Festgenommener Holger G. Nummer vier der Zwickauer Terrorzelle

Handelt es sich bei der Zwickauer Terrorzelle um ein Verbrecherquartett? Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erhielten offenbar Unterstützung von Holger G. Der 37-Jährige wurde dem Ermittlungsrichter vorgeführt - er war früher als Mitglied einer prügelnden Skinhead-Truppe aufgefallen.
Holger G. (Mitte) in Karlsruhe: Dem BGH-Ermittlungsrichter in Karlsruhe vorgeführt

Holger G. (Mitte) in Karlsruhe: Dem BGH-Ermittlungsrichter in Karlsruhe vorgeführt

Foto: dapd

Per Hubschrauber wurde Holger G. am Montag auf das Gelände des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe gebracht und dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Die Bundesanwaltschaft hat Haftbefehl beantragt wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Holger G. soll sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 2007 angeschlossen haben. Am Sonntag war er in Lauenau bei Hannover festgenommen worden, seither steht die Frage im Raum, ob es sich bei der Zwickauer Terrorzelle um ein Verbrecherquartett und kein -trio handelt. Auch G. hat einen rechtsextremen Hintergrund.

Nach der Durchsuchung seiner Wohnung habe sich der Tatverdacht gegen ihn erhärtet, sagte der kommissarische Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum. G. soll Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben. Zudem soll er mehrfach Wohnmobile für die Gruppierung angemietet haben. Auch eine mögliche unmittelbare Tatbeteiligung von Holger G. an den Mordtaten des NSU wird nun geprüft.

Offen in der Neonazi-Szene bewegt

Die Spuren von Holger G. im Raum Hannover sind spärlich, doch es gibt sie. Zuletzt hatte sich der 37-Jährige in dem Örtchen Lauenau eingerichtet, lebte dort unauffällig hinter bürgerlicher Fassade. In der Vergangenheit hatte er sich dagegen vor allem in Hannover offen in der Neonazi-Szene bewegt - wenn auch kaum als Rädels- oder Wortführer.

Der Festgenommene ist nach Angaben des niedersächsischen Verfassungsschutzes nur als Mitläufer der rechten Szene bekannt. G. sei nur bis zum Jahr 2004 durch rechtsextreme Aktivitäten in Erscheinung getreten, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Werner Wargel am Montag. Ein Hinweis zeige, dass man die Daten von G. danach wie gesetzlich vorgesehen im Jahr 2009 gelöscht habe. Möglicherweise sei der 37-Jährige ab 2004 bewusst untergetaucht und nicht mehr öffentlich als Rechtsextremist in Erscheinung getreten, sagte Innenminister Uwe Schünemann (CDU).

Holger G. stammt aus Jena. Wann er in den Westen zog, ist noch nicht klar. Fest steht, dass er immer wieder bei Veranstaltungen der Neonazis auftauchte. Als sicher gilt, dass G. zum Jahreswechsel 1998/1999 an einem Treffen von Rechtsextremen in Hildesheim teilgenommen hat. Die dortige Neonazi-Szene galt lange als äußerst gewaltbereit und bestens organisiert - im Internet kursieren Bilder von paramilitärischen Trainingslagern. Dort soll auch der Umgang mit scharfen Waffen geübt worden sein.

An dem Treffen vor zwölf Jahren nahmen wichtige Vertreter der Langenhagener Nazi-Szene teil, dazu eine Delegation aus Celle - und Mitglieder vom "Thüringer Heimatschutz", der Kameradschaft, der auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt angehörten. Bei diesem Treffen ist auch Holger G. dabei gewesen, da ist sich ein Kenner der Hannoveraner Neonazi-Szene sicher. Es könnte die erste Kontaktaufnahme mit den westdeutschen rechten Kräften gewesen sein.

Im Jahr 1999 soll G. laut Sicherheitskreisen auf einer Neonazi-Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung aufgetaucht sein. 2003 besuchte er ein Konzert von Rechtsextremisten. Laut einem Bericht des MDR ist der 37-Jährige bereits 1997 ins Visier der Thüringer Ermittler geraten. Demnach sei er verdächtigt worden, an der Versendung der Briefbombenattrappen in Jena beteiligt gewesen zu sein. Die zuständige Staatsanwaltschaft Gera hatte dem Bericht zufolge gegen insgesamt 15 Verdächtige ermittelt. Die Untersuchungen wurden später eingestellt, da es keinen hinreichenden Tatverdacht gegeben habe.

