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Mordprozess gegen John Ausonius: Die Akte "Lasermann"

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Mordprozess gegen "Lasermann" "Ich musste erst den Hass loswerden"

Mit einem Kopfschuss soll er eine Jüdin getötet haben: In Frankfurt steht ein Mann vor Gericht, dessen Verbrechen womöglich die NSU-Terrorgruppe inspirierten. Doch der "Lasermann" inszeniert sich selbst als Opfer.

Der Mann, den Rechtsextremisten seit Jahrzehnten als Idol verehren, setzt sich gelassen neben seinen Anwalt Joachim Bremer, sie gehen ein paar Papiere durch, zwischendurch lachen beide. John Wolfgang Alexander Ausonius sieht aus wie ein Sachbearbeiter im Finanzamt, das Gespräch wirkt wie eine zwanglose Besprechung unter Kollegen.

Ist es aber nicht.

Der Schwede Ausonius ist ein Serienverbrecher, der bereits 1995 wegen rassistisch motivierter Mordanschläge auf Migranten verurteilt wurde. Seit einem Vierteljahrhundert sitzt er in Haft - und im Sitzungssaal II des Landgerichts Frankfurt, wo er nun auf der Anklagebank sitzt, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden, ob es dabei bleibt. Denn noch immer ist ein Mord ungesühnt, den der heute 64-Jährige begangen haben soll.

Zu Beginn des Prozesses holt Ausonius ein paar Zettel hervor, auf denen er seine Sicht der Dinge zusammengefasst hat: wie sein Leben früh aus den Fugen geriet, dass er zu Unrecht als Mörder angeklagt wird, warum er vor allem ein Opfer ungünstiger Umstände ist. Fast eine Stunde lang doziert der Verbrecher Ausonius über den gescheiterten Mann Ausonius.

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Mordprozess gegen John Ausonius: Die Akte "Lasermann"

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Der Vortrag passt nicht zu dem, was zuvor Staatsanwältin Nadja Böttinger in einem kaum zweiminütigen Vortrag erläutert hatte. Sie ist davon überzeugt, dass Ausonius in der regennassen Frühjahrnacht zum 23. Februar 1992 die Garderobiere Blanka Zmigrod heimtückisch ermordete. Die 68-Jährige radelte damals um kurz nach Mitternacht durch das Frankfurter Westend nach Hause, als ihr der Täter im Kettenhofweg von schräg hinten mit einer Pistole in den Kopf schoss, die Handtasche der Sterbenden an sich nahm und davoneilte.

Als Motiv geben die Ermittler Habgier an. Ausonius hatte Zmigrod 36 Stunden zuvor an der Garderobe des Hotels Mövenpick beschimpft und ihr unterstellt, sie habe aus seiner Manteltasche einen sogenannten Casio-Rechner gestohlen. Laut Staatsanwaltschaft tötete Ausonius sie, um das elektronisches Notizbuch wiederzubekommen (Mehr zur Vorgeschichte dieses Falls lesen Sie hier).

Auf all das geht Ausonius vor Gericht nicht ein. Stattdessen spricht er über seinen Lebensweg - "damit man auch die Person und Position des Herrn Ausonius versteht", wie Anwalt Bremer sagt. Ausonius plaudert über seine deutsche Mutter und den längst gestorbenen Vater aus der Schweiz, über seinen zwei Jahre jüngeren Bruder, über das späte Abitur und das gescheiterte Chemiestudium in Stockholm.

Vor allem aber berichtet Ausonius über das, was er "verschiedene Extrajobs" nennt: In den Siebzigern und Achtzigern kochte er demnach in einem Steakhaus, arbeitete als Filmvorführer, Autoschlosser und Farbenmixer, ging zum Militär und gründete ein "Studententaxi". Von Liebesbeziehungen oder Freundschaften ist keine Rede, aber von Schwarzarbeit, Schlägereien, ersten Haftstrafen. "Ich empfand Unzufriedenheit", sagt er über diese Jahre, "und dass es verlorene Zeit war."

"Ich fand das gemein von der Polizei"

Jedem dieser Sätze ist anzumerken, wie viel Zeit und Mühe Ausonius für seine Erklärung aufgebracht hat - und welche Strategie er verfolgt: In seiner Erzählung fasst ein gehänselter Gymnasiast nicht richtig Fuß im Leben und versucht sein Glück schließlich in Casinos und mit Aktien. "Es war immer sehr knapp am Gewinn vorbei", behauptet Ausonius.

Doch Glück und Gewinne blieben aus. Irgendwann zur Wendezeit, sagt Ausonius, habe er seinen Lebensstil nur noch mit Banküberfällen zu finanzieren gewusst - obwohl das gegen seine Prinzipien verstoßen habe: "Ich war kein Krimineller, das wäre unter meiner Würde gewesen", sagt er. "Ich musste tiefer in mein ökonomisches Elend sinken, bevor ich einen Banküberfall begehen konnte."

