Missbrauchsfall in Südbaden Behörden schätzten Gefährdungslage offenbar falsch ein

Im Fall eines Freiburger Pädophilen-Rings gerät das zuständige Familiengericht immer stärker unter Druck. Laut einem Zeitungsbericht sahen die Behörden bei dem Jungen offenbar keine Hinweise auf Kindeswohlgefährdung.
Sozial- und Jugendamt in Freiburg

Sozial- und Jugendamt in Freiburg

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Im Großraum Freiburg sollen eine 47-Jährige und ihr 39-jähriger Lebenspartner, Christian L., den Sohn der Frau missbraucht und im Internet zur Vergewaltigung angeboten haben. Insgesamt acht Menschen sitzen in Zusammenhang mit dem Fall in Untersuchungshaft. Die Aufdeckung des Pädophilen-Rings sorgt bundesweit für Entsetzen (mehr dazu lesen Sie hier). Nun gibt es laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) deutliche Hinweise auf Versäumnisse der Behörden.

Demnach bestellten die Familiengerichte für das Kind keinen Verfahrensbeistand und hörten es bei der Entscheidung, es wieder in die Familie zurückzugeben, nicht an. Ein Verfahrensbeistand muss zur Wahrnehmung der Interessen des Kindes bestellt werden, es sei denn, die Interessen des Sorgeberechtigten decken sich mit den Interessen des damals sieben Jahre alten Jungen.

Das Oberlandesgericht sah nach eigenen Angaben einen Interessengegensatz zwischen Mutter und Kind "nicht ansatzweise", heißt es im Bericht. Die Richter waren nach Angaben der Gerichtssprecherin nicht von einer Gefährdung des Kindeswohls ausgegangen.

Behörden erkannten keine Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch

Bevor L. bei der Mutter und ihrem Kind einzog, saß er wegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen für vier Jahre und drei Monate im Gefängnis. Nachdem er bei der Mutter eingezogen war, bekam die Polizei einen Hinweis, und das Jugendamt nahm ihren Sohn daraufhin in staatliche Obhut.

Die Mutter widersprach, und ein Gericht entschied im April 2017, dass der Junge bei ihr bleiben durfte. Mit Auflagen: Um den Kontakt von L. zu dem Jungen zu verhindern, wurde dem 39-Jährigen untersagt, die Wohnung zu betreten; die Mutter sollte darauf achten, dass es keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mehr gibt (mehr dazu lesen Sie hier, eine Chronologie des Falls lesen Sie hier).

Video: Christian L.s Mutter und Schwester im SPIEGEL-TV-Interview

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Die "FAZ" berichtet  nun, dass L.s Anwalt in dem familienrechtlichen Verfahren in erster Instanz mit einem psychiatrischen Gutachten nachzuweisen versuchte, dass er als Pädophiler an Jungen kein sexuelles Interesse hat.

Weil sie keine Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch erkennen konnten und auf die Mutter vertraut hatten, entschieden sich die Familienrichter am Landgericht Freiburg und am Oberlandesgericht Karlsruhe gegen eine Inobhutnahme des Kindes. Es stellte sich später allerdings heraus, dass die Frau wohl aktiv am Missbrauch ihres Sohnes beteiligt war.

Manfred Lucha, baden-württembergischer Sozialminister der Grünen, sagte der Zeitung, dass es keine pauschalen Urteile geben dürfe, die Vorgänge müssten "gründlich, transparent und zügig" untersucht werden. "Jugendhilfe ist zwar eine weisungsfreie Pflichtaufgabe der Kommunen, dennoch müssen wir jetzt alle genau hinschauen, ob wir Nachbesserungsbedarf haben." Lucha machte sich zudem für die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz stark.


Betroffene können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung wenden: 0800-22 55 530

bam