Flucht aufs Gefängnisdach Polizei bricht Verhandlungen mit Sexverbrecher ab

Seit dem frühen Morgen steht der mutmaßliche Kinderschänder in Dresden auf dem Gefängnisdach - und gab auch nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf. Die Polizei zog ihre Psychologen zurück, fuhr die Hebebühne herunter. Wie es weitergeht, ist völlig offen.
Von Maren Soehring

Dresden - Der Angeklagte im Stephanie-Prozess hält sich seit heute Morgen gegen 7.30 Uhr auf dem Dach des Dresdner Gefängnisses auf. Die Polizei hat inzwischen das Psychologen-Team zurückgezogen, das stundenlang von einer Hebebühne aus mit dem 36-Jährigen mutmaßlichen Sexualverbrecher verhandelt hatte. Die Hebebühne wurde eingefahren. Die Polizei forderte Kamerateams vor dem Gefängnis auf, Lichtquellen nicht in Richtung Dach zu richten. "Es geht darum, die Einsatzkräfte auf dem Gelände der JVA nicht zu gefährden." Zu einem möglichen Zugriff in der Dunkelheit gab es keine Auskünfte.

Fast bewegungslos, beide Händen in den Taschen: So hatte Mario M. den Tag auf dem Dach verbracht. Erst am Abend setzte er sich hin, als die Polizeipsychologen weg waren. Tagsüber lief er nur ein paar Mal auf der Dachkante des Gefängnisgebäudes hin und her, langsam und gefasst. Seine Schultern schienen am späten Nachmittag etwas an Spannung verloren zu haben. Ein kleines Zeichen von Erschöpfung. Um 7.24 Uhr war der mutmaßliche Entführer und Vergewaltiger von Stephanie R. während eines einstündigen Hofgangs seinen Wächtern entkommen und auf das Dach des Dresdner Gefängnisses geklettert. Er sei plötzlich auf die Wand zu gerannt und habe sich an Gitterstäben nach oben gezogen, ist zu erfahren. Wie ihm dies gelang, ist fast unbegreiflich: Glatte Wände aus Beton, vergitterte Fenster in großem Abstand - trotzdem ist der untersetzte Häftling auf das Dach gelangt.

Ständig die Frage: Wird er springen?

Mario M. suchte den ganzen Tag über die Öffentlichkeit. Keine Sekunde bewegte er sich aus dem Sichtfeld der Zuschauer. Journalisten, Jugendliche mit Baseballcaps und Schlabberpullis, Männer im grauen Anzug, Neugierige mit Hunden und Bierflaschen - sie alle standen auf der großen Brachfläche am Rand der hohen, glatten Gefängnismauern. Sie beobachteten den Mann auf dem Dach, warteten auf Neuigkeiten.

"Warum springt er nicht?", fragte die Zuschauerin Ivonne Werner, die eigentlich ihren Mann im Gefängnis besuchen wollte. "Er schläft im selben Haus. Nun darf ich nicht rein." Die Passantin Claudia Doink: "Um ihn ist es nicht schade." Sie war auf dem Weg in einem nahen Park, nun fotografierte sie die absurde Szenerie mit ihrem Handy - "für einen Kumpel".

"Ich bin fassungslos", sagte Daniel Staats vom Opferverein "Missing-People". Er war als Beobachter gekommen, um selbst zu sehen, wie die Einsatzkräfte reagieren - und vor allem was Mario M. macht. Wie kein Verbrechen in den vergangenen Jahren hat der Fall Stephanie die Dresdner bewegt und verstört. Fünf Wochen lang wurde die damals 13-Jährige im Januar und Februar gefangengehalten, gepeinigt und missbraucht, nur wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Daniel Staats: "Da ist so viel schief gelaufen. Oder es ist eine Verkettung sehr unglücklicher Umstände." Schon früh hat sich sein Verein um die Familie gekümmert. Der Vater Joachim Rudolph sagte heute nach Mario M.s Flucht auf das Dach voller Wut: "Wir haben darauf hingewiesen, dass dieses Schwein so gefährlich ist. Aber man hat es immer ignoriert. Unfassbar."

Am Montag hatte der Prozess gegen Mario M. am Landgericht Dresden begonnen. Auch dort war es zu einem Zwischenfall gekommen, als er mitten in der Verlesung der Anklage aufstand und erst von sechs Beamten überwältigt werden konnte. Morgen ist der nächste Verhandlungstag angesetzt.

Manche mutmaßten heute am Gefängnis, Mario M. wolle durch seine Aktion die Ausstrahlung von Videos verhindern, die er von seinen sexuellen Übergriffen auf Stephanie angefertigt hat.

Silhoutte in der Nacht

Selbst der Polizeihubschrauber schien den Häftling nicht sonderlich zu beunruhigen. Am späten Vormittag kreiste der Helikopter dröhnend, setzte zum Sinkflug an, verharrte minutenlang regungslos in der Luft. Mario M. hob ein paar Mal die Hand, schien auf den Hubschrauber zu deuten. Aufregung gab es am Nachmittag auch, als ein Sondereinsatzkommando der Polizei das Gefängnisgelände betrat. Kurz sah man sie im transparenten Treppenaufgang, mehrmals fuhr die Hebebühne an der Außenmauer des Gebäudes auf und ab - auf ihr verhandelten zwei Psychologen des LKA aus sicherer Entfernung mit Mario M. Einmal schienen die Beamten ihm einen Zettel zuzustecken, den er irgendwann unter seiner Anstaltsjacke verschwinden ließ.

Thomas Herbst, Sprecher der Dresdner Polizei, wurde den ganzen Tag mit Fragen bestürmt. Doch viel sagte er nicht, vor allem nicht zu den möglichen Forderungen von Mario M. Er betonte immer wieder die Verantwortung der Polizei, auch mutmaßliche Straftäter zu schützen: "Auch wenn es fast unerträglich ist - Mario M. hat ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Man könne nur mit dem Gefangenen reden - sonst sei die Gefahr zu groß, dass er "ungesichert springen könnte". Mario M. "kalkuliert das ja ein".

Am späten Nachmittag kam der sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) vorbei, gab Pannen zu. Weder er noch Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) schlossen personelle Konsequenzen aus. Mackenroth verließ das Gefängnisgelände rasch wieder. Auch die Zuschauer mussten umziehen, um 16 Uhr wurde das Gelände gesperrt. Mario M. stand währenddessen immer noch auf dem Dach. Er blieb dort einfach auch nach Anbruch der Dunkelheit - als scheinbar bewegungslose Silhouette in der Nacht.

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