Fotos aus Den Haag Wo Kriegsverbrecher gemeinsam feiern

Vom Jugoslawien-Tribunal in Den Haag sind Bilder aus dem Gerichtssaal bekannt - aber wie spielt sich das Leben im Gefangenentrakt ab? Ein bosnischer Fotograf durfte einen Blick hinter die Gitter werfen. Er fand Tenniscourts, Fitnessräume und ehemalige Kriegsgegner, die sich nun vertragen.

REUTERS/Damir Sagolj

Den Haag - "The Hague Hilton", so nennt Damir Sagolj das Gebäude, das er sich als erster Journalist von innen ansehen durfte. Sagolj, ein bosnischer Fotograf, ging in den Bereich des Jugoslawien-Tribunals am Internationalen Strafgerichtshof, in dem die Angeklagten untergebracht sind. Rund 40 sind es, sie lebten in Harmonie und Komfort, berichtet Sagolj.

Für ihn ist es nicht irgendein Job: "Manche der Gefangenen waren für Verbrechen angeklagt, die sie an Mitgliedern meiner Familie begangen haben." Viele seiner Verwandten wurden vertrieben, manche ermordet. Die Getöteten wurden später in Massengräbern wiedergefunden.

Im Juli war mit Goran Hadzic der letzte der 44 vom Tribunal gesuchten Kriegsverbrecher nach Den Haag ausgeliefert worden. Zuvor war erst Ende Mai war der Ex-Kommandeur der bosnischen Serben, Ratko Mladic, nach jahrelanger Flucht in Serbien gefasst worden. Sie leben nun im "The Hague Hilton", ebenso wie der frühere Serbenführer Radovan Karadzic.

Karadzic kam Sagolj bei seinen Recherchen näher, als es ihm lieb war: Der Fotograf stieß mit dem Angeklagten zufällig auf dem Flur zusammen. "Ein kurzer Rempler, unsere Augen waren verschlossen, dann sagte er 'Hallo'." Er habe gedacht, Karadzic lasse die Wachen selbst in Handschellen klein erscheinen.

Die Inhaftierten würden gut behandelt. Es gibt einen Tennisplatz, der rege genutzt werde. "Ich habe gehört, dass Ante Gotovina, ein kroatischer General, dem Kriegsverbrechen gegen serbische Zivilisten vorgeworfen werden, der ungeschlagene Tennis-Champion ist."

Zudem stehen ein Fitnessraum, Ateliers und Basketballplätze innen und außen zur Verfügung. Es gibt keine Internetverbindung, Handys sind verboten. In den Zellen stehen Flachbildschirme, auf denen TV-Programme aus der Heimat laufen.

In den Aufenthaltsräumen kommen die an einen Tisch, die sich einst bekriegt haben. Der Chef des Trakts, David Kennedy, sagte zu Sagolj: "Sie kochen gemeinsam, besorgen die Zutaten aus dem Balkanshop, und dann sitzt der ganze Flügel zusammen und feiert was auch immer gerade anliegt." Laut Kennedy gab es im Gefängnis noch keine einzige Auseinandersetzung aus nationalistischen oder religiösen Gründen.

"Kann man in dem Gefängnis also sogar etwas lernen?", fragt Sagolj. "Sie kommen miteinander aus weil sie in der gleichen Situation sind", antwortet Kennedy. "Sie leben miteinander, es gibt keine Segregation nach Ethnien und unter diesen Umständen hat man es am besten und einfachsten, wenn man mit seinen Nachbarn klarkommt."

bim/Reuters



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