Ausschreitungen in Ferguson Trümmer des Zorns

Der Todesschütze von Michael Brown gibt ein TV-Interview, die zweite Protestnacht in Ferguson verläuft ruhiger - auch wegen massiver Polizeipräsenz. Die Narben der Stadt aber werden noch lange bleiben.

AFP

Aus Ferguson berichtet


Pastor Carlton Lee friert in einem Zelt auf dem dunklen Parkplatz eines Discountmarkts. Der junge Schwarze hat seit zwei Tagen nicht geschlafen. Vor allem nicht letzte Nacht, als es brannte hier in Ferguson. Da bekam auch Lee einen Anruf: "Deine Kirche steht in Flammen."

Die Flood Christian Church war ein Flachbau an der West Florissant Avenue. Die Straße führt direkt durch Fergusons ärmsten Bezirk, wo die Verwüstung in der Nacht zum Dienstag am schlimmsten war. Die Gegend um die Flood Christian Church blieb verschont - nur die Kirche selbst, die brannte ab.

"Alles weg", sagt Lee. "Ich habe nur geheult. Meine letzten Ersparnisse hatte ich da reingesteckt." Wobei er nicht die Protestler verdächtigt, sondern eher Anhänger des Ku-Klux-Klans - auch die sorgen seit Wochen hier für Unruhe.

All das hat Lee schon zigmal erzählt, diesmal eben in dem Zelt auf dem Discountparkplatz, unweit seiner Kirche. Das Zelt gehört dem US-Nachrichtensender CNN, der mit geballter Kraft aus Ferguson berichtet, Lee lässt sich von Starmoderator Anderson Cooper befragen.

Der Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown durch die Kugeln des Polizisten Darren Wilson hat den Vorort von St. Louis in Missouri zum Fanal für Polizeigewalt gegen Schwarze erhoben. Als am Montag eine Grand Jury dem 28-jährigen Todesschützen jede strafrechtliche Verantwortung absprach, gingen kurz darauf wieder die Bilder von Bränden und Plünderungen um die Welt - als hätten sich hier Jahrzehnte gerechtfertigter, doch lange unterdrückter Zorn entladen.

Vermummte schlagen Plünderer zurück

Die ausgebrannte Flood Christian Church war die Kirche von Michael Brown Sr., dem Vater des erschossenen Teenagers. Pastor Lee ist der Seelsorger der zersplitterten Familie und ein Vertrauter des Bürgerrechtlers Al Sharpton, der am Dienstag für einen Auftritt einfliegt.

Sharpton, der alte Bürgerrechtler, hat im Fall Michael Brown seine neue Stimme gefunden. In einer vollen Kirche, flankiert von Michael Brown Sr. und schwarzen Honoratioren, verurteilt er in gewaltigen Worten die Entscheidung der Grand Jury. Doch der Auftritt versandet schnell in Zwischenrufen.

Während am Dienstag in 170 US-Städten Tausende aus Solidarität den Verkehr lahmlegen, ist Ferguson, von dem die ganze Bewegung ausging, in eine Art Schockstarre verfallen. Weite Teile des Ortes sind wie ausgestorben - und nicht erst mit Einbruch der eisigen Dunkelheit. Nur die Nationalgarde ist extrem präsent: 2200 Soldaten hat der demokratische Gouverneur Jay Nixon in die Kleinstadt beordert.

Das Misstrauen gegen den Staat ist groß in Ferguson, Gerüchte machen die Runde: Als tags zuvor mehr als ein Dutzend von Schwarzen und Asiaten betriebene Läden an der West Florissant in Flammen aufgingen, da ließ sich die Garde nicht blicken. Auch die örtliche Polizei habe sich auffällig lange ferngehalten. Die Sicherheitskräfte hätten am Montag absichtlich zugeschaut, heißt es - damit, wie ein Demonstrant am Polizeirevier schimpft, "die Schwarzen sich selbst umbringen".

Noch immer liegt beißender Rauch in der Luft. Sam's Meat Market, Prime Beauty Supply, TireMax: Kleine Shops, die jeder kannte, jetzt nur noch Ruinen. Anders als am Montag hat die Polizei die West Florissant fast komplett abgesperrt. Zu spät für die, die alles verloren haben. Nur Ladeninhaber dürfen durch, um die Scherben ihrer Existenz aufzukehren.

Es brannte aber auch jenseits der Bahntrasse, der Demarkationslinie zwischen dem armen und nicht so armen Ferguson. An der South Florissant Road, der weihnachtlich blinkenden Hauptstraße, richtete sich die Wut gegen größere Ketten, etwa die Pizzeria Little Caesars und den Drogeriemarkt Walgreens.

Andere Läden wurden von Demonstranten beschützt. Zum Beispiel das Restaurant Cathy's Kitchen unweit der Polizeiwache. Die Inhaber, ein afro-amerikanisches Ehepaar, lehnten es ab, sich hinter Sperrholzbrettern zu verstecken. Stattdessen schlugen vermummte Protestler die Plünderer zurück: "Nicht bei 'Cathy's'!" Nur eine Scheibe ging zu Bruch.

