Prozess um mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg Die Gedächtnislücken des Türstehers

Im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung von Freiburg werden wichtige Zeugen gehört: Haben die Türsteher der Disco etwas mitbekommen? Vor Gericht hinterlassen sie nicht den besten Eindruck.
Von Wiebke Ramm
Einer der Angeklagten vor Prozessbeginn (Juni 2019):

Einer der Angeklagten vor Prozessbeginn (Juni 2019):

Foto: Patrick Seeger/DPA

Das Gericht hat den Zeugen eigentlich schon entlassen. Aber Björn S. will noch etwas loswerden. "Wenn hier welche Scheiße gebaut haben, dann müssen die bestraft werden, wenn nicht, dann nicht", sagt der 39-Jährige. Ein recht besonnener Satz. Doch bei einem der elf Angeklagten kommt er gar nicht gut an. Trotz Fußfesselung springt Alaa A. von der Anklagebank auf. "Wir sind keine Vergewaltiger!", schreit er den Zeugen an. "Sie wollte das doch! Sie wollte das doch!"

Björn S. arbeitet als Türsteher in einer Disko am Rande Freiburgs. Auch in der Nacht auf den 14. Oktober 2018 hatte er Dienst - in jener Nacht, in der mehrere Männer in einem Gebüsch vor dem Klub eine 18-Jährige Frau vergewaltigt haben sollen. Björn S. hielt sich damals vor allem innerhalb der Disko auf, sein Kollege Fuat Y. hat den Eingang draußen kontrolliert. Beide beteuern vor dem Landgericht Freiburg, dass sie nichts Ungewöhnliches bemerkt hätten. Dabei trennten Fuat Y. nur wenige Meter und eine Bretterwand von dem Geschehen im Gebüsch.

"Sie müssen vor Gericht die Wahrheit sagen, ansonsten machen Sie sich strafbar", erklärt der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin zunächst Fuat Y. Er belehrt den 36-Jährigen zusätzlich nach Paragraf 55 Strafprozessordnung, wonach ein Zeuge die Antwort dann verweigern darf, wenn er Gefahr läuft, sich selbst zu belasten. "Bei Ihnen steht die Frage im Raum, ob Sie etwas mitbekommen haben, ob Sie hätten helfen können." Zum Reden motivieren Fuat Y. die Worte des Richters nicht. Die Befragung ist zäh, der Türsteher wortkarg.

"Haben Sie eine Erinnerung an den Abend", fragt der Richter. "Null", sagt der Zeuge. "Wann haben Sie mitbekommen, dass da was passiert ist?" Erst nach ein paar Tagen, antwortet Fuat Y. "Es war eigentlich ein Abend wie jeder andere."

Das Gericht versucht es wieder und wieder. Aber der Zeuge bleibt dabei. Er habe nichts mitbekommen, obwohl er nur 10, vielleicht 15 Meter vom mutmaßlichen Tatort entfernt war.

Fuat Y. sagt, der Geräuschpegel sei sehr hoch gewesen. Bestimmt 70 Leute hätten um ihn herumgestanden, betrunken, lachend, lärmend. Außerdem hätte er Kopfhörer im Ohr gehabt, um mit seinem Kollegen Björn S. zu kommunizieren. Björn S. wird das wenig später ganz anders darstellen.

Ein WhatsApp-Chat klingt verräterisch

Andere Zeugen, sagt ein Richter, hätten durchaus berichtet, im Eingangsbereich Schreie einer Frau gehört zu haben, die nach Sex verlangt habe. "Können Sie das erklären?" "Geschwätzt wird viel", sagt Fuat Y. Er habe nichts mitbekommen. Der Staatsanwalt versucht es noch einmal: "Sie können sich wirklich an gar keine Schreie erinnern? Weder an solche nach Hilfe noch an solche, die nach hemmungslosem Sex geklungen hätten?" Fuat Y. bleibt bei seiner Antwort. "Nein."

Mehrere Angeklagte behaupten, die 18-Jährige habe den Sex gewollt und vehement eingefordert. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die junge Frau wehrlos war. Sie habe etwas getrunken, das möglicherweise K.o.-Tropfen enthielt. Tonaufnahmen und die Aussage einer Freundin sprechen dafür, dass die junge Frau noch in jener Nacht emotional zutiefst erschüttert war.

