Missbrauch von Flüchtlingskindern Schutzlos ausgeliefert

Der kleine Amir war vier, als ihn ein Mann auf der Toilette missbrauchte: Immer wieder vergehen sich Erwachsene in Asylbewerberheimen an Flüchtlingskindern. Wie kann das sein? Wir haben vor Ort recherchiert.

Flüchtlinge in der Notunterkunft am Tempelhofer Feld in Berlin
DPA

Flüchtlinge in der Notunterkunft am Tempelhofer Feld in Berlin

Von , Rendsburg und Berlin


Sie begegneten sich vor den Toiletten von Haus 44, im ersten Obergeschoss. Amir spielte an diesem Abend mit anderen Kindern auf dem Flur der Flüchtlingsunterkunft, als ihn plötzlich ein junger Mann an die Hand nahm, in die Toilette zog, durch den Vorraum und in eine der vier Kabinen brachte. Von innen schloss er die Tür, dann zog er sich selbst und dem Jungen Hose und Unterhose herunter, steckte dem vierjährigen Amir seinen Penis in den Mund und zwang ihn zum Oralsex.

Die Tat des 22-jährigen Afghanen am 29. März in der ehemaligen Kaserne Boostedt haben die Ermittler vor allem anhand der Aussagen des Jungen rekonstruiert. Sie hat das Flüchtlingsheim im Herzen Schleswig-Holsteins erschüttert - vor allem aber das Leben eines vier Jahre alten Kindes und seiner Familie aus dem Irak.

Der Missbrauch von Amir, der eigentlich anders heißt, ist kein Einzelfall. Immer wieder gibt es Meldungen aus Asylbewerberheimen, über Bewohner, Mitarbeiter oder Helfer, die sich an Minderjährigen vergehen. Wie kann es zu solchen Übergriffen auf besonders schutzbedürftige Menschen kommen, auf geflüchtete Kinder - ausgerechnet dort, wo sie Zuflucht vor Krieg, Verfolgung und existenziellen Nöten suchen? Vor allem aber: Wie lassen sich solche Taten verhindern?

Ein kleines Expertenteam im Berliner Stadtteil Tempelhof will genau das herausfinden. Hannah Krunke, eine freundliche 29-Jährige mit Lockenkopf und Strickjäckchen, hockt auf einer knallbunten Couch in einem der Hangars auf dem Tempelhofer Feld. Der alte Flughafen dient heute als Notunterkunft, die Psychologin sitzt in einem der Betreuungsräume für Kinder. "Hier wollen wir sie entlasten, ihren Stress runterfahren", sagt Krunke, die beim Heimbetreiber Tamaja als Kinderschutzbeauftragte arbeitet.

Viele der Flüchtlinge in Berlin kommen zunächst in dem Flughafengebäude an, das Tamaja zum größten Flüchtlingsheim der Hauptstadt umgebaut hat. Etwa 1300 Menschen leben derzeit in vier Hangars, jeder Dritte ist minderjährig. In den 25 Quadratmeter großen Schlafkabinen, die weder Türen haben noch überdacht sind, leben bis zu neun Flüchtlinge. "Das Risiko sexueller Übergriffe ist hier natürlich erhöht", sagt Krunke - schließlich lebten in den Hangars viele Schutzbedürftige auf sehr engem Raum. Trotzdem soll, so hofft der Betreiber, die Großunterkunft besonders gut Übergriffen vorbeugen.

Das liegt vor allem daran, dass es in den Hangars insgesamt vier spezielle Räume für Kinderbetreuung gibt. Zwischen 9 und 16.30 Uhr können Heranwachsende hier spielen und basteln, wie Psychologin Krunke erläutert. Während die Eltern etwa Sprach- und Integrationskurse besuchen, seien die Kinder in Sicherheit: "Und in der Zeit kommt hier niemand rein."

Das Konzept sei binnen weniger Monate in Zusammenarbeit mit Save the Children entstanden, sagt Sahar El-Qasem, die neben Krunke auf der Couch sitzt. Sie ist die Kinderschutzreferentin der Hilfsorganisation - und überzeugt davon, dass die engmaschige Betreuung in Tempelhof auch den Alltag der Familien erleichtert. Abgesehen von den Betreuungsräumen gebe es Sozial- und Deeskalationsteams aus Pädagogen und Psychologen, die sich um die Kinder kümmern. "Die sind ja immer noch auf der Flucht und in einem extrem unstabilen Zustand", sagt die 39-Jährige.

