Wachmann im Flüchtlingsheim Burbach "Ich bin kein Schlägertyp"

Er drohte im Asylbewerberheim in Burbach einem Flüchtling mit Schlägen, doch Dieter P. sieht sich selbst als Opfer. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zeichnet der frühere Wachmann das Bild einer Einrichtung, in der Gewalt und Verzweiflung herrschten.
Szene aus Misshandlungsvideo: "Ich wollte ihn zur Ruhe bringen"

Szene aus Misshandlungsvideo: "Ich wollte ihn zur Ruhe bringen"

Foto: blup.de

"Sie wollen mit mir über Burbach sprechen?", fragt der Mann mit der Brille. "Dann kommen Sie besser rein!" Es geht durch den Garten, in den Keller. Auf einem Bügel hängt eine schwarze Bomberjacke, auf der "Security" steht. "Weiter, die Treppe rauf!", sagt der Mann. In den Flur, hell, freundlich, dann rechts in die Küche. Auf dem Tisch stehen zwei orangefarbene Gartenzwerge aus Ton und ein Teelicht. "Was wollen Sie wissen?", fragt der Mann, setzt sich und verschränkt die Arme.

Dieter P.* ist einer der Wachleute aus dem Asylbewerberheim im nordrhein-westfälischen Burbach, aus dem schreckliche Bilder an die Öffentlichkeit gelangt sind. Es war P., der einen in seinem Erbrochenen liegenden Asylbewerber anfuhr: "Willst du noch eine haben? Soll ich dir in die Fresse treten, oder was?" Davon gibt es ein Video. Zuvor hatte der wimmernde Mann seine vermeintlichen Bewacher gefragt, warum sie ihn geschlagen hätten.

SPIEGEL ONLINE

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) spricht von "Kriminellen", die in den Flüchtlingsunterkünften am Werk gewesen seien. Er meint damit auch P., einen Familienvater, Ende 40, der lange als Kaufmann gearbeitet hat und irgendwann in die Sicherheitsbranche abgerutscht ist. Für neun Euro die Stunde ging er Streife in Burbach, bis zu 300 Stunden im Monat. "Ich bin kein Schlägertyp", sagt P.

"Es war nicht nett"

Den Abend im Frühjahr, an dem der Film entstand, erinnert Dieter P. noch ziemlich genau. Er streitet nicht ab, die Stimme in dem Video zu sein. P. will offen sein und das kaum Begreifliche erklären. Auch bei der Polizei hat er stundenlang ausgesagt, ohne Anwalt: "Es ist doch die Wahrheit."

An dem Abend also habe der Flüchtling randaliert, wieder einmal. Obschon es in dem Heim ein striktes Alkoholverbot gebe, sei der Mann häufig sehr betrunken gewesen, so P. Er habe sich immer wieder übergeben müssen und sie mit Glasscherben angegriffen. Schließlich, nach Stunden, habe der Kollege R. zugeschlagen. Weil der Mann aber immer noch keine Ruhe gegeben habe, habe er, Dieter P., ihm gedroht. "Das ist doch das einzige, was wir machen dürfen", sagt P. "Es war nicht nett, aber ich wollte ihn zur Ruhe bringen."

Der Darstellung zufolge nahm der Wachmann R., der den Flüchtling geohrfeigt hatte, wenig später auch das Video auf, das in der vergangenen Woche einem freien Journalisten zugespielt worden war. Dieter P. will von den Aufnahmen nichts mitbekommen haben. Auch erinnert er sich angeblich nicht an die Identität des Opfers, der Mann sei vielleicht Marokkaner gewesen, genau sagen könne er das nach so vielen Monaten nicht mehr, so R.

Der ebenfalls in dem Film zu hörende Ralf S.* ("Leg dich in deine Kotze und schlaf!") schildert die Abläufe des Abends im "Siegerland Kurier"  ganz ähnlich. Die Auseinandersetzung mit dem Flüchtling habe Stunden gedauert, mehrfach habe der Betrunkene erbrochen. "Dann hab ich die Nerven verloren und ihm gedroht", so S. in der Zeitung.

"Problemzimmer" für Randalierer

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zeichnet Dieter P. das generelle Bild einer schaurigen Anstalt, in der über lange Zeit - unbemerkt oder ignoriert von den Behörden - skandalöse Zustände geherrscht hätten. Einige seiner Kollegen machten sich demnach einen Spaß daraus, Flüchtlinge zu schikanieren. Zeitweise hätten sich die Männer, deren Rädelsführer der besagte Wachmann R. gewesen sei, in einer WhatsApp-Gruppe gegenseitig Bilder erniedrigter Menschen zugeschickt. "Das war widerlich", sagt P.

Aber auch zahlreiche Flüchtlinge seien äußerst schwierige Charaktere gewesen, erzählt Dieter P. Viele seien traumatisiert. Einer habe sich immer wieder mit einem Messer den Bauch zerfurcht. Manchmal seien Feuerlöscher durch Fenster geworfen worden, und alle paar Wochen habe es eine Massenkeilerei zwischen Dutzenden Bewohnern gegeben: "Und wir standen zu viert dazwischen", so P. Eine Zeit lang hätten sie Randalierer in ein "Problemzimmer" gesperrt, doch diese Praxis sei ihnen irgendwann untersagt worden. Die Behörden ermitteln daher nun auch wegen Freiheitsberaubung.

Als Waffen hätten sie kleine Fläschchen mit Pfefferspray gehabt, die sie aber eigentlich nur zum Selbstschutz hätten einsetzen dürfen, erinnert sich P. Bei der Durchsuchung in der ehemaligen Kaserne am Freitagabend stellten Staatsschützer im Aufenthaltsraum der Wachleute allerdings unter anderem einen Schlagstock und einen Schlagring sicher.

Wenn sie die Polizei gerufen hätten, hätten die Beamten sich zuweilen sehr viel Zeit gelassen. Regelmäßig sei das Wachpersonal von einigen Bewohnern attackiert und angespuckt worden, sagt P.: "Ich hatte so oft die Hosen voll."

Der ehemalige Stabsunteroffizier der Bundeswehr wird seinen Job verlieren, sein Chef hat ihm die Kündigung bereits telefonisch ausgesprochen. "Ich bin fast 50", sagt Dieter P., "und stehe vor den Trümmern meiner Existenz."

*Namen geändert
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