Dem Gericht liegt eine WhatsApp-Kommunikation zwischen Türsteher Fuat Y. und seinem Kollegen Björn S. vor, die verräterisch klingt. Sie stammt vom 30. Oktober 2018, zweieinhalb Wochen nach den mutmaßlichen Vergewaltigungen.

"Sag mal", schreibt Björn S.: "Wie heißt der, der - wo wir das letzte Mal zusammengearbeitet haben - gesagt hat, dass ein Kumpel zu ihm kam, der sagte: ,Da draußen ist eine zum Vögeln'?" Die Antwort von Fuat Y. kommt zwei Minuten später: "Von dem weiß ich nichts." Björn S. reagiert unwirsch: "Herrgott, der stand doch letztes Mal vor uns." Fuat Y.: "Von dem weiß ich nix, keine Ahnung."

Auf Nachfrage des Richters gibt Fuat Y. nun seine Standardantwort: "Da kann ich mich null dran erinnern." Er habe generell Probleme mit seinem Gedächtnis. Wenn stimmt, was er sagt, wäre das Ausmaß seiner Erinnerungslücken allerdings besorgniserregend. "Wenn Sie mich jetzt fragen, was ich gestern gemacht habe: Keine Erinnerung, null."

Der nächste Zeuge ist Björn S. Auch ihn belehrt Bürgelin vorsorglich nach Paragraf 55. "Wenn Sie doch irgendetwas mitbekommen haben, dann sagen Sie lieber nichts, da haben Sie ein Auskunftsverweigerungsrecht."

Er widerspricht seinem Türsteher-Kollegen

Auch Björn S. sagt, er habe von den Ereignissen in jener Nacht nichts, "gar nichts", mitbekommen. Er habe sich überwiegend in der Disko aufgehalten und seinem Kollegen Fuat Y. hin und wieder eine Cola gebracht. Der Richter fragt, wie laut es draußen bei seinem Kollegen gewesen sei. "Meines Erachtens ist es leise gewesen", sagt er - und widerspricht damit der Aussage von Fuat Y. Es seien in jener Nacht immer nur eine Handvoll Gäste in der Nähe seines Kollegen gewesen, "vielleicht fünf Leute", nicht 70, wie Fuat Y. behauptet hatte. Sie hätten auch keine Kopfhörer im Ohr gehabt, sagt Björn S., wegen der lauten Musik hätte er im Klub ohnehin kein Wort verstanden.

Björn S. drückt sich so vorsichtig wie möglich aus. Er möchte seinem Kollegen keine Schwierigkeiten bereiten.

"Wenn die Vergewaltigung laut abgelaufen wäre, hätte Fuat es möglicherweise hören können", sagt er. "Dann muss man es hören?", hakt Richter Bürgelin nach. "Im Normalfall, wenn es 15 Meter entfernt ist, hätte man es schon hören müssen", sagt der Zeuge nun deutlicher. Doch Fuat Y. hätte mit Sicherheit etwas unternommen, wenn er Schreie gehört hätte, und ihn informiert.

Und wie erklärt Björn S. seine WhatsApp-Nachrichten an Fuat Y.? Das sei alles ein großes Missverständnis, sagt der Zeuge. Niemand sei in jener Nacht zu ihnen gekommen und habe von der jungen Frau erzählt. Erst eine Woche später habe Björn S. "Gesprächsfetzen" anderer Personen aufgeschnappt. "Ich habe einfach gedacht, dass Fuat das Gespräch auch mitbekommen hat." Doch Fuat Y. habe die Sätze gar nicht gehört.

Verteidiger Jan-Georg Wennekers macht aus seinen Zweifeln keinen Hehl. ",Sag mal, wie heißt der' und "Herrgott, der stand doch vor uns' - das schreibt man doch nicht, wenn unklar ist, ob der Fuat das überhaupt mitbekommen hat!" Doch der Zeuge bleibt dabei. "Ich versuche da nichts zu verschleiern", beteuert Björn S.

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