Das kann gravierende Folgen haben, wie Krunke erläutert: Viele Kinder entwickelten Bindungsstörungen, sagt sie, und: Da Eltern im Flüchtlingsheim nicht mehr Versorger und Ernährer der Familie seien, komme es zu einer Rollenverdrehung. "Es ist dann nicht mehr klar, wer die festen Bezugspersonen sind", sagt Krunke, "und dann gerät das ganze System Familie unter Druck." Daher müssten die Kinder besonders geschützt und gefördert werden: "Wenn die Kinder stärker sind, stärkt das auch die Familien."

Was das konkret heißt? Während der Betreuung kommt niemand von außen in den Kinderraum, im kompletten Gebäude gibt es kaum unbeobachtete Ecken und Winkel, die Flure vor den Duschräumen und Toiletten sind stets unter Beobachtung. "Hier gilt außerdem das Vier-Augen-Prinzip", sagt Krunke, "ein Mitarbeiter ist nie alleine mit einem Kind." Und wenn ein Kind auffällt, setzen die Mitarbeiter eine Meldekette in Gang, eine Art psychosoziales Frühwarnsystem. Wenig Privatsphäre, aber viel Sicherheit.

"Das ist alles schön und gut", sagt Kinderschutzreferentin El-Qasem, "aber eben nur für diejenigen, die hier bei uns leben."

In anderen Unterkünften kommt es nach wie vor zu Übergriffen auf Kinder - offenbar ist es mitunter sehr einfach, wie der Fall Amir zeigt. Peter Boysen, der Anwalt des Kindes, sitzt in seinem schmucklosen Büro im norddeutschen Rendsburg und macht ein ernstes Gesicht. "Das dauerte vielleicht drei oder vier Minuten", sagt der 66-Jährige über den Missbrauch des Vierjährigen. Kein Betreuer achtete demnach auf die spielenden Kinder, der Flur vor den Toiletten wurde nicht überwacht, der Täter war nicht als Sexualstraftäter oder Pädophiler bekannt.

"Es ist also irgendwie nachvollziehbar, dass so etwas passiert", sagt Boysen, es klingt resigniert. Der Jurist, grauer Schnäuzer und grauer Wollpullover, beschäftigt sich seit 35 Jahren mit Ausländerrecht - und weiß, dass die Aufarbeitung einer solchen Tat ähnlich belastend ist wie der Übergriff selbst: "Die Kinder werden plötzlich vor ein Tribunal mit fremden Leuten in einem großen Raum gesetzt", so Boysen, "und über Dinge ausgefragt, die hochnotpeinlich sind."

Entsprechend schlecht ging es Amir in den vergangenen Monaten. "Er war nach der Tat natürlich verstört", sagt Boysen, dabei habe der Vierjährige früher als fröhlicher Junge gegolten, als "Wonneproppen." Vor Gericht behauptete sein Peiniger dann, er habe dem Kind lediglich beim Toilettengang auf die Klobrille geholfen. Amir selbst äußerte sich kaum: "Der Junge hat in der Hauptverhandlung geblockt", sagt Boysen. Der Täter wurde dennoch überführt; bei einer Untersuchung seines Intimbereichs fanden Experten DNA-Spuren von Amir.

Angeklagter im Landgericht in Kiel (im August)
DPA

Angeklagter im Landgericht in Kiel (im August)

Der Afghane ist einer von vergleichsweise wenigen Männern, die wegen Kindesmissbrauchs an Flüchtlingen vor Gericht kommen. Statistiken oder belastbare Daten über solche Verbrechen gibt es kaum, entsprechend wenig lässt sich über die Täter sagen - außer, dass Faktoren wie Herkunft oder Alter wohl keine Rolle spielen: Im westfälischen Höxter etwa nahm die Polizei zu Jahresbeginn den Pförtner eines Asylbewerberheims fest, 33 Jahre alt, deutsch, Helfer beim Roten Kreuz und einschlägig vorbestraft. Aus Ermittlungsergebnissen zu anderen Einzelfällen geht hervor, dass unter den Tätern ebenso Teenager sind wie ältere Männer, Asiaten ebenso wie Europäer. Und wie häufig tatsächlich Pädophilie oder sexuelle Ersatzhandlungen dabei eine Rolle spielt, ist völlig unklar.

