Entführungsprozess in Freiburg Maria, Nebenklägerin - und wichtigste Zeugin

Fünf Jahre lang waren Bernhard H. und Maria abgetaucht. Der 58-Jährige ist deshalb wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs angeklagt. Nun sagt die heute 19-Jährige aus.

Maria und der 58-jährige Angeklagte im Freiburger Gerichtssaal (Foto vom 8. Mai)
Patrick Seeger/ DPA

Maria und der 58-jährige Angeklagte im Freiburger Gerichtssaal (Foto vom 8. Mai)

Von , Freiburg


Ein Mädchen verschwindet. Nach fünf Jahren kehrt es in seine Heimatstadt Freiburg zurück, körperlich unversehrt. Die inzwischen 19-Jährige erzählt ihrer Mutter und der Polizei, wie sie mit einem 39 Jahre älteren Mann durch Europa gereist sei und zwei Jahre auf Sizilien gelebt habe.

Der Mann heißt Bernhard H. Gegen ihn ergeht ein internationaler Haftbefehl, nach sechs Tagen wird er in der sizilianischen Küstenstadt Licata festgenommen, nach Deutschland ausgeliefert und wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs angeklagt.

Ging Maria freiwillig mit ihm? War sie ihm ausgeliefert? Bedrohte er sie, war er gewalttätig? Wie gelang ihr nach fünf Jahren plötzlich die Flucht?

Maria ist inzwischen eine junge Frau mit schulterlangen Haaren und kindlichem Gesicht. In Saal IV des Landgerichts Freiburg meidet sie den Blickkontakt mit Bernhard H., einem gelernten Tischler und Elektriker aus Blomberg in Nordrhein-Westfahlen. Fünf Jahre lang war er ihre einzige Bezugsperson. Er ist inzwischen 58 Jahre alt, ein mittelgroßer Mann mit ergrautem Bart und Glatze, er trägt eine dunkelblaue Kapuzenjacke und Jogginghose.

Öffentlichkeit für Marias Aussage ausgeschlossen

Am ersten Prozesstag erklärte er sich und sein Leben. Was er zu den Vorwürfen zu sagen habe, berühre sein Intimleben und das des Opfers. Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten schloss die 3. Große Strafkammer deshalb auf Antrag seines Verteidigers Stephan Althaus die Öffentlichkeit während dieser Aussagen aus. Bernhard H., verheiratet und Vater einer Tochter, gab zu, mit Maria zusammen gewesen zu sein.

Am zweiten Verhandlungstag wird nun Maria befragt, sie ist die wichtigste Zeugin. Auch ihre Anwältin beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit. Um 9.23 Uhr verkündet der Vorsitzende Richter Arne Wiemann, es gehe um Umstände aus dem persönlichen Lebens- und Intimbereich der 19-Jährigen, deren Erörterung schutzwürdige Interessen verletzen würde und die nicht durch das Interesse an der öffentlichen Erörterung überwogen werde. Zudem würden sexuelle Handlungen und sexuelle Inhalte aus der elektronischen Kommunikation zwischen Maria und Bernhard H. zur Sprache kommen.

Grundsätzlich eine nachvollziehbare Entscheidung der Kammer. Dennoch wirkt sie seltsam angesichts der Tatsache, dass Maria H. in Interviews mit RTL bereits auskunftsfreudig über ihren Gemütszustand parlierte. Sie wolle Bernhard H. nicht "die Genugtuung geben, ihm gegenüber zerrissen zu wirken", sagte sie im Gespräch mit dem Fernsehsender. "Ich werde versuchen, mir immer wieder klarzumachen, dieser Mensch sitzt auf der Anklagebank, weil er mir das angetan hat, weil er schuldig ist."

Im Prozess tritt Maria ebenso wie ihre Mutter als Nebenklägerin auf. Sie und ihre Anwälte haben deshalb das Recht, Zeugen und den Angeklagten zu befragen.

Flucht über Polen, die Slowakei und Ungarn bis Italien

Bernhard H.s Auftritt wirkt am zweiten Verhandlungstag weniger verstörend als beim ersten: Wieder versteckt er sein Gesicht hinter einem grauen Aktenordner, aber dieses Mal ohne eine Botschaft zu senden. Die Postkarte, auf der zwei Hände vor einem Sonnenuntergang ein Herz formen, hat er nicht noch einmal auf die Kladde geklebt. Auch verkneift er sich Bemerkungen wie "Meine Arme werden immer offen sein für sie".

Bernhard H. am ersten Verhandlungstag: Herz-Postkarte auf dem Ordner
Patrick Seeger/DPA

Bernhard H. am ersten Verhandlungstag: Herz-Postkarte auf dem Ordner

Botschaften, die darauf hindeuten, dass Bernhard H. seine Zeit mit Maria eher als eine Art von Beziehung sieht denn als Missbrauch und Entführung.

Staatsanwältin Nikola Novak ist davon überzeugt, dass Bernhard H. bereits im April 2011 Kontakt zu Maria aufnahm - via Internet. Er soll sich in einem Chatforum als Teenager ausgegeben und sie zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. Maria war damals elf Jahre alt, Bernhard H. 50. Die beiden sollen sich heimlich getroffen haben, bis die Verbindung aufflog.

Die Polizei hielt eine sogenannte Gefährderansprache, ein Verfahren wurde eingestellt. Im Mai 2013 flohen die beiden gemeinsam nach Polen, über die Slowakei und Ungarn bis nach Italien. Gegenüber Außenstehenden gaben sie sich als Vater und Tochter aus.

Die Staatsanwaltschaft wirft Bernhard H. vor, Maria in etwa hundert Fällen sexuell missbraucht, sie kontrolliert, dominiert und ihr Kontakte mit anderen Menschen und den Besuch einer Schule untersagt zu haben. Er soll sich von dem minderjährigen Mädchen ein Kind gewünscht und sämtliche sexuellen Übergriffe ungeschützt vollzogen haben. Die Staatsanwältin sieht die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung gegeben. Ein psychiatrischer Sachverständiger prüft im Auftrag des Gerichts, inwieweit das in Frage kommt.

Das Urteil in dem Fall wird für Ende Juni erwartet.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.