Prozess im Todesfall Alessio Mit der Faust in den Bauch

Der dreijährige Alessio starb in der Obhut seines Stiefvaters. Vor dem Landgericht Freiburg gesteht der 33-Jährige, den Jungen geschlagen zu haben, bestreitet aber jahrelange Misshandlungen. Er sagt: "Es war halt schwierig mit mir."

Norbert T. im Landgericht Freiburg: Angeklagt wegen Totschlags
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Norbert T. im Landgericht Freiburg: Angeklagt wegen Totschlags

Von , Freiburg


Alessios Leben war schon voller Probleme, da war er noch gar nicht geboren.

Seine Mutter, psychisch angeschlagen und alleinstehend, war überfordert und brauchte Hilfe vom Jugendamt, bis sie zu ihrem Lebensgefährten, einem Landwirt, auf den Zipfelhof zog, ein historisches Schwarzwaldgehöft in Lenzkirch bei Freiburg. Alessio sollte endlich ein besseres Leben haben, eine Familie, ein Zuhause, einen Vater, wenn auch nur einen Ersatzvater.

Dieser Ersatzvater steht nun vor Gericht, angeklagt wegen Totschlags, schwerer Misshandlung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen. Norbert T. schaut grimmig unter seinen markanten Augenbrauen hervor, er weiß um den Hass, der ihm aus dem vollbesetzten Zuschauerraum und der Empore in Saal IV des Landgerichts Freiburg entgegenschlägt.

Am 16. Januar fuhr Norbert T. seinen Ziehsohn Alessio nach Titisee-Neustadt zum Kinderarzt. Der Junge war drei Jahre und fünf Monate alt, sein Körper mit Hämatomen übersät. Trotz aller Wiederbelebungsmaßnahmen starb er noch in der Praxis an schweren Organverletzungen.

Norbert T. räumt vor Gericht ein, Alessio an diesem 16. Januar geschlagen zu haben. Seine Lebensgefährtin war wegen ihrer psychischen Probleme seit Wochen in stationärer Behandlung, er versorgte den Bauernhof, ihren Sohn Alessio und die gemeinsame Tochter, kein Jahr alt. Er habe den Nachmittag allein mit beiden Kindern verbracht, Alessio kurz aus den Augen gelassen, dann ein Rumpeln gehört.

Der Junge habe vor der Treppe gelegen, offensichtlich sei er sie hinuntergestürzt. Er sei nackt gewesen, hatte in die Hose gemacht, vermutlich habe er hoch in sein Zimmer gehen, sich umziehen wollen. "In der Stube war alles verschmiert mit Scheiße", sagt Norbert T. "Da ging es mit mir drunter und drüber, ich weiß nur noch, wie ich ihn zwei-, dreimal geschlagen habe in den Bauch."

Schläge mit der Faust

Ob er noch eine Erinnerung daran habe, wie er geschlagen habe, will die Vorsitzende Richterin Eva Kleine-Cosack wissen. "Mit der Hand? Mit der Faust?" - "Mit der Faust."

"Lag Alessio da noch am Boden?" - "Ja, am Boden."

Er habe seine Cousinen angerufen, seine Großmutter, dann sei er zum Kinderarzt. "Er hat noch gelebt, normal geatmet." Norbert T. stockt, blickt nach unten. "Es tut mir leid."

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Norbert T. den Jungen seit Juni 2013 misshandelte. Verschiedene Kinderärzte hatten Alessio in die Kinderklinik der Universität Freiburg überwiesen - wegen Verdachts auf schwere Kindesmisshandlung. Sie informierten das Jugendamt und erstatteten Strafanzeige, doch die Staatsanwaltschaft stellte im Oktober 2014 die Ermittlungen gegen den Stiefvater ein, ihm war kein Fehlverhalten nachzuweisen. Bis heute ist ungeklärt, warum Alessio trotz aller Warnungen in der Obhut seiner Mutter und ihres Lebensgefährten blieb. Ein Untersuchungsausschuss arbeitet den Fall derzeit auf.

