Schüsse in US-Stadt Ferguson Die Wunde, die nicht heilen will

In Ferguson, dem Symbolort rassistischer US-Polizeigewalt, schienen die Spannungen langsam zu schwinden. Doch dann wurden zwei Cops angeschossen. Jetzt fürchtet das Land neue Gewaltausbrüche.
Schüsse in US-Stadt Ferguson: Die Wunde, die nicht heilen will

Schüsse in US-Stadt Ferguson: Die Wunde, die nicht heilen will

Foto: AP/dpa

Es war eine Demonstration der Freude und des Frusts. Kaum hatte Fergusons umstrittener Polizeichef Thomas Jackson am Mittwoch seinen Rücktritt angekündigt, sammelten sich Dutzende vor dem Polizeirevier. Die einen bejubelten den Abgang Jacksons, der mitverantwortlich ist für die gravierenden Missstände in der Polizei von St. Louis. Andere forderten mehr: die Entlassung des Bürgermeisters.

Wie so oft gab es Rangeleien und einige Festnahmen. Gegen Mitternacht begann sich die Menschenmenge zu zerstreuen.

Und dann: Schüsse.

Vier Schüsse, woher genau, wusste keiner. In der Phalanx der Beamten vor der Polizeizentrale fielen zwei Männer.

Die Cops überlebten. Einer wurde im Gesicht getroffen, der andere an der Schulter. Jon Belmar, Polizeichef des Bezirks St. Louis, sprach von einem "Hinterhalt", einem gezielten Anschlag auf die Beamten, und erinnerte an Rafael Ramos und Wenjian Liu, die zwei im Dezember ermordeten Mitglieder des New York Police Departments (NYPD): "Uns wäre beinahe passiert, was dem NYPD passiert ist."

Im Video: Krawalle in Ferguson nach Rücktritt des Polizeichefs

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Und wie damals, als die Debatte um rassistische Polizeigewalt über Nacht gegen die - friedlichen - Demonstranten kippte, wirbelte auch die erneute Eskalation von Ferguson alles durcheinander.

Sieben Monate nach dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown bleibt Ferguson gespalten - die Stadt ist das Symbol einer Nation, die gefangen scheint in einem Teufelskreis aus schmerzhaften Déjà-vus. Der weiße Cop Darren Wilson, der Brown erschossen hatte, ohne juristisch dafür büßen zu müssen, ist von der Bildfläche verschwunden. Geblieben sind gegenseitiges Misstrauen, unverhohlene Ressentiments - und offene Wunden.

Verheerender Bericht

Dabei hatte es zuletzt ausgesehen, als würden diese Wunden langsam heilen. Mit zwei Berichten hatte sich die Bürgerrechtsabteilung des US-Justizministeriums Ferguson vorgeknöpft. Der eine Bericht gefiel den Protestlern zwar weniger gut: Er entlastete Wilson und sah keinen Anlass, ihn zivilrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen, nachdem eine Grand Jury zuvor auch strafrechtliche Konsequenzen abgelehnt hatte.

Der andere Bericht aber war verheerender - und folgenreicher . Das Ministerium attestierte Ferguson eine ganz perfide Spielart des Rassismus: Seit Jahren hatten Polizei und Justiz die Schwarzen systematisch terrorisiert, mit unberechtigten Strafzetteln, Bußgeldern, Festnahmen und anderen Schikanen - um die Stadtkasse aufzufüllen.

Hinzu kamen rassistische E-Mails, munter ausgetauscht zwischen den Angestellten der Verwaltung. "Welcher Schwarze kann sich schon vier Jahre in einem Job halten?", mokierte sich einer über US-Präsident Barack Obama. Eine andere E-Mail zeigte Obama als Schimpanse.

"Ein echter Rückschlag"

Fergusons Chefrichter, Stadtdirektor und schließlich auch Polizeichef Jackson verloren ihre Jobs. Bürgermeister James Knowles schenkte Jackson ein komplettes Jahresgehalt Abfindung - rund 96.000 Dollar - plus städtische Krankenversicherung. Kein Wunder, dass die Protestler auch Knowles' Kopf forderten: "Not just Jackson, we want Knowles", rief die Menge.

