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Porträt einer Täterin Frau Hosang, warum haben Sie Ihren Nachbarn einbetoniert?

Eine arbeitslose Köchin pflegt einen Rentner, irgendwann ist der Mann weg - Jahrzehnte später werden seine Knochen in einem Keller aus einem Erdloch gehoben. Was ist passiert? Unsere Reporter haben den Fall rekonstruiert.
aus DER SPIEGEL 35/2020
Verurteilte Hosang auf ihrer Veranda in Rieder: "Der Alte behielt gern die Kontrolle"

Verurteilte Hosang auf ihrer Veranda in Rieder: "Der Alte behielt gern die Kontrolle"

Foto:

Milos Djuric / DER SPIEGEL

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Zwanzig Jahre lang hatte niemand in Rieder Walter Emmerich gesehen, den Mann aus dem sandfarbenen Einfamilienhaus in der Bachstraße 1a. Sein Vermieter glaubte, er sei zu seiner Schwester gezogen, nur ein paar Orte weiter. Die Frauen im Ort erzählten sich, "der Alte" lebe inzwischen in Thailand. Seine Krankenkasse hörte das letzte Mal 1995 von ihm, Walter Emmerich beantragte eine Gehstütze. Jahrelang schickte die Rentenkasse sein Geld auf ein Konto, das nie seines war.

Er hatte neun Kinder. In den vielen Jahren, die vergingen, suchte keines nach ihm.

Die Einzige, die jeden Tag an ihn dachte, war Angelika Hosang.

Es war ein Mittwoch im Oktober 2016, da führte sie die Ermittler zu ihm. Sie gingen die Stufen hinunter in den Keller, rissen die Spinnweben von den Wänden, hoben Kohlereste zur Seite, zerschlugen den Beton an der Stelle, auf die Angelika Hosang mit ihrem schwarzen Stiefel getreten hatte.

In einem Erdloch lagen Walter Emmerichs Knochen, in einem zugeknöpften Kurzarmhemd mit rosafarbenen Streifen, an den Beinknochen noch die Thrombosestrümpfe mit dunkelblauen Bündchen.

Er war gehüllt in eine löchrige Gardine, verschnürt mit einem Kabel, auf ihm lagen ein langes Küchenmesser und ein Beil mit Holzgriff.

Die Ermittler trugen die Knochen von Walter Emmerich aus dem Keller, vorbei an seiner Wohnstube, raus aus dem sandfarbenen Haus in Rieder.

DER SPIEGEL 35/2020
Foto: Chris Kleponis / imago images

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Rieder liegt in Sachsen-Anhalt, nicht weit von Quedlinburg entfernt, ein Dorf, am Ende von Kartoffelfeldern, am Nordrand des Harzes. Benannt ist der Ort nach dem Ried, "dem Sumpf", an dem es einst errichtet wurde, vor mehr als tausend Jahren.

Als Walter Emmerich nach Rieder kam, im Herbst 1989, gingen andere in den Westen, Emmerich zog in den Lindenweg. In seiner neuen Straße lebte der Dorfchronist, schräg gegenüber der Totengräber, nebenan die Familie Hosang.

Es ist ein warmer Tag im vergangenen September, Angelika Hosang sitzt auf ihrer Veranda, ihr Mann Norbert auf der Holzbank gegenüber. In einer selbst gebauten Voliere zwitschern 21 Kanarienvögel, von der Decke hängt eine Harzhexe, an der Wand eine Kuckucksuhr. Hier erzählt sie von jener Zeit, als "der Alte", wie sie Walter Emmerich bis heute im Ort nennen, nach Rieder kam.

Walter Emmerich, 1920 in Neundorf geboren, war Einzelkind, Sohn eines Obsthändlers. Er wurde Maler, Schlosser und Schädlingsbekämpfer, nach Rieder kam er als Witwer und Rentner.

Er hatte eine Cousine, sie lebte im Lindenweg, nur ein paar Häuser entfernt von den Hosangs. Es regnete an dem Tag, an dem er sie besuchte. Bei dem schlechten Wetter traute er sich nicht, wieder zurückzufahren, nach Staßfurt, fast 40 Kilometer weit. Seine Cousine wollte ihn schon lange mit Lisbeth verkuppeln, der Frau von gegenüber. Er fragte die Nachbarin, ob er sein Auto bei ihr unterstellen könne, sie bat ihn herein. Wenige Tage später zog Walter Emmerich bei ihr ein.

Angelika Hosang, damals Anfang dreißig, nannte die Nachbarin nur Tante Beta, eine ruhige Frau, die immer auf die Männer an ihrer Seite hörte. Tante Beta und ihr neuer Lebensgefährte brauchten bald eine neue Waschmaschine. Sie riefen Angelika rüber, sie kannte sich aus mit Versandhäusern, füllte den Bogen vom Quelle-Katalog aus.

Sie habe gern geholfen, sagt Angelika Hosang.

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