Außer den Faustschlägen am 16. Januar räumt Norbert T. vor Gericht nur eine einzige Ohrfeige ein, die er Alessio verpasst haben will. "Es war ein Tag, an dem alles schief lief", sagt der 33-Jährige. Alessio habe aus Versehen seinen Kakao auf dem Tisch verschüttet. "Ich bin irgendwie…, ich war außer mir, hab' ihm eine Backpfeife gegeben, mich aber sofort entschuldigt und bin dann wieder raus auf den Hof zur Arbeit."

Der Junge sei ein Tölpel gewesen

Staatsanwalt Klaus Hoffmann hatte zu Beginn des Prozesses detailliert geschildert, dass Alessio seiner Ansicht nach in der Obhut seines Stiefvaters mehr als eine einzige Ohrfeige ertragen musste: Wie ihm der Stiefvater auf den Mund schlug, bis die Frontzähne wackelten; wie ihm dieser das Essen in den Mund stopfte, bis er sich erbrechen musste; wie ihm dieser Ohrfeigen verpasste, die Hämatome im Gesicht zurückließen. Alessio habe unter den körperlichen und verbalen Übergriffen "erheblich" gelitten, er sei "stark verängstigt" gewesen, sagte Hoffmann.

Vorwürfe, die Norbert T. vehement abstreitet, die Verletzungen schiebt er auf die Tollpatschigkeit des Kindes. Kaum einer im Saal mag ihm diese Geschichte glauben. Zu brutal ist die Vorgeschichte, die der Staatsanwalt in seiner Anklage vorgetragen hat, zu schockierend, zu schlüssig die Beschuldigungen, um die Version des Jungbauerns zu stützen.

Richterin Kleine-Cosack hakt nach: "Wie erklären Sie sich die vielen Verletzungen?" - "Ich kann nur sagen, dass der Kleine öfter blaue Flecken hatte. Er war ein Tölpel, er lief auch gegen den Küchentisch, stolperte über seine Füße."

"Wenn Sie es nicht waren, wer war es dann?" - "Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie etwas gemacht."

Norbert T. meint Alessios Mutter, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt und am Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt wurde. Auch sie habe Alessio mal "einen Klaps" gegeben, sagt er. Eine dritte Person komme nicht infrage. "Es kann nur einer von uns gewesen sein."

Auch seine leibliche Tochter soll Norbert T. geschüttelt haben, bis sie kurzzeitig aufgehört habe zu atmen. Er habe das Mädchen geschüttelt, weil sie nicht geatmet habe, entgegnet Norbert T. "Das, was mir unterstellt wird, stimmt nicht."

Er musste stundenlang vor der Haustür stehen

Zu Beginn der Hauptverhandlung schilderte Norbert T. sein Leben, bevor er und Alessios Mutter ein Paar wurden und eine Familie gründeten - auf erschreckende Weise erinnert seine Kindheit an Alessios erste Lebensjahre. "Meine Mutter hat mich als Kind verschlagen", sagt T. mit fester Stimme ins Mikrofon. Sie habe ihn unter die eiskalte Dusche oder abends stundenlang vor die Haustür gestellt, bis der Vater um 23 Uhr von der Arbeit gekommen und ihn mit reingenommen habe.

Eines Tages sei sie mit dem Küchenmesser auf ihn losgegangen, der Vater sei dazwischen gegangen. Da war Norbert T. sechs Jahre alt. An jenem Tag habe ihn sein Vater nach der Schule abgeholt und zu den Großeltern gebracht. Von da an lebte Norbert T. dort. Seine Schwester und sein Bruder blieben bei den Eltern.

"Ich war immer aggressiv gegen andere Kinder", sagt Norbert T. "Es war halt schwierig mit mir." Bis heute ist das Verhältnis zur Mutter zerrüttet, die Eltern sind längst getrennt.

Norbert T. wirkt erstmals traurig an diesem Tag, als die Sprache auf seine Großeltern kommt, zu denen er eine enge Bindung hatte. Seine Großmutter, 85 Jahre alt, ist die Mutter seines Vaters. Die Familie väterlicherseits ist ein großer Clan, der den Bauern intensiv unterstützte - bei der Kinderbetreuung und in finanzieller Hinsicht.

Richterin Kleine-Cosack: "Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Großeltern?" - "Ein sehr gutes. Das sind meine Eltern. Die haben mich auch gut erzogen. Schade, dass mein Opa tot ist."



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