Indische Frauenrechtlerin "Vergewaltigungsopfern wird eine Mitschuld gegeben"

Die Vergewaltigung einer jungen Frau in Neu-Delhi löste weltweit Entsetzen aus. Zieht Indien Konsequenzen aus dem Fall? Eine Kommission sollte Vorschläge zu Stärkung von Frauenrechten erarbeiten. Jüngstes Mitglied: Saumya Saxena, 24. Im Interview erklärt sie, was sich in ihrer Heimat künftig ändern muss.

Saumya Saxena: "Das Wichtigste ist, dass wir unsere Probleme richtig erkennen"

Saumya Saxena: "Das Wichtigste ist, dass wir unsere Probleme richtig erkennen"

Von , Islamabad


Zufällig war Saumya Saxena, 24, gerade in Neu-Delhi, zu Besuch bei ihrer Familie. Sie ist in der Stadt aufgewachsen, seit ein paar Jahren lebt sie in England. Derzeit schreibt sie in Cambridge an ihrer Doktorarbeit in Rechtsgeschichte, es geht um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in Indien.

Am 15. Dezember schaut sie sich in Neu-Delhi im Kino den Film "Life of Pi" an. Nach dem Film fährt sie nach Hause, sie kommt heil an. Einen Tag später, am 16. Dezember, schaut sich eine junge Frau, genau so alt wie Saxena, ebenfalls in der indischen Hauptstadt den Film "Life of Pi" an. Auf dem Rückweg wird sie in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt. Ihr Freund, der sie begleitet, erleidet schwere Verletzungen. Knapp zwei Wochen später stirbt die junge Frau.

Der Fall sorgt weltweit für Entsetzen. Die indische Regierung setzt ein dreiköpfiges Richterkomitee ein, das von 16 Experten unterstützt werden soll. Fachleute werden gesucht. Sie sollen Ideen für die Regierung erarbeiten, wie Indien frauenfreundlicher werden kann. Saxena bewirbt sich - und wird genommen. Sie ist die Jüngste in dem Team.

Aus Saxenas Heimaturlaub werden vier harte Arbeitswochen. Indiens Bevölkerung ist aufgerufen, Vorschläge für Gesetzesänderungen und sonstige Kommentare einzureichen. Mehr als 80.000 E-Mails gehen ein, werden gesichtet, sortiert, diskutiert. Das Komitee legt schließlich einen 660 Seiten umfassenden Report vor. Inzwischen hat die Regierung ein härteres Sexualstrafrecht erarbeitet - Saxena ist nicht wirklich glücklich darüber.

SPIEGEL ONLINE: Frau Saxena, sexuelle Gewalt war in Indien schon immer ein Problem. Was hat dazu geführt, dass die Vergewaltigung einer Studentin im Dezember in Neu-Delhi weltweit Schlagzeilen machte?

Saxena: Manche soziale Bewegungen brauchen offensichtlich Zeit, bis sie Wirkung entfalten. Sexuelle Gewalt ist kein neues Thema in Indien, aber es gab bislang keine einheitliche, starke Bewegung. Die Probleme in diesem Bereich sind so verschieden wie die Menschen. Allein die Unterschiede zwischen dem ländlichen und dem städtischen Indien sind gewaltig. Bei den einen spielen Kasten eine Rolle, bei den anderen die Religion. Da war es schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Aber die im Dezember in einem Bus vergewaltigte Frau war nicht nur Studentin und lebte in der Stadt, sie war in einem Dorf in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, mit ihr konnten sich plötzlich alle identifizieren?

Saxena: Genau. Wir alle nutzen öffentliche Verkehrsmittel, und wir alle machen unsere Erfahrungen mit Belästigungen. Auf einmal war das Gefühl da: Das könnte uns allen auch passieren. Aber leider haben wir uns so sehr an diese Übergriffe gewöhnt, dass wir kaum noch unsere Stimme dagegen erheben. Leider musste dieser so brutale Fall geschehen, dass wir aufgerüttelt wurden. Manche sagen, nur die städtischen Eliten in Indien würden jetzt protestieren, aber das stimmt nicht. Ich weiß, dass Frauen auf dem Land das Problem genauso sehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es in erster Linie ein indisches Problem?

Saxena: Geschlechterungerechtigkeit gibt es in allen Teilen der Welt. Aber das soziale Umfeld spielt natürlich eine große Rolle, und das ist zum Beispiel in Europa ein ganz anderes als in Indien. In Europa sind viel mehr Frauen berufstätig als in Indien. Sie machen am Arbeitsplatz auch Erfahrungen mit Ungerechtigkeit und Sexismus, aber ganz andere als die indische Frau in einem Dorf, die ihr Leben zu Hause verbringt. Sie erlebt eine völlig andere Art von Unterdrückung. Aber wenn es um Vergewaltigungen geht, bin ich überzeugt, dass es die überall auf der Welt gibt.

SPIEGEL ONLINE: Schaut man sich die Proteste an, die inzwischen seit Monaten andauern, und sieht die hektischen Aktivitäten von Regierung und Justiz, scheint es doch so, als sei sexuelle Gewalt in Indien ein größeres Problem als anderswo in der Welt.

