Trauer um getöteten Achtjährigen Und dann: Stille

Am Tag nach der Tötung eines achtjährigen Jungen hat die Bahnhofsmission zu einer Andacht geladen. Den Geistlichen gelingt es, die politische Polarisierung der Teilnehmenden zu beenden - für eine Minute.

Andacht vor dem Frankfurter Hauptbahnhof: "Wenn da auf einmal diese Stille ist"
Andreas Arnold/DPA

Andacht vor dem Frankfurter Hauptbahnhof: "Wenn da auf einmal diese Stille ist"

Aus Frankfurt berichtet


Die Stimmung ist angespannt, es wird gegiftet und gespuckt. Am Dienstagabend lässt sich die Polarisierung eines ganzen Landes auf dem Frankfurter Bahnhofsvorplatz beobachten. Etwa 200 Menschen haben sich hier versammelt, darunter rund 50 rechte Demonstranten. Die Polizei trennt die gegnerischen Lager. "Ihr instrumentalisiert den Fall ja nur!", rufen die einen. Die anderen sehen sich in ihren Ressentiments gegen Ausländer bestätigt.

Die Bahnhofsmission hat zu einer Andacht eingeladen. Es ist Tag eins nach der grausamen Attacke am Gleis 7: Montagmorgen gegen 10 Uhr soll ein 40-jähriger Mann, der in Eritrea geboren wurde, zuerst eine Frau und dann deren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Die Mutter konnte sich auf einen Fußweg zwischen den Gleisen retten und erlitt einen schweren Schock. Ihr Sohn wurde vom Zug erfasst und starb noch vor Ort.

Der Täter soll zudem versucht haben, eine 78-Jährige vor den Zug zu stoßen. Die Frau wehrte sich und verletzte sich an der Schulter. Der mutmaßliche Täter floh zunächst. Er wurde von Passanten und einem Polizeibeamten, der privat und in Zivil unterwegs war, verfolgt und konnte im Nahbereich des Hauptbahnhofs verhaftet werden. (Lesen Sie hier, was bislang über den Verdächtigen bekannt ist.)

Video: Mutmaßlicher Täter wurde in der Schweiz gesucht

Ralph Orlowski / REUTERS

Rechtspopulisten instrumentalisierten die Tat

Schon kurz nach der Tat nutzten Rechtspopulisten den Tod des Jungen für ihre politischen Zwecke. Die Bundestagsfraktion der Alternative für Deutschland (AfD) twitterte: "Wie viele Staatsbürger sollen eigentlich noch auf dem Altar dieser grenzenlosen Willkommenskultur geopfert werden?" Der Beschuldigte lebt seit 2006 in der Schweiz und ist erst vor wenigen Tagen aus Basel nach Frankfurt gekommen, doch bei den rechten Demonstranten auf dem Bahnhofsvorplatz verfangen die Parolen der AfD.

Erst als Carsten Baumann, der Leiter der Bahnhofsmission, mit der Andacht beginnt, beruhigt sich die Lage auf dem Platz etwas. Der Theologe steht gemeinsam mit weiteren Pfarrerinnen vor einer blauen Stellwand. Auch Vertreter der Frankfurter eritreischen Gemeinde nehmen an der Zeremonie teil. Ein Altar wurde aufgebaut, ein Pianist spielt das Kirchenlied "Von guten Mächten wunderbar geborgen."


Baumann sagt, ein Blick in die sozialen Medien zeige, dass die Tat zur Spaltung der Gesellschaft missbraucht werde. Man dürfe aber nicht zulassen, "dass Hass um sich greife". Die Gedanken seien bei den Eltern, die "alles verloren haben, was der Sohn ihnen bedeutet hat". Bereits den ganzen Tag über haben Menschen in Erinnerung an den getöteten Jungen Blumen, Kuscheltiere und Schokolade am Gleis 7 niedergelegt. Auf dem Bahnhofsvorplatz lassen viele ihren Tränen freien Lauf.

"Wir müssen das Nichtwissen aushalten"

Das Verbrechen hat in Frankfurt Ratlosigkeit ausgelöst. Die Motivlage des Täters ist noch immer unklar. Bislang war er der Polizei in Deutschland nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft hat keine Anhaltspunkte, dass der Beschuldigte zur Tatzeit unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand. Die Schweizer Behörden gehen von einer psychischen Erkrankung des Verdächtigen aus. "Wir müssen das Nichtwissen aushalten", sagt Theologe Baumann: "Wir können uns nur an die Seite des Jungen und seiner Familie stellen".

Es folgen Gebete für die Bahnmitarbeiter und Helfer, die am Montag ihr Quartier in den Räumen der Bahnhofsmission bezogen hatten und das Erlebte nur schwer verarbeiten können. Ein Mitglied der eritreischen Gemeinde betet für den Frieden in der Stadt. Zwischendurch wird die Zeremonie durch Zwischenrufe gestört. Nach den Fürbitten ruft Baumann zu einer Gedenkminute auf. Und dann: Stille.

Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann: "Wir können den Schmerz nicht nachvollziehen, der diese Familie, diese Mutter getroffen hat"
Frank Rumpenhorst/DPA

Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann: "Wir können den Schmerz nicht nachvollziehen, der diese Familie, diese Mutter getroffen hat"

Die Geistlichen schaffen es für einen Moment, die polarisierte Menge auf dem Bahnhofsvorplatz im lautlosen Gedenken an den toten Jungen zu vereinen. Am Ende der Andacht tritt Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ans Mikrofon. Er findet emotionale Worte: "Wir können den Schmerz nicht nachvollziehen, der diese Familie, diese Mutter getroffen hat", sagt er. "Wenn da auf einmal diese Stille ist. Diese schreckliche Stille, wenn das eine Kind unwiderruflich nicht mehr da ist."

(Mehr über die redaktionelle Abwägung, wann die Nationalität eines Tatverdächtigen genannt wird, lesen Sie hier.)

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