Welche Rolle spielt der Bruder?

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gehörten Holger G. und sein Bruder Dirk über längere Zeit einer Neonazi-Gruppierung an, die sich rund um Hannover-Wiesenau bewegte. Dabei habe es sich um eine "heftige Truppe" von Skinheads und Schlägern gehandelt, die zahlreicher Straftaten verdächtigt worden sei, so ein Ermittler. Noch völlig offen ist die Rolle von Dirk G. in Zusammenhang mit der Zwickauer Zelle.

Jedoch sei es um Holger G., der zuvor in Hannover immer wieder Kundgebungen und Info-Stände angemeldet hätte, nach dessen Umzug ins beschauliche Lauenau ruhiger geworden. "Vielleicht hat man ihm bedeutet, nicht mehr öffentlich in Erscheinung zu treten?", spekuliert der Beamte. Es sei bislang nicht zu erklären, warum die drei mutmaßlichen Rechtsterroristen Holger G. zur Anmietung von Fahrzeugen eingespannt haben sollen. Schließlich hätte das Trio doch offenbar über gefälschte Ausweise verfügt. "Aber möglicherweise haben sie diesen Dokumenten auch einfach nicht getraut."

Auch in Antifa-Kreisen kann man sich noch gut an das Duo G. erinnern: "Dirk ist zehn Jahre älter als sein Bruder, beide sind aktenkundig und traten in der Szene offen auf." Gemeldet waren beide demnach in Hannover, Dirk G. lebt noch heute dort.

An die Stelle von Kameradschaften treten vermehrt informelle Gruppen

Bis vor vier, fünf Jahren, so berichtet der Antifa-Aktivist, seien die Freien Kameradschaften in Hannover, Langenhagen und Umgebung äußerst aktiv gewesen. Immer wieder habe es Übergriffe auf offener Straße gegeben, regelmäßig seien die Neonazis, unter der Führung der mittlerweile aufgelösten "Kameradschaft Celle-Hannover 73" durch die Straßen gezogen. Auch Holger G. wurde dabei immer wieder gesehen. Ob er festes Mitglied einer Kameradschaft war, ist jedoch noch offen.

Die Neonazi-Aktivitäten flauten erst ab, als Polizei und Sicherheitsbehörden im Jahr 2005 begannen, härter gegen die gut etablierten Kameradschaften vorzugehen. Ein Trend, den die Verfassungsschützer in den vergangenen Jahren beobachten konnten: "Kameradschaften der traditionellen Art mit festen Ritualen und einem organisatorischen Mindeststandard sind auf dem Rückzug." An ihre Stelle treten demnach vermehrt informelle Gruppen, die sich nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch anlassbezogen treffen - etwa zu Demonstrationen.

"Heute ist es deutlich ruhiger als noch vor Jahren", sagt Marco Brunotte, Rechtsextremismus-Experte und Vertreter der SPD im Landtag. Er streitet seit 2001 gegen die braune Gewalt im Raum Hannover, hat ganze Aktenordner mit Artikeln, Fotos und Plakaten gesammelt. Er zeigt Bilder von Hakenkreuz-Schmierereien an Hauswänden, von hetzerischen Posterkampagnen. Brunotte weiß, wovon er spricht, mit der NPD hat er sich bereits vor Gericht gestritten, unzählige Gegen-Demonstrationen organisiert.

Im Landkreis Schaumburg, zu dem Lauenau gehört, kann laut Michael Neu von Ruhe in der rechtsextremen Szene keine Rede sein. "Schaumburg ist ein Landkreis, den man auf dem Schirm haben muss, wenn es um Rechtsextremismus geht", sagt Neu, der für die Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt tätig ist. Die Gewaltbereitschaft sei groß, immer wieder gebe es Angriffe vor allem auf Mitglieder der linken Szene. Auch ihm war Holger G. allerdings bisher nicht bekannt.