"Ich verstehe das alles nicht", sagt Latigra Minor. Die 23-jährige Afroamerikanerin hat sich am Montag Zuhause versteckt und die Ereignisse nur am Fernseher verfolgt. "Das mit Michael Brown ist entsetzlich, aber die Randale auch."

"No Justice No Peace!"

SPIEGEL ONLINE
Hauptanziehungspunkt der Proteste bleibt die Polizeiwache, ein hochmoderner High-Tech-Bunker. Dutzende Nationalgardisten stehen davor Spalier, sie tragen Kampfhelme und Plastikschilde und meiden den Augenkontakt mit dem Betrunkenen, der sie über den Zaun anpöbelt. Über die Straße gespannt grüßt eine Lichterkette: "Season's Greeting", frohes Fest.

Eine Aktivistengruppe ist in einem verbeulten Ford angerückt. "No Justice No Peace!" steht auf der Fahrertür, das Motto der Proteste, ein Insasse trägt eine Guy-Fawkes-Maske.

Am Abend strahlt der Sender ABC News ein Exklusivinterview mit Darren Wilson aus - dem Mann, der Michael Brown erschoss. Es sei sein allererster Waffeneinsatz gewesen, erzählt er und nimmt ein "reines Gewissen" in Anspruch. Schon Vorabausschnitte des Gesprächs erregen in Ferguson die Gemüter.

Abgesehen von einigen paar Scharmützeln zwischen Polizisten und Demonstranten bleibt es am Dienstag dennoch eher ruhig - vor allem im Vergleich zum Vorabend. 44 Menschen werden festgenommen.

