Festnahme Thomas Wolf "Der ganz Clevere ist er nicht"

Neun Jahre brauchte die Polizei, um Thomas Wolf endlich zu fassen. Doch dem Schwerverbrecher gelang immer wieder die Flucht. Jetzt wurde er in Hamburg geschnappt - und reagierte "völlig perplex".

Von und Jessica Kröll


Hamburg - Mit einer Plastiktüte flanierte er über die Hamburger Reeperbahn, dann erfolgte am lichten Frühsommerabend schlagartig der Zugriff: Nach knapp einem Jahrzehnt auf der Flucht wurde Schwerverbrecher Thomas Wolf nach einem Besuch in der Kiez-Kneipe "Lehmitz" festgenommen.

Spezialkräfte der Polizei hatten den 56-Jährigen aufgespürt. Sie sprachen ihn vor dem Lokal an und brachten ihn blitzschnell zu Boden, um ihm dann Handschellen anzulegen. "Er war völlig perplex und schien total überrascht", sagte Polizeisprecher Ralf Meyer am Freitag. Dennoch sei Wolf "selbstbewusst, gefasst und geordnet" aufgetreten, sagte der Leiter der Sonderkommission "Wolf", Matthias Weber.

Der entscheidende Tipp sei über die Hotline der Frankfurter Polizei eingegangen und stamme von einer Person, die sich mit Wolf im Hamburger Stadtteil St. Georg getroffen habe. Details zu der Beziehung zwischen dem Zeugen und Wolf wollten die Ermittler nicht preisgeben. Nur so viel: Wolf sei dem Zeugen "dubios" vorgekommen, da habe dieser im Internet nach ihm gesucht - und sei prompt auf die Fahndungsseiten des Bundeskriminalamtes (BKA) gestoßen.

Der gesuchte mutmaßliche Millionen-Erpresser und Entführer sei am 13. Mai gezielt nach Hamburg gekommen. "Er hat hier eine Unterkunft gesucht", sagte Reinhard Bromm von der Hamburger Polizei. Davor habe Wolf es gehandhabt wie in all den Jahren auf seiner Flucht: Er stieg in "billigen Hotels" ab, meist in Bahnhofsnähe, oder er übernachtete in seinem Auto.

Am Tag seiner Festnahme sei Wolf ziellos durch die Hamburger Innenstadt und durch die Stadtteile St. Georg und St. Pauli gestreunt, in der Sonne sei er über die Landungsbrücken spaziert, habe eingekauft und Kaffee getrunken. Die Fahnder überwältigten ihn erst, nachdem einer der Beamten Wolf definitiv identifiziert hatte. Am Freitag sei der gebürtige Düsseldorfer bereits dem Haftrichter vorgeführt worden.

In einer ersten Befragung habe Wolf die Entführung der Bankiersgattin im März 2009 zugegeben, sagte Weber. Angaben zu den 1,8 Millionen Lösegeld habe er jedoch nicht gemacht. "Auch eine Aussage will er nicht machen", sagte Jörn Blicke, Leiter der Personen- und Zielfahndung.

Wolf habe nach bisheriger Erkenntnis keine Verbindung zu alten Bekannten im kriminellen Milieu in Hamburg aufgenommen. "Er war schon relativ allein", so Blicke. Er beschreibt den 56-Jährigen als "unauffällig". "Wolf ist fit, nicht müde, aber er wirkt älter als er ist, was vermutlich zu einem Großteil seiner Flucht geschuldet ist." Er sei eine Person, die extrem wenig auffalle - der "Typ Normalo". Wie auf den Fahndungsfotos sei er einfach nur ein unscheinbarer Mann mit Brille.

Rückblickend sei die Arbeit oft "frustrierend" gewesen, resümierte Blicke. Die Ermittler seien Wolf meist dicht auf den Fersen gewesen. "Wir waren teilweise nur Minuten hinter ihm." Es sei aber extrem mühsam gewesen, seinen Spuren zu folgen. Wolf sei in den vergangenen Jahren sogar von Polizisten angesprochen worden, die aber keinen Grund gehabt hätten, Verdacht zu schöpfen.

Die Festnahme habe dennoch gezeigt, dass Wolf weniger pfiffig und geschickt sei als Profiler ihn gezeichnet und Fahnder vermutet hatten. "Wir waren ernüchtert, als wir ihn vor uns hatten", sagte Blicke. "Wir hatten ihm mehr Planung und Akribie unterstellt, aber der ganz Clevere ist er nicht. Er ist eher einfach gestrickt." Für einen "hochkarätigen Verbrecher" habe er doch ein sehr "einfaches Leben" geführt. Wolf habe kein großes Geld machen wollen, sondern mit der Beute lediglich seinen doch sehr "einfachen Lebensstil" finanzieren wollen.

