Anklagen im Fall Freddie Gray Baltimore atmet auf - fürs erste

Für viele kam es überraschend: Im Fall des in Polizeigewahrsam getöteten Schwarzen Freddie Gray wurden sechs Polizisten angeklagt. Tausende bejubelten die Entscheidung der Staatsanwältin Marilyn Mosby - doch die Probleme sind damit nicht gelöst.

Von , New York


Marilyn Mosby ist zwischen den Fronten aufgewachsen. Sie kommt aus einer afroamerikanischen Polizistenfamilie, ihre Eltern, ihre Onkel und ihr Großvater waren Polizeibeamte. Zugleich kennt sie den Teufelskreis, in dem viele US-Schwarze stecken: 1994 wurde ihr Cousin erschossen - der angehende Student war mit einem Drogendealer verwechselt worden.

Der tragische Fall inspirierte Mosby, Jura zu studieren: "Ich habe früh gelernt, dass das Justizsystem nicht nur die Polizei, die Richter und die Staatsanwaltschaft sind. Wir, die Bürger, sind das Justizsystem."

Als Staatsanwältin für Baltimore hat Mosby nun genau das bewiesen - und, vorerst jedenfalls, die von Unruhen erschütterte US-Ostküstenstadt befriedet: Am Freitag erhob sie Anklage gegen die sechs Polizisten, die an der brutalen Festnahme des Schwarzen Freddie Gray und seinem daraus resultierenden Tod beteiligt waren.

Während die Polizisten dem Haftrichter vorgeführt wurden, sammelten sich landesweit jubelnde Menschenmassen. Fremde fielen sich weinend in die Arme, Autos hupten. Hoffnung war das Wort der Stunde - auf Gerechtigkeit, auf eine Wende in den Beziehungen zwischen Polizisten und Afroamerikanern, auf Frieden in Baltimore und dem Rest der USA.

Doch dies ist erst ein Anfang, der nicht zwingend zu dem von vielen erhofften Ende führen muss. Der Ausgang dieses Verfahrens, das sich von jetzt an über viele Monate hinziehen dürfte, bleibt offen - und die Ursachen der dauerhaften Konflikte zwischen der US-Polizei und der armen, entrechteten, meist schwarzen Bevölkerung sind unverändert.

Zaghafte Hoffnung: Demonstranten feiern die Anklagen gegen die Baltimore-Polizisten
REUTERS

Zaghafte Hoffnung: Demonstranten feiern die Anklagen gegen die Baltimore-Polizisten

Mosbys Paukenschlag hallt dennoch nach. Die Vorwürfe gegen die Beamten - fünf Männer, eine Frau - sind selten hart für solche Situationen: fahrlässige Tötung, Körperverletzung, Amtsvergehen und, in einem Fall, Mord mit bedingtem Vorsatz. Letzterer Straftatbestand betrifft den - schwarzen - Fahrer des Polizeibusses, in dem Gray die tödliche Verletzung erlitt.

Der Anklage zufolge nahmen die Polizisten den 25-Jährigen illegal fest, warfen den gefesselten Mann bäuchlings in den Bus, schnallten ihn nicht an und fuhren so durch die Stadt. Das Flehen des Verletzten nach ärztlicher Hilfe hätten sie ignoriert. Dem hilflosen Gray sei während der Fahrt das Genick gebrochen. Er fiel ins Koma und starb eine Woche später.

Die furchtlose Pressekonferenz machte Mosby zum Star - zur "Heldin", wie sie auf Twitter gepriesen wurde. Sie erinnerte an die schwarzen Heroinen der TV-Hitserien "Scandal" und "How to Get Away with Murder".

Dabei ist Mosby gerade mal vier Monate im Amt - und mit 35 Jahren die jüngste Staatsanwältin einer US-Großstadt überhaupt. Ihr Ehemann Nick Mosby sitzt im Stadtrat, für West Baltimore - Freddie Grays Viertel.

Nicht zu früh freuen: Demonstrant nach der Anklageverkündung in Baltimore
AFP

Nicht zu früh freuen: Demonstrant nach der Anklageverkündung in Baltimore

Natürlich gilt auch für die Polizisten zunächst die Unschuldsvermutung. "Ich möchte jeden warnen, dass dies erst der Anfang eines Prozesses ist", sagte der schwarze Abgeordnete Elijah Cummings, der Baltimore im US-Kongress vertritt. Am Ende könne es passieren, "dass nicht passiert".

In der Tat liefen die meisten Fälle, in denen sich US-Polizeibeamte vor Gericht verantworten müssen, bisher auf Freisprüche hinaus. Schon 1992 in Los Angeles: Da waren vier Polizisten angeklagt, den Schwarzen Rodney King zusammengeschlagen zu haben. Als sie straffrei davonkamen, versanken ganze Viertel in Unruhen, 53 Menschen starben.

Auch jetzt löst die Anklage das Grundproblem nicht - die immer weiter auseinanderklaffende US-Klassengesellschaft, aus der die Missstände und die Unruhen erwachsen. "Ich komme mir vor wie in einem Sarg", habe ihm ein junger Mann in Baltimore anvertraut, berichtete Cummings und riet vor allzu voreiliger Freude ab: "Wir haben noch viel zu tun."

Gerade in Baltimore. Die mehrheitlich schwarze Stadt offenbart die rassistische Kehrseite des Kapitalismus. Weiße verdienen fast doppelt so viel wie Schwarze, die Arbeitslosenquote beträgt zehn Prozent für junge Weiße und 37 Prozent für junge Schwarze wie Gray. Die sind in Gettos kaserniert, von Polizisten bewacht und ausgenutzt von Spekulanten, Politikern und Drogendealern, die an der Hoffnungslosigkeit verdienen.

Kein Wunder, dass diese Hoffnungslosigkeit irgendwann in Unruhen, Bränden und Plünderungen explodiert. "Ausschreitungen sind die Sprache der Sprachlosen", wusste schon Martin Luther King, der Gewalt ablehnte. Doch statt zuzuhören, schlägt die Machtelite mit voller Kraft zurück.

Auch in der Nacht zum Samstag noch patrouillierte die Nationalgarde durch Baltimore. Die allermeisten Menschen auf den Straßen waren jedoch friedlich, beglückt, fast ekstatisch: Für einen Tag fühlten sie sich frei.

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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