Nordfrankreich Muslime verweigern Beisetzung von Kirchenattentäter

Deutliches Signal der muslimischen Gemeinde: Kein islamischer Geistlicher wird der Beisetzung des Attentäters beiwohnen, der in einer Kirche einen Priester ermordet hatte.

Trauernder Muslim vor dem Ort des Attentats in Saint-Étienne-du-Rouvray
DPA

Trauernder Muslim vor dem Ort des Attentats in Saint-Étienne-du-Rouvray


Die muslimische Gemeinde von Saint-Étienne-du-Rouvray hat das Kirchenattentat von Saint-Étienne-du-Rouvray scharf verurteilt und unterstreicht dies zusätzlich durch eine neue Ankündigung. Der Vorsitzende des Rats der Muslime in der Normandie, Mohammed Karabila, sagte laut dem US-Sender CNN, dass weder er noch der örtliche Imam an der Beerdigung des Attentäters Adel Kermiche teilnehmen würden.

Der 19-jährige Kermiche und der ebenfalls 19-jährige Abdel-Malik Petitjean waren mit Messern bewaffnet am Dienstagmorgen in die Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray bei Rouen eingedrungen, in der sich der Priester, drei Nonnen und zwei Gemeindemitglieder befanden. Die Angreifer töteten den Priester und verletzten einen über 80 Jahre alten Gottesdienstbesucher schwer. Später wurden Kermiche und Petitjean von Polizisten erschossen.

Beide Angreifer waren den französischen Sicherheitsbehörden bekannt. Kermiche war wegen zwei fehlgeschlagener Reisen in das syrische Kriegsgebiet in Untersuchungshaft. Er wurde aber im März mit einer elektronischen Fußfessel in den Hausarrest entlassen.

Der "Islamische Staat" (IS) hatte den Anschlag in der Kirche für sich reklamiert. Frankreich ist an einer internationalen Militärkoalition beteiligt, die den IS bekämpft. Die Miliz kontrolliert im Irak und in Syrien weite Landesteile.

Nach Angaben von CNN muss das Bürgermeisteramt entscheiden, ob Kermiche in dem Ort beigesetzt wird oder nicht. Zu Petitjean wurden keine Angaben gemacht.

Muslime und Christen bei Gedenkfeiern für Priester

Muslime und Christen in Frankreich rücken seit dem Attentat demonstrativ näher zusammen: Knapp 2000 Menschen beider Religionskreise nahmen an der Gedenkfeier für den ermordeten Priester Hamel in der Kathedrale von Rouen teil. Rund hundert Muslime folgten am Sonntag dem Appell des Französischen Rats der Muslime (CFCM), aus Solidarität und Mitgefühl an dem Trauergottesdienst für den katholischen Priester teilzunehmen.

"Wir begrüßen heute Morgen besonders unsere muslimischen Freunde", sagte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, der den Gottesdienst in der vollbesetzten Kathedrale leitete. Er danke ihnen "im Namen aller Christen". Mit ihrer Teilnahme bekräftigten die Muslime, dass sie Gewalt im Namen Gottes ablehnten, sagte der Erzbischof. Am Eingang der Kathedrale sicherten Soldaten und Polizisten die Ankunft Teilnehmer, doch gab es keine Personenkontrollen.

Bereits am Samstag hatte es landesweit Gedenkfeiern für Hamel gegeben. Politiker hatten nach dem Mord in der Kirche die verschiedenen Religionsgemeinden aufgerufen, sich nicht von der Gewalttat spalten zu lassen, da dies nur den Mördern in die Hände spielen würde.

Aus Ermittlungskreisen verlautete unterdessen, ein 17-Jähriger, der 2015 mit Kermiche versucht hatte, nach Syrien zu reisen, sei im schweizerischen Genf festgenommen und an Frankreich überstellt worden. Ein 16-Jähriger, bei dem Propagandamaterial der Dschihadisten gefunden worden war, wurde derweil aus dem Gewahrsam entlassen. Sein Bruder war mit Kermiche bekannt und war 2015 in das syrisch-irakische Konfliktgebiet gereist.

Auch ein syrischer Flüchtling, der in einem Asylbewerberheim in Zentralfrankreich festgenommen worden war, kam wieder frei, wie es am Sonntag aus Justizkreisen hieß. Eine Kopie seines Passes war in der Wohnung von Kermiche gefunden worden.

Der Cousin Petitjeans soll die Pläne gekannt haben

Der Cousin des Attentäters Petitjean hat nach Angaben der Ermittler von einer bevorstehenden Gewalttat seines Verwandten gewusst. Die Pariser Staatsanwaltschaft beantragte am Sonntag Untersuchungshaft für den 30-Jährigen, wie die Behörde mitteilte. Sie wirft ihm Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung vor. Der in Nancy Geborene sollte im Laufe des Sonntags einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden; dieser soll über die Eröffnung eines Anklageverfahrens entscheiden.

Lesen Sie hier, was die Nonnen über die Minuten des Attentats berichten:

yes/dpa/AFP

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