Wolf selbst sehe sich als "Gentleman", der seinen Opfern "nicht wirklich etwas getan" habe, sagte Bromm. "Für uns ist er aber ein äußerst rücksichtsloser Gewalttäter."

Wolfs Identität wurde mit Hilfe von Fingerabdrücken geklärt

Wolf habe bei dem Zugriff um 18.27 Uhr keinerlei Widerstand geleistet, eine Waffe hatte er nicht dabei, Ausweise ebenso nicht. Der 56-Jährige ließ sich von Beamten des Mobilen Einsatzkommandos problemlos abführen, wie die Polizei mitteilte.

Nach seiner Festnahme wollte der gesuchte Serienverbrecher zunächst nicht sagen, wer er ist - das tat er erst, als die Beamten seine Identität mit Hilfe von Fingerabdrücken zweifelsfrei geklärt hatten. Um 3.15 Uhr in der Nacht zum Freitag wurde er ins Hamburger Untersuchungsgefängnis gebracht.

Angeklagt werden soll Wolf in Wiesbaden. Dort hatte er nach Erkenntnissen der Ermittler am 27. März die Frau eines Bankiers verschleppt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst. Für Hinweise zu dieser Tat war eine Belohnung bis zu 100.000 Euro ausgesetzt.

Nach der Tat in Wiesbaden flüchtete Wolf durch ganz Deutschland: Am 31. März etwa stahl er laut Polizei in einem Parkhaus in Berlin zwei Paar Kennzeichen. In München hielt er sich nach Einkaufsbelegen vom 13. bis 16. April auf. Am 27. April war er in Bremen. Ende April hielt er sich im Kreis Delmenhorst auf und schlief anscheinend auch im Auto. Später wurde er im Taunus von Spaziergängern gesehen.

Laut BKA gilt Wolf als "besonders gewaltbereit"

Inwieweit die Sicherheitsmaßnahmen im Fall Wolf zusätzlich verschärft wurden, ist nicht bekannt. Man werde "penibel darauf achten, dass er nicht noch einmal ausbüxt", sagte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Wolf, der seit seinem 15. Lebensjahr eine Straftat nach der anderen beging, saß von 1981 bis 2000 in mehreren Gefängnissen - und gilt als Ausbrecherkönig: 1982 gelang ihm aus einer Gefängnisklinik die Flucht, 1988 entkam er aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh, 1989 türmte er aus der JVA Geldern.

Silvester 1999 bekam er Hafturlaub - und kehrte am Neujahrstag nicht ins Gefängnis von Moers-Kapellen in Nordrhein-Westfalen zurück, wo er unter anderem wegen Bankraubs eine Gesamtstrafe von 21 Jahren hätte verbüßen sollen. Kurz darauf überfiel er eine Commerzbank am Paul-Nevermann-Platz in Hamburg-Altona und erbeutete 250.000 Euro.

Seither fahndete die Polizei mit internationalem Haftbefehl nach Wolf, der damit zum meistgesuchten Schwerverbrecher des Landes avancierte - und laut Bundeskriminalamt (BKA) als "besonders gewaltbereit" gilt.

Auf seiner Flucht soll Wolf laut Polizei in den Niederlanden eine weitere Bank überfallen haben, ein Versuch in Brüssel scheiterte. Er sei immer nach demselben Muster vorgegangen, berichtete Reinhard Bromm, Leiter der Abteilung Spezialeinsätze bei der Hamburger Polizei: Wolf habe sich telefonisch bei den Banken gemeldet und angekündigt, er brauche einen hohen Geldbetrag. In den Filialen erschien Wolf dann mit einem Koffer, in dem eine Bombenattrappe lag, und mit einer Waffe.

In den nächsten Tagen werde entschieden, so Soko-Leiter Weber, wann Wolf nach Frankfurt überstellt werde. "Wir stehen nicht unter Zeitdruck, da sich Herr Wolf ja in Strafhaft befindet - und somit auf dem Trockenen sitzt", sagte der Frankfurter Oberstaatsanwalt Hartmut Ferse.

In Anspielung auf Wolfs mehrmalige Ausbrüche aus Gefängnissen, fügte die Frankfurter Polizeivizepräsidentin Sabine Thurau schmunzelnd hinzu: "Er bekommt jetzt auch sicher keinen Hafturlaub gestattet."

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