Saxena: In Indien muss das Vergewaltigungsopfer mit einem Stigma leben. Hier kommt Ehre ins Spiel, verletzte Ehre nicht nur der vergewaltigten Frau, sondern auch ihrer Familie. Dem Opfer wird dann schnell Mitschuld gegeben an der Vergewaltigung. Das ist äußerst problematisch. Hier muss sich unser Wertesystem ändern. Ich würde aber nicht so weit gehen zu behaupten, dass es in Indien mehr sexuelle Gewalt gibt als anderswo.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das Denken der Menschen, ein Wertesystem verändern?

Saxena: Das funktioniert nicht innerhalb weniger Jahre. Dazu reicht nicht eine Legislaturperiode, das schafft auch kein Gesetz. Einer der wichtigsten Vorschläge des Komitees ist eine Bildungsreform. Wir müssen als Gesellschaft die Verantwortung für das übernehmen, was bei uns passiert. Die Angeklagten sind schließlich Produkte unserer Gesellschaft und unseres Wertesystems. Wir müssen uns also mit ihnen auseinandersetzen. Wir müssen darauf achten, dass unsere Kinder von Anfang an nicht mit Stereotypen konfrontiert werden, wenn es um Geschlechterfragen oder um Sexualität geht. Wenn wir in so jungem Alter bei der Erziehung ansetzen, kann man etwas bewirken.

SPIEGEL ONLINE: Was muss in Indien noch getan werden, neben einer Bildungsreform?

Saxena: Der Bericht des Komitees umfasst mehr als 600 Seiten, Bildung ist darin nur ein Aspekt. Uns ging es nicht um schnelle Lösungen, sondern um langfristige Vorschläge. Das reicht von der Frage, was sich bei der Polizei verändern muss, bis hin zu der Debatte darüber, welche Art von Politikern wir eigentlich wollen. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir unsere Probleme richtig erkennen, mit denen wir in Indien zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ein solches typisch indisches Problem?

Saxena: Im ländlichen Indien existiert ein paralleles Rechtssystem. In Europa dürfte das kaum jemandem bekannt sein, in Indien kennt es jeder. In großen Teilen unserer Gesellschaft wird es leider immer noch als legitim angesehen. Man könnte es auch ein Kastengesetz nennen. Auch wenn Kasten offiziell per Gesetz abgeschafft sind, regelt dieses traditionelle Rechtssystem, wer wen heiraten darf. Eine Bindung außerhalb der eigenen Kaste einzugehen, wird stigmatisiert. Damit werden die Partnerwahl und die sexuelle Autonomie der Menschen stark eingeschränkt. Das widerspricht zwar der indischen Verfassung, aber wird von vielen Menschen immer noch akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung hat im Eilverfahren ein überarbeitetes Sexualstrafrecht durchgesetzt. Was halten Sie davon?

Saxena: Ich habe mir mehr erhofft, ein härteres, weiterreichendes Gesetz. Zum Beispiel hätte die Regierung Vergewaltigung innerhalb der Ehe als Verbrechen anerkennen können. Aber ich habe Hoffnung, dass das Parlament noch Änderungen vornimmt.

SPIEGEL ONLINE: In einem populistischen Schritt hat die Regierung stattdessen die Todesstrafe für Vergewaltigungen mit Todesfolge eingeführt. War das Ihrer Meinung nach ein richtiger Schritt?

Saxena: Die Todesstrafe wird in Indien sehr selten verhängt, und das dürfte auch in Zukunft in Vergewaltigungsfällen so sein. Ich halte sie aber dennoch für falsch. Würde sich zum Beispiel ein Opfer trauen, den Täter anzuzeigen, wenn es der eigene Vater oder ein Onkel ist? Wenn es also wüsste, dass das eigene Familienmitglied hingerichtet werden könnte? Womöglich würde die Todesstrafe dazu führen, dass Vergewaltiger ihre Opfer erst recht umbringen, um eine Anzeige zu verhindern. Sie würde also mehr schaden als nützen.