Entsprechend schwierig ist es, solche Fälle aufzuklären: Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, da viele Opfer schweigen - etwa aus Scham, Druck oder Angst, oder weil sie weder Deutsch sprechen noch das Rechtssystem verstehen. So kam der Fall des kleinen Amir wohl an die Öffentlichkeit, weil sein achtjähriger Bruder zufällig durch den Schlitz unter der Toilettentür die heruntergelassenen Hosen des Jungen sowie seines Peinigers erkannte - und den Vater alarmierte.

Es hilft also wohl nur eines: Prävention.

Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin versuchen die Experten das mit den erwähnten vier Schutz- und Spielräumen, die im Fachjargon Child Friendly Spaces (CFS) heißen. Zudem haben das Uno-Hilfswerk Unicef, das Familienministerium und gut ein Dutzend Wohlfahrtsverbände sich im Frühjahr auf Mindeststandards für Flüchtlingsunterkünfte geeinigt. Sie sehen unter anderem individuelle Ablauf- und Notfallpläne für den Fall gewaltsamer Übergriffe vor.

Dabei zeigt der Missbrauchsfall von Boostedt, dass selbst eine angemessene Unterbringung in soliden Kasernengebäuden auf einem weitläufigen Gelände Übergriffe nicht automatisch verhindert. "Vom Gebäude her war das völlig in Ordnung", sagt Boysen, "das war einfach eine kriminelle Tat." Offenbar kann niemand Kinder in Flüchtlingsheimen vollständig schützen.

Wie kann das sein?

Rund jeder dritte Flüchtling in Deutschland ist minderjährig, deren Unterbringung steht jedoch seit Langem in der Kritik: "Flüchtlingsunterkünfte sind keine kindgerechten Orte", hieß es im Juni in einem Bericht von Unicef. Darin kritisiert das Kinderhilfswerk die Bedingungen für Flüchtlingskinder in Deutschland scharf.

Der Staat schreibt für diese Kinder und Jugendliche trotzdem kaum Schutzmechanismen vor: Für Asylbewerberheime etwa sind Psychologen nicht vorgeschrieben, und im Januar kippte das Innenministerium auch geplante "Maßnahmen zur Verhinderung von sexueller Gewalt" in Asylbewerberheimen - ohne ersichtlichen Grund. Hinzu kommt, dass für viele Unterkünfte nicht einmal eine Betriebserlaubnis nötig ist, wie sie das Gesetz für andere Einrichtungen vorschreibt, in denen Kinder betreut werden.

Was all das für minderjährige Flüchtlinge wie den vierjährigen Amir bedeutet? "Sie müssen sich auf die Hilfe von Erwachsenen verlassen", sagt Anwalt Boysen. "Dieser Vertrauensvorschuss ist ein enormes Risiko." Die Missbrauchsfälle würden sich häufen, vermutet der Anwalt: "Ob auch mehr Fälle aufgeklärt werden, weiß ich aber nicht."

"Man kann nur hoffen"

Den Peiniger von Amir hat die Jugendstrafkammer des Landgerichts Kiel zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Der Verteidiger von Karim F. ist in Revision gegangen, laut Boysen wird der junge Afghane seine Zeit in Deutschland aber wohl nur noch als Häftling erleben: Nach der Hälfte seiner Haft könnte er abgeschoben werden - und würde bei einer Rückkehr direkt wieder im Gefängnis landen.

Und Amir? "Er wurde in der Unterkunft immer Schokolade genannt", sagt Boysen, "weil er so aufgeschlossen und niedlich war." Jetzt geht das Kleinkind regelmäßig zur Psychotherapie, die einstige Lebensfreude kehrt Boysen zufolge nur langsam zurück. "Man kann nur hoffen", sagt der Jurist, "dass der Junge diesen Abend irgendwie verarbeiten kann."

Immerhin: Amir lebt jetzt mit seinen Eltern und den vier Geschwistern in einer anderen Stadt, in einer eigenen Wohnung. In Sicherheit.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.