sich verändert in Amerika? Die Antworten sind ernüchternd.

REUTERS

Von , New York


Darren Wilson denkt nur widerwillig zurück. "Ich werde nicht in der Vergangenheit leben", sagt der frühere Polizist, der im August 2014 in Ferguson den schwarzen Teenager Michael Brown erschoss. "Es macht keinen Unterschied mehr." Bereut er es denn, dass Brown starb? "Er hat versucht, mich umzubringen." Will heißen: Nein, er bereut es nicht.

Auch jetzt nicht, ein Jahr danach. Wilsons Unfähigkeit, die Tragweite seiner Tat zu erkennen, lässt sich im aktuellen "New Yorker" nachlesen: Reporter Jake Halpern verbrachte mehrere Tage mit dem ehemaligen Polizisten, der bis heute in der Nähe von Ferguson in Illinois lebt - uneinsichtig, arbeitslos und an einer geheimen Adresse, wegen der Morddrohungen.

"The Cop" ist der Artikel überschrieben, als stehe Wilson für alle Cops, was nicht fair wäre. Zugleich aber steht er für viel mehr - für ein ganzes Land, das zum ersten Todestag Michael Browns am Sonntag zwar versöhnende Mahnwachen plant, doch weiter um Frieden ringt zwischen Weißen und Schwarzen, Polizisten und Zivilisten, Staatsmacht und Bevölkerung.

Darren Wilson: Keine Reue nach den tödlichen Schüssen
REUTERS/St. Louis County Prosecutors Office

Darren Wilson: Keine Reue nach den tödlichen Schüssen

Fast täglich werden neue Fälle rassistischer Polizeigewalt bekannt. Sicher: Die Amerikaner sind aufmerksamer geworden, die Medien wachsamer und die Konsequenzen für die Cops unmittelbarer, auch dank verschärfter Video-Dokumentation. Doch unter dieser Oberfläche meist guter Vorsätze gärt sie ungebrochen, die Erbsünde Rassismus.

Sie gärt zum Beispiel in der unerschütterlichen Selbstgerechtigkeit Wilsons, der ausspricht, was viele denken. Sein Fall habe mit Rassismus nichts zu tun, beharrt er: Mike Brown sei ein "Böser" gewesen, er habe ihn "erschießen müssen".

Schlimmer noch: Wilson vergleicht die "bessere Kultur" der Weißen mit der "anderen Kultur" der Schwarzen - und macht Browns "schlechte Erziehung" und Familie mitverantwortlich für seinen gewaltsamen Tod.

So klingt Rassismus, der sich selbst verleugnet, der tief im Unterbewusstsein verwurzelt ist. Daran haben auch die Proteste wenig ändern können, die nach Ferguson überall aufflammten, die Social-Media-Aktivisten, die #BlackLivesMatter-Hashtags und die jüngste Kampagne gegen die Konföderiertenfahne, ein Symbol für Sklaverei und Rassenhass.

Symbol des Hasses: Frühere Konföderiertenfahne in South Carolina
AFP

Symbol des Hasses: Frühere Konföderiertenfahne in South Carolina

"In Amerika", schreibt der schwarze Autor Ta-Nehisi Coates in seinem neuen, autobiografischen Manifest "Between the World and Me", "ist es Tradition, den schwarzen Körper zu zerstören - es ist Überlieferung."

Dieser Pessimismus, unbeeindruckt von der Hoffnungsrhetorik, wie sie US-Präsident Barack Obama bevorzugt, hat Coates zum neuen Literaturstar Amerikas gemacht - und zum schonungslosen Interpreten der Rassenbeziehungen. Ferguson habe ihn desillusioniert, schreibt er: Die endlose gewaltsame Unterdrückung der Schwarzen sei "die Laune unseres Landes".

So schnell lässt sich die Geschichte eben nicht umschreiben. Die historische Metapher der "schwarzen Körper" entstand aus der Misshandlung der Sklaven, denen nur ihre Seele blieb. Die Symbolik besteht fort: Mike Browns Leiche lag stundenlang auf der Straße; in einer Chicagoer Polizeiwache wurden, wie der "Guardian" jüngst berichtete, vor allem schwarze Verdächtige unter fragwürdigen Umständen festgehalten; der New Yorker Eric Garner, der wegen illegalen Zigarettenverkaufs in einen verbotenen Würgegriff genommen wurde, erstickte mit den Worten: "Ich kriege keine Luft."

"Verkaufe Zigaretten ohne Erlaubnis, und dein Körper darf zerstört werden", resümiert Coates. "Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen. Meist werden sie Pension beziehen."

Obama in Charleston: Erhebender Moment
REUTERS

Obama in Charleston: Erhebender Moment

Nicht alle sehen es so düster. In seiner Trauerrede nach dem Massaker von Charleston betonte Obama die Fortschritte und stimmte "Amazing Grace" an, ein für viele erhebender Moment. Ferguson habe "die umfassendste nationale Abrechnung mit dem Rassismus" seit Jahrzehnten ausgelöst, schreibt Jamelle Bouie im Onlinemagazin "Slate".

Und doch: "Die Mehrheit der Nation kümmert sich nicht wirklich", widerspricht der Soziologe Darnell Hunt auf der Website "Salon".