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Seite 1
derdriu 08.02.2013
1. Schweres Thema
Man könnte meinen, dass in einem Land, in dem es weniger Frauen als Männer gibt, die Frauen besonders wertgeschätzt werden. Ist leider nicht so, weil sie in diesen Ländern auch vor allem als Eigentum oder Freiwild angesehen werden. Eine Studie konnte einmal einen Zusammenhang nachweisen, bezüglich Gewalt gegen Frauen und Armut der Bevölkerung. Jetzt müsste man noch Ursache und Wirkung herausbekommen. Es könnte Indien viel bringen, wenn Frauen und Männer gleichgestellt sind. Es würde auch den Respekt gegenüber anderen verbessern.
onkel_apollo 08.02.2013
2. Selbst schuld?
Tut mir leid, auch wenn ich bei jedem Fall Mitleid mit dem Opfer und den Angehörigen empfinde, spüre ich auch eine extreme Wut in mir! Ich glaube nämlich, dass es sich hier um ein sorgfältig gepflegtes und akzeptiertes Phänomen handelt. Und zwar sowohl von Männern als auch Frauen. Auch in Deutschland gibt es genügend Frauen, die es als grundlegende Pflicht einer Frau ansehen, dass Abends das Essen auf dem Tisch steht und dass ein Mann nichts in der Küche zu suchen hat. So ist das auch in Indien. Männer wie Frauen haben das Kastensystem verinnerlicht, freuen sich nicht über weiblichen Nachwuchs, akzeptieren und befürworten die Rollenverteilung usw. Was ist so schwer daran, sich über dieses besch. Kastensystem hinwegzusetzen? Und wieso müssen Südländer alles ihrer Ehre unterordnen? Die Ehre ist wichtiger als geistige und körperliche Unversehrtheit eines selbst und anderer. Tut mir leid, ich empfinde immer mehr Wut und manchmal möchte ich wirklich auch sagen: selbst Schuld! Wenn es ein Volk nicht schafft, gerecht und menschenwürdig zu denken und zu handeln, dann hat es auch keine anderen Zustände verdient! Trotzdem hoffe ich, dass ein Umdenken stattfindet und man nicht mehr über solch schreckliche Dinge erfahren muss!
seneca55 08.02.2013
3. Vergewaltigungen in Indien?
Indien ist bekanntlich ein Subkontinent wie Europa. Indien hat aber 3 Mal mehr Menschen. Auf diesem indischen Subkontinent kommen leider auch brutale Vergewaltigungen vor wie übrigens auch in Europa oder den USA. Dieses Thema wird man mit Empörung in Deutschland nicht lösen können wie man das Problem Vergewaltigung auch in Deutschland bisher nicht damit lösen konnte. Ob die Indische Regierung die Todesstrafe für dieses Delikt durchsetzen kann ist zweifelhaft, weil die Indische Union ein Bundesstaat ist, wo die Staaten ihre Rechte und Kompetenzen haben. Die Gesellschaft auf dem Subkontinent muss damit selber klarkommen. Nemasté!
funnyone2007 08.02.2013
4. solch Vorwürfe gibt es auch in Europa
z.b. Italien Die hat doch mitgemacht! | Reisen | ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/1999/08/199908.jeans-urteil_.xml) Die hat doch mitgemacht! Vergewaltigt? Unmöglich, wenn das Opfer Jeans getragen hat. Ein italienisches Urteil oder: Italien: Mildes Urteil nach Vergewaltigung einer Nicht-Jungfrau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/italien-mildes-urteil-nach-vergewaltigung-einer-nicht-jungfrau-a-401592.html) Italien: Mildes Urteil nach Vergewaltigung einer Nicht-Jungfrau Ein Aufschrei der Empörung geht durch Italien. Das oberste Gericht des Landes hat einem Vergewaltiger mildernde Umstände zugebilligt. Die hanebüchene Begründung: Die 14-Jährige, die der Mann missbraucht hatte, war nicht mehr Jungfrau.
muellersusanne 08.02.2013
5. Warum so humorlos?
Mir fällt auf, dass bei allen in der Öffentlichkeit diskutierten Fällen, in denen Frauen einem Mann NUR Vergewaltigung vorwerfen, ein shitstorm der Männer losgeht mit der Forderung "in dubio pro reo". Wenn im Fall der indischen Frau die Männer schweigen, dann liegt dies offenbar daran, dass sie keine Mörder verteidigen wollen. Ginge es ihnen wirklich um den Grundsatz "in dubio pro reo", müssten sie in diesem Fall umso lauter schreien. Schließlich ist Indien weit weg, Indien ist kein fortgeschrittener Rechtsstaat und es sind fünf Täter angeklagt – nicht unwahrscheinlich, dass einer von ihnen nicht mitgemacht hat, sondern sich nur nicht getraut hat, sich gegen die anderen zu stemmen. Das Schweigen der Männer in diesem Fall zeigt umso mehr: Viele Männer akzeptieren nicht, dass Vergewaltigung überhaupt strafbar sein soll - Vergewaltigung als das Eindringen des Mannes gegen den Willen der Frau, das nicht notwendigerweise mit Körperverletzung, Tod etc. einhergehen muss. Diese Vergewaltigung aber, die am Körper der Frau nichts Nachweisbares hinterlassen hat, wird in der Praxis kaum jemals vor Gericht beweisbar sein. Mir fällt übrigens auch nicht ein, wie man dies ändern könnte, denn den Grundsatz "in dubio pro reo" möchte ich nicht außer Kraft gesetzt wissen. Es bleibt dabei: Frauen müssen sich selbst schützen. Frauen müssen sich rechtzeitig von Männern distanzieren, die ihren Willen nicht respektieren. Frauen müssen herausfinden, ob ein Mann ihren Willen respektiert. Frauen müssen das Recht haben, NICHT zu lächeln. Männer müssen lernen zu akzeptieren, dass sie nicht alle das "Recht auf so viel Sex wie George Clooney" haben. Deshalb ist die aktuelle Sexismusdiskussion so wichtig. Einen besseren Schutz als nicht lächeln zu müssen gibt es für Frauen nicht!
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