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01. Juli 2019, 20:35 Uhr

Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg

"Wir leben in einem Rechtsstaat"

Von Wiebke Ramm, Freiburg

Die Verteidiger im Vergewaltigungsprozess von Freiburg bekommen Hassmails und Drohanrufe - dabei sorgen sie nur für ein faires Verfahren. Der Richter wählt deutliche Worte.

Es ist ein Prozess, der an den Nerven zerrt - und den Vorsitzenden Richter an diesem Montag in Saal IV des Landgerichts Freiburg zu einer ungewöhnlichen Belehrung des Publikums veranlasst. Richter Stefan Bürgerlin berichtet von "Drohmails und Drohanrufen", die einige Verteidiger bekommen haben. Er spricht auch von Morddrohungen. "Wir leben in einem Rechtsstaat", sagt er dann und blickt zu den Zuhörern. "Eigentlich schade, dass man das betonen muss."

Elf Männer - zehn Flüchtlinge und ein Deutscher - sind angeklagt, weil sie in einer Samstagnacht im Oktober 2018 eine 18-Jährige in Freiburg vergewaltigt haben sollen. Die Anklage zeichnet ein stundenlanges Martyrium der jungen Frau. Den Männern im Alter von 18 bis 30 Jahren wird Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Vor Gericht haben sie zu den Vorwürfen bisher geschwiegen. Außerhalb des Saals deuteten mehrere Verteidiger an, dass ihre Mandanten die Vorwürfe bestreiten.

Der Angeklagte hat nur seinen Verteidiger

Jeder Angeklagte hat das Recht auf Verteidigung, sagt Richter Bürgerlin nun zu Beginn des Verhandlungstages. Und dass Verteidiger Organe der Rechtspflege sind. Er meint damit, dass es eine Errungenschaft des Rechtsstaates ist, dass Verdächtige das Recht haben, sich gegen die Anklagevorwürfe der Staatsanwaltschaft zur Wehr zu setzen. Die Staatsanwaltschaft kann auf einen ganzen Ermittlungsapparat zurückgreifen, ein Angeklagter hat nur seinen Verteidiger.

Die Beweisaufnahme, die Aussage von Zeugen, das Anhören von Gutachtern, das Sichten von Beweismitteln - all das soll das Gericht in die Lage versetzen, zu beurteilen, ob ein Angeklagter tatsächlich der Täter ist und welche Schuld er gegebenenfalls trägt. Bis zur Rechtskraft eines Urteils gilt die Unschuldsvermutung. Alles Selbstverständlichkeiten - aber das Gericht sieht offenbar die Notwendigkeit, sie noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Verteidigerin Kerstin Oetjen gibt den Medien eine Mitschuld an den Anfeindungen gegen die Verteidigung. Eine Zeitung hatte ihr Sätze zugeschrieben, wonach die Anwältin außerhalb des Saals in drastischen Worten behauptet haben soll, die junge Frau habe Sex mit den Männern gewollt. Vor Gericht wirkt Oetjen an diesem Tag deutlich erschüttert. Sie bittet das Gericht, das richtig stellen zu dürfen. "Was dort steht, ist einfach unwahr", sagt sie dann. "Das Letzte, was ich täte, wäre die Nebenklägerin in den Schmutz zu ziehen." Tatsächlich gebe es Aussagen zum Geschehen in jener Nacht, die sich von der Version in der Anklage unterscheiden. Und diese Darstellung habe sie wiedergeben. "Es ist ein schwieriges Verfahren."

Auch die Verteidigerin betont, dass es den Rechtsstaat auszeichne, mithilfe von Verteidigern ein faires Verfahren zu gewährleisten. "Wollen wir in Deutschland so etwas haben wie die Scharia?", fragt sie. "Oder gar keine Gerichtsverhandlung mehr, sondern Verdächtige gleich wegsperren?" Oetjen scheint nach den Anfeindungen nicht mehr sicher zu sein, dass diese Fragen wirklich nur rhetorisch sind. "Ich habe so etwas noch nicht erlebt."

Richter Bürgelin gelingt es, zur Tagesordnung zurückzukehren. Er setzt die Befragung der Angeklagten zu ihrer Person fort, die er am vorherigen Verhandlungstag begonnen hatte. Drei Angeklagte, zwei Syrer und ein Iraker, hatten bereits über ihr Leben berichtet. An diesem Tag folgen die Angaben von vier weiteren Angeklagten.

Die Geschichten ähneln sich. Die jungen Männer berichten von ihrer Flucht vor dem Terror des sogenannten Islamischen Staates in ihren Ländern. Alle sind 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Fast alle berichten von Schulden, Alkohol und Drogen, manche von psychischen Problemen. In Deutschland hätten sie angefangen zu kiffen, Kokain zu schnupfen und Ecstasy zu nehmen, um den Krieg zu vergessen und die Trennung von ihren Familien zu ertragen.

Zum Beispiel Muhanad M., 19 Jahre alt. Er hat der jungen Frau damals in der Oktobernacht geholfen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er sie zuvor auch vergewaltigt hat. Sein Verteidiger sagt, dafür gebe es keine Beweise.

Angst vor Übergriffen im Gefängnis

2015 ist M. vor dem Krieg aus Syrien geflohen, aus der Türkei mit dem Schlauchboot übers Meer nach Griechenland und schließlich nach Freiburg. Er hat zehn Geschwister und ist das jüngste Kind. Sein Vater sei tot, seine Mutter lebe heute im Irak. Er vermisse sie.

Wegen einer Schlägerei ist er vorbestraft. Er begründet die damalige Tat mit Alkohol. Er habe getrunken, um die Trennung von seiner Mutter zu ertragen. In der Untersuchungshaft sei er bis vor Kurzem gut zurechtgekommen und beliebt bei den Mitgefangenen gewesen.

"Jetzt ist wieder alles kaputt", sagt er dann. Nach Beginn des Prozesses sei er vergangene Woche in Einzelhaft gekommen. Die Justizvollzugsanstalt fürchtet offenbar Angriffe durch Mitgefangene. Mutmaßliche Vergewaltiger stehen in der Gefängnishierarchie weit unten. "Die wollen mich schützen", sagt Muhanad M. Mehrere Angeklagte haben vor Gericht von Übergriffen und Bedrohungen berichtet. M. fürchtet das Alleinsein aber offenbar mehr als Prügel. "24 Stunden in der Zelle, das ist viel zu viel", sagt er.

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