Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg Und einer soll der Retter sein

Eine Frau liegt im Gebüsch, ein knappes Dutzend Männer vergeht sich an ihr - so stellt es der Ankläger beim Prozessbeginn dar. Die Rolle eines Beschuldigten ist schon am ersten Verhandlungstag strittig.

Landgericht in Freiburg: Hier wird der Fall verhandelt
Patrick Seeger/ DPA

Landgericht in Freiburg: Hier wird der Fall verhandelt

Von Wiebke Ramm, Freiburg


Gefesselt an Händen und Füßen betreten die elf Angeklagten, einer nach dem anderen, den Gerichtssaal. Fast alle verbergen ihr Gesicht mit Aktenordnern vor den Fotografen und Kameraleuten. Einer der Angeklagten schimpft lautstark auf Arabisch, während er von Justizbeamten in den Saal IV des Landgerichts Freiburg geführt wird.

Majd H., der Hauptangeklagte, schimpft nicht, er verdeckt auch nicht sein Gesicht. Der 23-Jährige trägt ein schwarzes Poloshirt, eine Tätowierung auf seinem linken Arm ist deutlich zu erkennen.

Das Tattoo soll auch einer jungen Frau aufgefallen sein, in jener Nacht im Oktober 2018. Die 18-Jährige wollte damals mit ihrer Freundin feiern. Die beiden Frauen besuchten am Samstagabend, dem 13. Oktober 2018, eine Technoparty in einem Klub im Freiburger Industriegebiet. Was aus Sicht der Staatsanwaltschaft dort im weiteren Verlauf der Nacht geschah, trägt Staatsanwalt Rainer Schmid an diesem Mittwoch vor Gericht in seiner Anklage vor. Und schon am ersten Verhandlungstag scheint durch, dass der Fall kniffliger sein könnte, als er in der Anklage klingt.

Waren K.-o.-Tropfen im Spiel?

Laut Anklage soll Majd H. seinem Freund, dem Mitangeklagten Mustafa I., etwa 20 Ecstasy-Pillen übergeben haben, damit dieser sie im Klub verkauft. Auch die 18-Jährige und ihre Freundin sollen ihm gegen Mitternacht je eine Pille abgekauft und sie auch geschluckt haben. Wenig später seien die 18-Jährige und Majd H. auf der Tanzfläche ins Gespräch gekommen. Er soll ihr ein Getränk, Wodka-Red Bull, spendiert haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat entweder Majid H. oder ein anderer Angeklagter K.-o.-Tropfen in das Getränk gemischt. Die junge Frau soll es getrunken haben.

Die Frau soll Majd H. auf seine Tattoos an Arm und Schulter angesprochen haben. Er habe auch eines auf dem Oberschenkel - ob sie es sehen wolle? Gemeinsam seien sie dann in ein etwa 50 Meter entferntes Wäldchen gegangen. Dort habe Majd H. seine Hose heruntergelassen und ihr sein Tattoo am Oberschenkel gezeigt.

Der Staatsanwalt trägt vor, dass die junge Frau sich dann umgedreht habe, um zurück in den Klub zu gehen. Da habe Majid H. sie gepackt, zu Boden gestoßen, ihr unter ihrem Rock die Strumpfhose und den Slip heruntergezogen und sie vergewaltigt. Mit einer Hand habe er ihr dabei den Mund zugehalten und sie mit der anderen Hand am Rücken nach unten gedrückt.

Majd H. sei bewusst gewesen, dass sie keinen Geschlechtsverkehr mit ihm wollte. Er habe auch erkannt, dass sie aufgrund der Drogen und der K.-o.-Tropfen nicht mehr oder kaum noch in der Lage gewesen sei, sich der Vergewaltigung zu widersetzen, sagt Schmid.

Da liegt eine wehrlose Frau im Gebüsch

Als Majd H. von ihr abgelassen habe, habe sie massiv unter Drogeneinfluss gestanden. Er habe sie im Gebüsch liegen gelassen und sei in den Klub zurückgekehrt. Dort habe er mehreren Bekannten mitgeteilt, dass eine junge Frau wehrlos im Gebüsch liege, die man "ficken" könne. "Das sprach sich nach einer Weile in der Diskothek herum", sagt der Staatsanwalt. Alle anderen Angeklagten sollen die 18-Jährige daraufhin ebenfalls - oral und vaginal - vergewaltigt haben. Die meisten Männer nacheinander, zwei Männer, so trägt es Schmid vor, auch zeitgleich.