Er sollte noch viel tiefer sinken.

Als die Polizei öffentlich nach dem Bankräuber fahndete und um Hinweise von Zeugen bat, wurde Ausonius nervös. "Ich fand es gemein von der Polizei", sagt er, "dass sie unqualifizierte Leute aus der Allgemeinheit auf einen Bankräuber ansetzten." 1991 habe er dann angefangen, mit einem Gewehr auf Migranten zu schießen, monatelang, immer wieder. In manchen Fällen benutzte er eine Laser-Zielvorrichtung, was ihm den Beinamen "Lasermann" einbrachte. In seinen Augen waren die Angriffe angemessen, sagt Ausonius, so habe er die Ermittler von seinen "Kassencoups" abgelenkt. Rassistische Mordanschläge als Nebenprodukt eines verpfuschten Lebens?

Leicht gefallen seien ihm diese Verbrechen nicht, sagt Ausonius. Als sein fünftes Opfer, der Iraner Jimmy Ranjbar, am 9. November 1991 seinen Verletzungen erlag, habe er zwei Tage nicht schlafen können. Zugleich macht Ausonius aus seinem damaligen Fremdenhass keinen Hehl: "Ich habe allgemein sehr schlechte Erfahrungen mit den Einwanderern gehabt."

Manchmal gerät Ausonius ins Stocken, aber nie gerät er aus der Ruhe - selbst dann nicht, wenn er seine Taten mit Sätzen wie "Auf Frauen habe ich niemals geschossen" kommentiert. Jedes Anzeichen von Reue verknüpft er mit einer Rechtfertigung. "Es waren ja unschuldige Menschen, die ich angegriffen habe", sagt er, "aber ich musste erst den Hass loswerden." Heute habe er Respekt gegenüber allen Menschen, "egal, wo sie herkommen".

Distanz zu Nachahmern

Es dürfte eine der spannendsten Fragen dieses Prozesses sein, für wie glaubwürdig die Richter der 22. Strafkammer diesen Angeklagten halten, der sich als Täter und Opfer zugleich inszeniert.

Über dem Verfahren schwebt zudem die Frage, warum Ausonius die Garderobiere Zmigrods getötet haben soll. Der Casio-Rechner, um den er vor ihrem Tod mit ihr gestritten hatte, ist nie wieder aufgetaucht. Zmigrod war jüdischen Glaubens - und seit Jahren gibt es den Verdacht, der Täter könne Antisemit und Rassist gewesen sein.

Ausonius' Verbrechen waren wohl Vorbild für Rechtsextremisten wie den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik, der 2012 vor Gericht gesagt hatte: "Es sind diese Ungerechtigkeiten, die mich, den Lasermann in Schweden und den NSU in Deutschland schafften." Ob Ausonius auch den "Nationalsozialistischen Untergrund" inspiriert hat, ist allerdings unklar. Ausonius, der sich stets von Nachahmern distanziert hatte, schiebt den Medien eine Schuld zu: Deren "übermäßige Berichterstattung" habe als Inspirationsquelle gedient.

"Ich hoffe, dass ich nicht geopfert werde"

Im jetzigen Prozess soll ohnehin der Mord an Blanka Zmigrod im Mittelpunkt stehen. Eine Zeugin des Streits in der Garderobe ist zur Hauptverhandlung geladen, darüber hinaus ist die Beweislage jedoch dünn: DNA-Spuren gibt es nicht, auch keine Fingerabdrücke oder Tatzeugen.

Ausonius behauptet, er habe von dem Mord erst am 29. September 1993 erfahren - in einem schwedischen Gefängnis sei er damals zu dem Fall befragt worden. Dass er als Verdächtiger gelte, nennt er "eine reine Verleumdung". "Ich hoffe, dass ich wegen des fehlenden Alibis jetzt nicht geopfert werde." Dann schiebt er noch einen Antrag nach: Er wolle vor Gericht an einen Lügendetektor angeschlossen werden.

Ausonius' größte Hoffnung dürfte aber wohl die Strategie seines Verteidigers sein. Unmittelbar nach Ausonius' Einlassung beantragt der, den bis Ende Januar terminierten Prozess einzustellen. Es verstoße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, 24 Jahre nach der ersten Eintragung seines Mandanten als Beschuldigtem einen Prozess gegen ihn zu eröffnen.

Ausonius' Auftritt wird aber wohl selbst dann in Erinnerung bleiben, sollte das Verfahren eingestellt werden. Nachhallen dürfte zumindest ein Satz aus seiner Erklärung: "Das hört sich natürlich total verrückt an", heißt es darin, "und das ist es natürlich auch."

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