Etwa in Baltimore: Die Unruhen nach dem brutalen Tod Freddie Grays - seinem Körper wurde buchstäblich das Rückgrat gebrochen - legten sich erst, als die Cops angeklagt wurden. Der Medienzirkus zog weiter. Die enorme Kriminalitätsrate in Baltimore interessiert kaum mehr.

Auch Darren Wilson schert sich allein um sein eigenes Schicksal. Zumal er sich als das eigentliche Opfer sieht: So könne er nur noch in gewissen - sprich: von Weißen bevorzugten - Restaurants essen gehen. "Mit gleichgesinnten Individuen", sagt er. "Wo es nicht so ein Schmelztiegel ist."

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Seite 1
LouisWu 07.08.2015
1. Nicht gelogen, aber auch nicht die Wahrheit
"Was sagt der Polizist, der den unbewaffneten Teenager Michael Brown erschoss?", schreiben Sie. "Was sagt der Polizist, der den unbewaffneten, 1.90 m großen und 110 Kilo schweren Teenager Michael Brown erschoss, der gerade einen Raubüberfall auf einen Drugstore begangen und den Polizisten angegriffen hatte?" Das wäre der Wahrheit näher gekommen....
texas_star 07.08.2015
2. tut mir Leid...
... "unbewaffneter" Teenager begeht einen Raubueberfall und attackiert danach einen Polizisten... selbst das FBI und das U.S. Justizministerium haben keinerlei Anlass gesehen da weiter zu ermitteln. Zumal es glaubhafte Zeugenaussagen und DNA Hinweise gibt die die Version des Polizisten bestaetigen...
wo_ist_all_das_material? 07.08.2015
3.
Warum sollte sich etwas ändern? Der flagrante Rassismus wird sich aufgrund von schlechter Bildung, Fundamentalismus und (gefühlter) Existenznot weißer Bevölkerungsschichten noch verschärfen. Obamas ( des "ersten schwarzen" Präsidenten) Vermächtnis. Daß er keinen Finger krumm gemacht, es sogar bewußt und ausdrücklich verweigert hat, etwas für Minderheiten oder gar Afroamerikaner zu tun, wird vermutlich Folgen haben.
Reza Rosenbaum 07.08.2015
4. Problematisch...
Ein problematischer Artikel, weil er sehr tendenzioes ist. Nur weil jemand unbewaffnet ist, heisst das nicht, dass er keine Bedrohung darstellen kann. Nach allem, was bisher bekannt ist, ging Herr Brown unter Drogen auf den Polizisten Wilson los, nachdem er vorher einen Ladenbesitzer vemobbt hatte. Kann ja sein, dass der Author des Artikels in so einer Notwehrsituation erst mal 'ne Friedenspfeife anzuendet, ich wuerde das nicht machen und kann Herrn Wilson's Handeln gut verstehen? Warum widersetzt man sich einem Polizisten? Warum muss man die Grenzen eines bewaffneten, allein operierenden Menschen austesten? Hab ich noch nie verstanden? Und die Unruhen in Baltimore hoerten nicht auf, nachdem die beteiligten Olizisten angeklagt wurden, sondern nachdem herauskam, dass der Fahrer, der vermutlich der Hauptverantowrtliche fuer die toedlichen Verletzungen Gray's ist, selbst Afroamerikaner ist. Dem it schwer Rassismus vorzuwerfen, und damit die ganze Hysterie sehr schnell entlarvt und erschlafft. Es wird auch gerne vergessen, dass die Polizisten in den USA mehr Weisse toeten als alle anderen Ethnien zusammen. Als Weisser hat man ein wesentlich hoeheres Risiko, von einem Polizisten erschossen zu werden, als als Afroamerikaner. Faelle, in denen zum Beispiel ein afroamerikanischer Polizist einen Weissen grundlos erschiesst, passieren durchaus haeufig, werden aber in der Presse nicht beachtet. Siehe zum Beispiel die Erschiessung von Gilbert Collar, einem 18-jaehrigen, unbewaffneten Studenten in Alabama durch Trevis Austin, einen afroamerikansichen Polizisten. Davon haben Sie noch nie gehoert? Natuerlich nicht, denn die Presse greift derartige Faelle nicht auf, weil sie eben nicht ins PC Bild passen.
Halfstep 07.08.2015
5. Shoot to kill
Zitat von LouisWu"Was sagt der Polizist, der den unbewaffneten Teenager Michael Brown erschoss?", schreiben Sie. "Was sagt der Polizist, der den unbewaffneten, 1.90 m großen und 110 Kilo schweren Teenager Michael Brown erschoss, der gerade einen Raubüberfall auf einen Drugstore begangen und den Polizisten angegriffen hatte?" Das wäre der Wahrheit näher gekommen....
Allerdings gibt es verschiedene Sorten Notwehr. In zivilisierten Ländern wird die Polizei trainiert, den Angreifer kampfunfähig zu schießen - möglichst ohne ihn zu töten. Zahleiche Handyvideos aus den USA zeigen eine ganz andere Handschrift: Das sind improvisierte Hinrichtungen.
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