Die Frau habe geweint und gesagt, dass sie nicht wolle, was die Männer mit ihr taten. Zur Gegenwehr sei sie kaum noch in der Lage gewesen. Sie habe gekrampft und dennoch versucht, sich zu wehren. Die Männer hätten ihren Widerstand gewaltsam überwunden, heißt es in der Anklage. Einige hätten Kratzer von ihren Fingernägeln und von Ästen, mit denen sie sich zu wehren versucht habe, am Hals und am Rücken davongetragen.

Zweieinhalb Stunden, von 0.30 Uhr bis etwa 3 Uhr, habe das Martyrium der Frau gedauert. Gegen 3 Uhr soll die Wirkung der Drogen langsam nachgelassen haben. Es soll die Zeit gewesen sein, als der Angeklagte Muhanad M., 21 Jahre alt, das Gebüsch betreten habe. Laut Anklage zum zweiten Mal, nachdem auch er die 18-Jährige zuvor vergewaltigt habe. Nun soll er der Frau aus dem Gebüsch herausgeholfen haben.

Angeklagt sind zehn Flüchtlinge - acht Syrer zwischen 19 und 30 Jahren, ein 23-jähriger Iraker und ein 18-jähriger Algerier - sowie ein 25-jähriger Deutscher. Sie alle sollen die Frau vergewaltigt und sie hilflos im Gebüsch zurückgelassen haben. Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung, so lautet der Anklagevorwurf.

Weil fünf der Angeklagten zur mutmaßlichen Tatzeit noch keine 21 Jahre alt waren und damit als heranwachsend gelten, wird vor einer Jugendkammer verhandelt. Je nach Reifegrad droht ihnen eine Verurteilung nach Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht.

Majd H. ist neben Vergewaltigung, unterlassener Hilfeleistung und Drogenhandels auch wegen Anstiftung zur Vergewaltigung angeklagt. Den deutschen Angeklagten, Timo P., soll er extra angerufen haben, um ihn auf die Frau im Gebüsch aufmerksam zu machen. Auch Timo P. habe sich daraufhin an der 18-Jährigen vergangen.

Timo P. wolle sich als Einziger zur Sache einlassen, teilt der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin nach der Anklageverlesung mit. Alle anderen Angeklagten hätten angekündigt, sich nur zu ihrer Person zu äußern, ansonsten aber von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch zu machen.

Bitte "kühl und sachlich" bewerten

Knifflig wird es beispielsweise beim Beschuldigten Muhanad M. Jan Georg Wennekers, sein Verteidiger, verliest an diesem Tag eine Erklärung. "Dieses Verfahren steht unter einem massiven Ergebnisdruck", kritisiert er, besonders durch die Politik, aber auch durch die Medien. Die Verteidigerin eines anderen Angeklagten, Kerstin Oetjen, wird wenig später eine "Sensationsberichterstattung" beklagen und die Schöffen bitten, "kühl und sachlich zu bleiben und sich nicht von Emotionen leiten zu lassen". Beide Anwälte sagen, dass der öffentliche Druck nicht nur ein faires Verfahren, sondern auch die Angeklagten gefährde. Es habe in der Untersuchungshaft "krasse körperliche Übergriffe" gegen seinen Mandanten und weitere Angeklagte gegeben, sagt Wenneckers.

Er sagt auch, dass die Frau, die Nebenklägerin im Prozess ist, seinen Mandanten "zu keinem Zeitpunkt konkret belastet" habe. Muhanad M. habe der 18-Jährigen geholfen, sich anzukleiden und das Gebüsch zu verlassen. Die Nebenklägerin soll mit ihrer Freundin danach in der Unterkunft seines Mandanten übernachtet haben. Dass die Staatsanwaltschaft auch Muhanad M. der Vergewaltigung bezichtigt, basiere auf "Hörensagen".

Es fehle zudem jeder Beweis, so Wenneckers, dass die Frau tatsächlich unter dem Einfluss von K.-o.-Tropfen gestanden habe. Und ob das Ecstasy zu einem derart umfassenden Wahrnehmungs- und Gedächtnisverlust geführt habe, wie die Frau angegeben habe, müsse erst die Hauptverhandlung klären.

Auch Majd H., der Hauptangeklagte, bestreitet, die 18-Jährige vergewaltigt zu haben. Der Sex sei einvernehmlich gewesen.



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