Prozessbeginn in Freiburg Was geschah in der Oktobernacht?

Elf Männer sollen sich im Herbst 2018 an einer 18-Jährigen in Freiburg vergangen haben. Den Tatverdächtigen werden Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Nun startet der Prozess am Landgericht.

Das Gebüsch nahe einer Disco im Freiburger Industriegebiet Nord
Thomas Niedermueller/ Getty Images

Das Gebüsch nahe einer Disco im Freiburger Industriegebiet Nord

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Mehr als acht Monate nach einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Freiburg müssen sich elf Männer vor dem Freiburger Landgericht verantworten. Es handelt sich um den größten Prozess in der Geschichte der Strafkammer. Die Verhandlung wird mehrere Monate dauern und startet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Ein Überblick.

  • Worum es in der Verhandlung geht

Im Oktober 2018 sollen mehrere Männer in einem Gebüsch nahe der Diskothek Hans-Bunte-Areal im Freiburger Industriegebiet Nord eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Die junge Frau war zuvor mit einer Freundin in dem Klub feiern. Dort kamen sie mit zwei Männern ins Gespräch, einer der beiden bot ihnen Ecstasy-Pillen an. Eigenen Angaben zufolge kauften die Frauen die Drogen, beide nahmen eine Tablette ein. Anschließend sei die 18-Jährige mit dem zweiten Mann ins Gespräch gekommen, sagte sie. Demnach verließen sie wenig später gemeinsam die Diskothek.

In einem Gebüsch nahe dem Klub soll der Mann sie anschließend vergewaltigt haben. Sie sei wehrlos gewesen, sagte die junge Frau. Nachdem der damals 21-Jährige von ihr abgelassen habe, sollen weitere Männer das kleine Wäldchen aufgesucht und sich an ihr vergangen haben. (Lesen Sie hier, wie Freiburg nach der Tat an seine Grenzen stößt.)

Umgebauter Gerichtssaal im Landgericht Freiburg: Elf Männer müssen sich hier verantworten
Patrick Seeger/ DPA

Umgebauter Gerichtssaal im Landgericht Freiburg: Elf Männer müssen sich hier verantworten

  • Was den Tatverdächtigen vorgeworfen wird

Einen Tag nach der mutmaßlichen Tat, am 14. Oktober 2018, erstattete die 18-Jährige in einem Ort nahe Freiburg Anzeige. In den ersten Wochen danach nahm die Polizei zehn Männer fest, im Frühling folgte die Festnahme eines elften Tatverdächtigen. Die Staatsanwaltschaft Freiburg wirft den Männern Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vor. Dem 22-jährigen Hauptverdächtigen wird zudem Anstiftung zur Vergewaltigung zur Last gelegt.

  • Warum es noch weitere Tatverdächtige geben könnte

Die Ermittlungsgruppe "Club" schließt nicht aus, dass noch weitere Personen in die Tat verwickelt waren. Im April fasste die Polizei einen zwölften Verdächtigen, der 33-jährige Deutsche blieb aber auf freiem Fuß. Mitte Juni teilte die Staatsanwaltschaft Freiburg mit, dass die Ermittlungen gegen den Mann eingestellt wurden. Nach einem weiteren Tatverdächtigen suchen die Ermittler seit Anfang des Jahres mit einem Phantombild. Der Gesuchte sei zwischen 20 und 25 Jahre alt, die Personenbeschreibung gehe auf einen Zeugen zurück.

  • Warum der Hauptverdächtige kein Unbekannter ist

Mit einem DNA-Abgleich kamen die Ermittler dem Hauptverdächtigen auf die Spur. Der 22-jährige Syrer tauchte bereits zuvor in den Datenbanken der Polizei auf. Er fiel wegen Körperverletzung, Eigentums- und Drogendelikten auf. Darüber hinaus klagt ihn die Freiburger Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen, wegen exhibitionistischer Handlungen und wegen einer weiteren Vergewaltigung aus dem Jahr 2017 an. Mit zwei weiteren angeklagten Männern soll er in einer Wohnung eine Frau missbraucht haben. Die drei Männer waren schon nach diesem mutmaßlichen Übergriff identifiziert worden. Es sei aber nicht zu einer Festnahme gekommen, weil keine Haftgründe vorgelegen hätten, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Dieser Fall soll in einem anderen Prozess verhandelt werden.

  • Warum der Fall zum Politikum wurde

Nach seiner kriminellen Vorgeschichte war der Hauptverdächtige auch dem baden-württembergischen Innenministerium bekannt und im dortigen "Sonderstab für gefährliche Ausländer" registriert. Es lag schon vor der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung ein Haftbefehl gegen ihn vor. Dieser sei jedoch aus "ermittlungstaktischen Gründen" erst Tage später vollstreckt worden, teilte das Innenministerium in Stuttgart mit. Wenig später erklärte die Polizei jedoch, dass die Ermittler nicht wussten, wo sich der Mann aufgehalten habe.

