Foltervorwurf Haftstrafen auf Bewährung für Bundeswehrausbilder

Urteil im Coesfelder Bundeswehr-Prozess: Das Landgericht Münster hat gegen fünf Soldaten Haftstrafen auf Bewährung verhängt. Sie hatten Rekruten bei simulierten Geiselnahmen misshandelt.


Münster - Die beiden Hauptangeklagten, die früheren Zugführer Martin D., 33, und Michel H., 32, erhielten wegen gefährlicher Körperverletzung und entwürdigender Behandlung von Untergebenen eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung.

Hauptmann Ingo S.: 7500 Euro Geldstrafe für den Kompaniechef
DDP

Hauptmann Ingo S.: 7500 Euro Geldstrafe für den Kompaniechef

Gegen den damaligen Kompaniechef Hauptmann Ingo S., 34, wurde eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 50 Euro verhängt. Ein Ex-Oberfeldwebel, der ein Feldtelefon für Stromstöße zweckentfremdet hatte, bekam eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung. Drei angeklagte Ausbilder wurden freigesprochen, ein Verfahren wurde eingestellt.

Den Männern war vorgeworfen worden, bei vier simulierten Geiselnahmen im Sommer 2004 insgesamt 163 Rekruten gequält und gedemütigt zu haben. Die jungen Soldaten waren in der Coesfelder Freiherr-vom-Stein-Kaserne mit Stromstößen, Schlägen und Fußtritten misshandelt worden.

Die Anklage gegen die Männer lautete bei unterschiedlicher Beteiligung auf Körperverletzung, Misshandlung und entwürdigende Behandlung. Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren auf Bewährung gefordert sowie für einen Ausbilder eine Geldstrafe gefordert.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, forderte Wehrdienstleistende aus Anlass des Urteils zu einer aktiven Wahrnehmung ihrer Rechte auf. Jeder Rekrut müsse wissen, dass er seine Grundrechte nicht an der Garderobe ablege, wenn er in die Kaserne einziehe, sagte er im RBB-Inforadio.

Besonders bestürzt hat Robbe eigenen Angaben zufolge, dass die Vorfälle um die Rekruten-Misshandlungen nur durch einen Zufall ans Tageslicht gekommen sind. Keiner der betroffenen 163 Rekruten habe sich an den Wehrbeauftragten oder unmittelbar vorgesetzten Disziplinarbeauftragten gewandt. "Das gibt mir am meisten zu denken", erklärte Robbe.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Oberst Bernhard Gertz, sieht auch nach dem Abschluss im Misshandlungsprozess gegen Ausbilder der Bundeswehr noch Aufklärungsbedarf. Mit dem Ende des Strafverfahrens sei das Thema für die Bundeswehr noch nicht abschließend aufgearbeitet, sagte er dem Nachrichtensender N24. Im Disziplinarverfahren müsse nun untersucht werden, "ob Vorgesetzte gegen ihre Pflichten verstoßen haben, indem sie zum Beispiel den Respekt vor der Würde des Menschen haben vermissen lassen".

Unabhängig vom subjektiven Empfinden mancher Rekruten, die die simulierten Geiselnahmen als "Highlight" ihrer Ausbildung bezeichnet haben, sieht Gertz in den Vorfällen klare Pflichtverletzungen der Vorgesetzten: "Es ist ein Grundsatz seit Bestehen der Bundeswehr (...), dass ein Vorgesetzter zunächst mal seine Soldaten nicht mal anfassen darf, geschweige denn Stromstöße verpassen, ihnen Wasser einflößen darf, oder anderes mehr."

dek/jdl/AP/ddp

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.