Die erneuten Schüsse von Ferguson sind nun ein Rückschlag. "Kein kleiner Rückschlag", sagte der demokratische Abgeordnete Courtney Curtis der "New York Times". "Dies ist ein echter Rückschlag."

Schon spricht Polizeichef Belmar von einer "unglücklichen Assoziation" zwischen Demonstranten und - auch in der Nacht zum Freitag noch weiter unbekannten - Tätern. Schon durchkämmen Fergusons Cops in Kampfausrüstung wieder ganze Straßenzüge. Schon muss sich Michael Browns Familie öffentlich von den "alleinstehenden Agitatoren" distanzieren.

So werden Abgründe nicht überbrückt, sondern nur noch tiefer gegraben. War dies die wahre Absicht des oder der Schützen?

Rassistische Lieder

Die Ereignisse in Ferguson platzen mitten in einen anderen Rassismus-Skandal, der seit Tagen ein heißes Gesprächsthema in den USA ist.

Mitglieder der Studentenverbindung Sigma Alpha Epsilon (SAE) in Oklahoma hatten sich filmen lassen, wie sie rassistische Lieder grölten - verbunden mit der Aufforderung zum Lynchmord: "There will never be a nigger in SAE… You can hang him from a tree  ."

Die Oklahoma University schloss die beiden Hauptakteure aus. Die wiederum verbreiteten die üblich-verkrampften Schuldeingeständnisse, in denen sie sich und ihre Familien zugleich zu den wahren Opfern stilisierten.

Doch der Skandal reicht tiefer. Das Lied ist alte SAE-Sitte. Auch an der University of Texas war es zu hören. "Es wurde uns beigebracht", schrieb ein Student. "Ein schreckliches Krebsgeschwür" habe die Burschenschaft ereilt, räumte SAE schließlich gewunden ein.

Überraschen dürfte das keinen. SAE ist eine der größten und ältesten US-Studentenverbindungen, gegründet 1856 als einzige noch im alten, tiefen Süden, kurz vor dem Bürgerkrieg, der die Sklaverei beendete. Mindestens einer der Gründer war der Sohn eines Plantagenbesitzers.

1982 feierten SAE-Mitglieder in Ohio eine Party mit rassistischen Motiven, Anlass: Martin Luther Kings Geburtstag. 2013 sangen SAE-Studenten in St. Louis rassistische Lieder. Im vergangenen Jahr verkleideten sich SAE-Studenten in South Carolina als schwarze Gangs. Und die jetzt inkriminierte SAE-Dependance in Oklahoma - ein Staat, dessen Schwarze einst von Lynchmobs terrorisiert wurden - sorgte 2011 für Aufsehen, als ein schwarzer Student bei einem Einführungsritual umkam.

Auch das ist also kein isolierter Fall. "Unser Marsch ist noch nicht zu Ende", rief Obama am Samstag im Ort Selma, zum 50. Jahrestag des "blutigen Sonntags", als Rassisten und Polizisten eine Gruppe US-Bürgerrechtler auf einer Brücke in Alabama brutal niederknüppelten.

Es war eine seiner besten, flammendsten Reden überhaupt. Trotzdem schlug Obama optimistische Töne an. "Was in Ferguson passierte, mag nicht einzigartig sein", rief er im Schatten der Brücke, die bis heute nach dem Ku-Klux-Klan-Führer Edmund Pettus benannt ist. "Aber es ist nicht länger allgegenwärtig oder von Recht und Sitte sanktioniert."

Am Donnerstagabend versammelten sich wieder Dutzende vor der Polizeiwache von Ferguson. Diesmal kamen sie mit Kerzen. Sie beteten und sangen.


Zusammengefasst: Rassismus ist in den USA ein latentes Problem. Jüngste Vorfälle wie der Skandal um schwarzenfeindliche Gesänge von Studenten und die Schüsse auf Polizisten in Ferguson sind deshalb keine isolierten Vorfälle, sondern zeigen grundsätzliche Missstände auf.

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