Die Opposition kritisierte Innenminister Thomas Strobl (CDU) daraufhin massiv. Es gebe ein "Vollzugsproblem" im Land, sagte Ulrich Goll, Sicherheitsexperte der FDP-Landtagsfraktion. Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) sprach nach Bekanntwerden des Falls von "Männerhorden", die man "in die Pampa" schicken müsse. In Freiburg nutzten AfD-Anhänger die Aufregung für ihre politischen Zwecke. Bei einer Kundgebung marschierten sie durch die Stadt, begleitet von großen Gegenprotesten. (Lesen Sie hier, wie sich Freiburg gegen den AfD-Protest wehrte.)

  • Wie einem Tatverdächtigen kurzzeitig die Flucht gelang

Die späte Festnahme des mutmaßlichen Haupttäters ist nicht die einzige Panne in diesem Fall. Ende Dezember nahmen Ermittler den zehnten Tatverdächtigen fest. Der 18-Jährige habe keinen festen Wohnsitz gehabt, teilte die Polizei mit. Auch er sei den Beamten bereits wegen Eigentums- und Drogendelikten bekannt gewesen. Als der Mann jedoch dem Haftrichter vorgeführt werden sollte, gelang es ihm zu fliehen. Der Tatverdächtige sprang aus einem Fenster im zweiten Stock des Freiburger Amtsgerichts. Stunden später wurde er im Stadtteil Littenweiler erneut festgenommen.

  • Was den Fall kompliziert macht

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass jeder der Männer, der im Gebüsch war, die 18-Jährige vergewaltigte, oralen oder vaginalen Geschlechtsverkehr mit ihr hatte. Und dass sie unter dem Einfluss von K.o.-Tropfen stand, die ihr der Hauptverdächtige in den Longdrink gemischt habe. Gesichert ist, dass die Frau Ecstasy genommen hat, angeblich erstmals in ihrem Leben. Sie sagte aus, dass sie zwischen 0.30 und etwa drei Uhr die Geschehnisse nur schemenhaft wahrgenommen habe. Die Polizei fand von mehreren Tatverdächtigen DNA-Spuren, zwei Männer identifizierte die 18-Jährige. Ihr Martyrium habe damit begonnen, dass der 22-Jährige sie vergewaltigt habe, sagte sie.

Er bestreitet dies, vielmehr sei der Sex einvernehmlich gewesen. Die Frau sagte, sie habe sich in einer Art Schockstarre befunden. Sie wisse nicht, wie viele Männer sich danach an ihr vergingen, zwischen 10 und 15 könnten es gewesen sein. Kurz nach drei Uhr habe der zweite von ihr identifizierte Mann, ein 21-jähriger Syrer, das Gebüsch betreten, erst da sei sie zu sich gekommen. Er habe sie angeschrien, sie solle sich anziehen und mitkommen. Dann seien sie gemeinsam zu einem Parkplatz in der Nähe gelaufen. Später begleitete sie den Mann mit einer Freundin in seine Unterkunft. Alle drei berichteten übereinstimmend: Die Frau schlief mit ihrer Freundin im Bett, er auf dem Fußboden. Seit Ende Oktober sitzt auch dieser Mann in Untersuchungshaft. Auch er bestreitet, sich an der 18-Jährigen vergangen zu haben.

  • Warum ein Verteidiger die Ermittlungsbehörden kritisiert

Der Verteidiger dieses Syrers, der Freiburger Anwalt Jan Georg Wennekers, sagt, sein Mandant habe der 18-Jährigen helfen wollen und sie aus der Situation befreit. Dem SPIEGEL gegenüber sprach er zudem von "Ergebnisdruck", unter dem die Polizei stehe: Die mediale Aufmerksamkeit und die emotionale Debatte hätten die Ermittlungen geprägt.

  • Wie der Polizeipräsident mit einem Satz erzürnte

Nach Bekanntwerden der mutmaßlichen Tat gab der damalige Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger dem SPIEGEL ein kurzes Interview. Auf die Frage, was er den Bürgerinnen und Bürgern rate, deren Sicherheitsgefühl geschwunden sei, antwortete er unter anderem: Diese sollten mit einem "gesunden Risikobewusstsein durch die Stadt gehen". In einer offenen Gesellschaft sei nicht jedes Delikt zu verhindern, die Polizei könne "keine Vollkaskoversicherung bieten". Kriminalität entstehe "im Beziehungsdreieck Täter - Opfer - Tatgelegenheit", so Rotzinger. Er schloss mit dem Ratschlag: "Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen." Kurz darauf brach im Internet ein Sturm der Entrüstung los. Dem Polizeipräsidenten wurde "Victim blaming" (Täter-Opfer-Umkehr) vorgeworfen. Ein Autor der "Süddeutschen Zeitung" konstatierte unter anderem, es gebe "auch für Frauen ein Recht auf Kontrollverlust". Die "Bild"-Zeitung nannte Rotzinger einen "Verlierer". Eine SPIEGEL-Leserin schrieb, seine Worte seien "ein Schlag, vor allem ins Gesicht des Opfers".

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