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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kratzdistel 26.11.2014
1. Es wird bald wieder ruhe geben
die besonnenen kräfte werden sich durchsetzen. was jetzt zerstört wurde, muss wieder erneuert werden.davon sind auch die protestler betroffen, wie vor jahrzehnten in st. louis east. da gab es keinen geld zum wiederaufbau, so sah das viertel dann auch aus. jetzt werden schon günstig kredite angeboten, thanksgiving day wurde verschoben, 40 randalierer wurden arrestiert und wenn am wochenende die red cardinals von st. louis wieder baseball spielen, dann sind alle wieder vereint.solang sich die lebenssituation der schwarzen nicht ändert und keine assimilierung stattfindet, wird sich auch in zukunft nicht viel ändern. nur bald wird es über 50 % schwarze geben, dann kann sich amerika wandeln.die usa sind ja ein multikultureller staat wohl mit den meisten ethien. es hat sich vieles gebessert.das wird oft übersehen.es ist ein halloeffekt. immer wenn so etwas passiert wird schnell rassismus unterstellt.die gesellschaft ist es aber icht. es gibt rassisten, die auch öffentlich ungestraft sich rassistisch äußern, während es hier verboten ist. wenn kritisch die tatumstände analysiert werden, lag nach derzeitigem ermittlungsstand nach amerikanischem recht eine notwehrlage vor.was viele nicht wissen, die usa hat ein dualistisches strafrecht, und zwar nach landes- oder nach bundesrecht.wenn hier ein bezirksgericht tätig war, hier wurde wohl mord nach landesrecht angenommen. dann führt der örtliche ankläger und die örtliche polizei die ermittlungen, der chief of police bzw sheriff sind wahlbeamte der stadt ferguson wie der bürgermeister.wenn wie in vielen kernstädten in den letzten jahren merheitlich die schwarzen wahlsieger waren, hat das natürlich auch einfluss auf die stellenbesetzung. dem wahlsieger die beute bzw. system of spoil. darin liegt die große chance auf mehr gerechtigkeit.
schlachtross 26.11.2014
2. Anteil African American an US-Bevölkerung
Zitat von kratzdisteldie besonnenen kräfte werden sich durchsetzen. was jetzt zerstört wurde, muss wieder erneuert werden.davon sind auch die protestler betroffen, wie vor jahrzehnten in st. louis east. da gab es keinen geld zum wiederaufbau, so sah das viertel dann auch aus. jetzt werden schon günstig kredite angeboten, thanksgiving day wurde verschoben, 40 randalierer wurden arrestiert und wenn am wochenende die red cardinals von st. louis wieder baseball spielen, dann sind alle wieder vereint.solang sich die lebenssituation der schwarzen nicht ändert und keine assimilierung stattfindet, wird sich auch in zukunft nicht viel ändern. nur bald wird es über 50 % schwarze geben, dann kann sich amerika wandeln.die usa sind ja ein multikultureller staat wohl mit den meisten ethien. es hat sich vieles gebessert.das wird oft übersehen.es ist ein halloeffekt. immer wenn so etwas passiert wird schnell rassismus unterstellt.die gesellschaft ist es aber icht. es gibt rassisten, die auch öffentlich ungestraft sich rassistisch äußern, während es hier verboten ist. wenn kritisch die tatumstände analysiert werden, lag nach derzeitigem ermittlungsstand nach amerikanischem recht eine notwehrlage vor.was viele nicht wissen, die usa hat ein dualistisches strafrecht, und zwar nach landes- oder nach bundesrecht.wenn hier ein bezirksgericht tätig war, hier wurde wohl mord nach landesrecht angenommen. dann führt der örtliche ankläger und die örtliche polizei die ermittlungen, der chief of police bzw sheriff sind wahlbeamte der stadt ferguson wie der bürgermeister.wenn wie in vielen kernstädten in den letzten jahren merheitlich die schwarzen wahlsieger waren, hat das natürlich auch einfluss auf die stellenbesetzung. dem wahlsieger die beute bzw. system of spoil. darin liegt die große chance auf mehr gerechtigkeit.
Anders als von Ihnen gesagt, steigt der Anteil der Afro-Amerikanischen Bevölkerung nicht mehr an, vielmehr gibt es gerade mal 13,2% Afro-Amerikaner gemäß des letzten Census von 2013. Es stimmt tatsächlich, dass der Anteil Weißer (oder wie es in den USA so 'schön' heißt: Caucasian) auf unter 70% gesunken ist, und ein weiteres Schwinden auf unter 50% -noch in diesem Jahrhundert- prognostiziert wird. Der Hauptfaktor dieser Entwicklung ist aber nicht die Zunahme der Afro-Amerikanischen Bevölkerung, sondern die Zunahme aller anderen Ethnien (Hispanics, Asians) in den USA.
syracusa 26.11.2014
3. Gini-Koeffizient
Der Rassismus in den USA überlebt wegen der dort extremen sozialen Ungleichheit. Armut wird durch Bildungsarmut verfestigt, Konsumwünsche werden dann durch Kleinkriminalität verfestigt, es bilden sich Ghettos, in denen kleinkriminelle Banden die Kontrolle übernehmen. Das Ausmaß der Verteilung von Einkommen und Vermögen in einer Gesellschaft wird durch den Gini-Koeffizienten gemessen. 0 bedeutet, dass alle genau gleich viel haben, 1 bedeutet, dass einer alles besitzt und alle anderen nichts. Oberhalb von einem Wert von 0,4 sehen Soziologen eine stark steigende Gefahr sozialer Unruhen. Die USA haben einen Wert von 0,42. Dänemark hat einen Wert von 0,22. Es gilt als sicher, dass dieses hohe Maß an sozialer Gleichheit der Grund dafür ist, warum Dänemark aus eigenen und extrernen Studien immer wieder als das Land mit den glücklichsten Bürgern hervor geht. In Deutschland hat sich infolge der Hartz-Agenda der Gini-Koeffizient von ca 0,26 auf 0,30 verschlechtert. Der Rassismus in den USA kann nur durch eine radikale Änderung des Wirtschafts- und Sozialsystems überwunden werden. Da es für so eine Änderung noch nicht mal kleine Ansätze gibt, und weil diese der Kultur der USA widersprechen, werden die USA auch in Zukunft dauerhaft mit sozialen Aufständen und Rassenunruhen zu tun haben. Dazu reicht als Anlass ja schon, wenn in einer Großstadt nur mal für ein paar Stunden der Strom ausfällt.
bielefelder73 26.11.2014
4. schlimme Tatsachen
Man muss den Tatsachen ins Auge sehen: In den USA kann jeder, jederzeit durch jeden anderen erschossen werden, wenn der sich auch nur bedroht fühlt (was ja mit der Realität nichts zu tun haben muss). Stand man auch noch mit dem kleinen Zeh auf dem Grundstück des Schützen ist Straffreiheit quasi garantiert. In vielen Bundesstaaten wird Selbstverteidigung derart liberal ausgelegt, dass man nur behauten muss, man hätte sich bedroht gefühlt und schon darf man mit seiner durch das Gesetz garantierten Waffe andere Menschen töten. Ist der Schütze gar ein Polizist kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Also ich werde so schnell kein Fuß in dieses freiste aller Länder setzen!
twister-at 26.11.2014
5. Fehlende Infos
Die deutsche Presse zündelt derzeit aber fröhlich mit indem sie wichtige Infos auslässt. Da wird mal schnell das Jurysystem an sich als grausam betitelt, die "Stimme des Volkes" sei eine Stimme des Mobs usw. Dabei ist es Sache von Staatswwalt und Verteidigung, die Jury sehr sorgfältig auszusuchen - hier war die Verteilun g z.B. sehr umstritten und auch die Rolle des Staatsanwaltes ist zu kritisieren. Was aber fehlt ist der Hinweis, dass weiter gegen den Polizisten ermittelt wird und natürlich auch eine zivilrechtliche Klage möglich ist. Das bleibt außen vor, so als sei durch den Juryspruch einfach alles erledigt.
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