Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg "Und dann ist sie richtig zusammengebrochen"

Elf Männer sollen in Freiburg eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Vor Gericht hat nun die Freundin des mutmaßlichen Opfers ausgesagt - über Drogenerfahrungen und die Abläufe in jener Nacht.

Angeklagter vor Gericht (Archiv): Zeugin beschreibt die Geschehnisse in der Disconacht
Patrick Seeger/DPA

Angeklagter vor Gericht (Archiv): Zeugin beschreibt die Geschehnisse in der Disconacht

Von Wiebke Ramm, Freiburg


Die junge Frau wirkt recht unbeeindruckt von den vielen Menschen im Gerichtssaal. Dass die elf Angeklagten mit ihren elf Verteidigern um sie herum sitzen, scheint die 20-Jährige nicht aus der Ruhe zu bringen. Einzig ihr linker Fuß zeugt von Nervosität, fast unablässig ist er in Bewegung.

Die 20-Jährige ist eine wichtige Zeugin im Prozess um die mutmaßliche Mehrfachvergewaltigung in Freiburg. Denn die junge Frau, die in der Nacht auf den 14. Oktober 2018 von mindestens elf Männern vergewaltigt worden sein soll, ist ihre Freundin. Die beiden kennen sich seit Jahren. In jener Nacht waren sie zusammen in dem Technoklub in einem Industriegebiet in Freiburg. Sie wollten feiern, Spaß haben.

Die Angeklagten bestreiten die Tatvorwürfe. Zwei haben sich zu den Vorwürfen geäußert, sie sagen, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Die 18-Jährige sei zwar berauscht gewesen, habe aber gewusst, was sie tat.

Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin fragt die Zeugin nun, was ihre Freundin für ein Mensch sei. "Sie ist sehr, ich will nicht sagen, naiv", sagt die Zeugin, "sie ist herzensoffen zu jedem", "ein Familienmensch", "christlich". Ob sie ein "Partymensch" sei, der auf Partys auch mal das sexuelle Abenteuer suche, will der Richter wissen. "So ein Mensch ist sie gar nicht." Ihre Freundin gehe lieber auf Dorffeste als auf Partys.

"Das sollte man nicht machen"

Die Zeugin erzählt nun, dass sie in der Diskothek von dem Angeklagten Alaa A. angesprochen wurden, der ihnen Ecstasy verkauft hat. Von ihrer Freundin wusste sie, dass sie zuvor erst einmal Ecstasy konsumiert hatte, unfreiwillig. Jemand habe ihr einmal etwas ins Getränk gemischt, so hatte sie es ihr erzählt. An diesem Abend schluckten beide Frauen die Pillen freiwillig. Dann sei ihre Freundin mit Majd H. ins Gespräch gekommen. "Er hat uns zwei Getränke angeboten, ich habe es nicht getrunken, sondern weggestellt, meine Freundin hat es getrunken."

Warum sie das Getränk nicht angerührt hat, fragt der Richter. Weil sie wisse, in welchen Zustand es sie versetze, wenn sie Ecstasy mit Alkohol mischt, sagt die Zeugin. Der Richter hört nicht zu, er ist in das Vernehmungsprotokoll vertieft. "Einfach als Vorsichtsmaßnahme nehmen Sie kein Getränk von Fremden an?", fragt er. Gesagt hatte sie das nicht. Nun stimmt sie ihm trotzdem zu. Alkohol mache die Wirkung von Ecstasy unberechenbar, wird sie später sagen: "Das sollte man nicht machen."

Sie erzählt, dass ihre Freundin irgendwann mit Majd H. vor ihr stand, "entweder Arm in Arm oder sein Arm über ihrer Schulter". Die 18-Jährige sagte ihr, dass sie mit ihm nach draußen gehe. "Das wollte ich eigentlich nicht", sagt die Zeugin. Das habe sie ihrer Freundin auch deutlich gesagt. "Vertraue mir, hat sie gesagt. Dann war sie auch schon weg."

Stunden später sei ihr aufgefallen, dass ihre Freundin noch immer nicht zurück war. Sie begann, sie zu suchen. Dabei traf die Zeugin auch auf Majd H. Am Tag zuvor hatte der Ermittlungsführer vor Gericht gesagt, Majd H. habe der Zeugin gesagt, er wisse nicht, wo ihre Freundin sei. Nun sagt die Zeugin selbst vor Gericht, Majd H. habe ihr gesagt: "Sie ist draußen."

Die Zeugin sagt, sie habe nicht allein draußen im Dunkeln nach ihr suchen wollen, deswegen bat sie über WhatsApp zwei Freunde um Hilfe. Die beiden jungen Männer kamen in den Klub, gemeinsam suchten sie weiter. Die drei fanden ihre Freundin auf dem Parkplatz eines Baumarktes. Dort saß sie mit dem Angeklagten Muhanad M.

Dann sei sie in Tränen ausgebrochen

"Sie stand da und hat eine geraucht", sagt die Zeugin. "Ich war total sauer auf sie und bin sie harsch angegangen, was das soll, warum sie so lange weg war." Die 18-Jährige sei "recht ruhig" gewesen, habe sie an die Hand genommen und gesagt: "Komm mal mit, ich muss dir was erzählen." Dann sei sie in Tränen ausgebrochen. "Ich wurde vergewaltigt", habe sie gesagt. "Und dann ist sie richtig zusammengebrochen, hat geschrien und geweint." Die Zeugin wollte mit ihrer Freundin sofort zu den Polizisten, die vor dem Klub standen. Doch die 18-Jährige habe nicht gewollt. "Nein, das bringt doch nichts, hat sie gesagt."

Stattdessen wollte sie mit zu Muhanad M. in dessen Flüchtlingsunterkunft. "Ich habe ihr gesagt, dass das keine gute Idee ist", sagt die Zeugin. Doch sie habe sich nicht aufhalten lassen. "Ich wollte sie auf keinen Fall wieder allein lassen. Also sind wir zusammen mit ihm ins Flüchtlingsheim." Er habe auf dem Boden auf einer Matratze geschlafen, die beiden Freundinnen teilten sich sein Bett. Am nächsten Tag habe die 18-Jährige dann doch zur Polizei gewollt.

Was genau die Männer ihr in jener Nacht angetan haben, habe ihre Freundin ihr nie erzählt. "Sie hat keine Einzelheiten erzählt, nur nebenbei erwähnt, dass es wohl mehrere Männer waren." Sie habe auch gesagt, dass sie "in einer Art Rausch" war und dass ihr das geholfen habe, "dass sie das nicht ganz live mitbekommen hat". Eine Verteidigerin fragt, ob die Freundin von einem Blackout berichtet habe, davon, dass sie gar nicht mehr bei Sinnen gewesen sei. "Nein", sagt die 20-Jährige.

Ein Verteidiger fragt genauer nach der Wirkung von Ecstasy. Er entschuldigt sich für seine Unkenntnis, dann fragt er, ob die Droge sexuell anregend wirke. "Nein", sagt die Zeugin: "Man ist einfach kontaktfreudiger, aufgeschlossener." Kein verstärktes sexuelles Verlangen? "Wenn man die Einstellung hat, ich will jemanden kennenlernen, dann kann das schon sein", sagt sie. Der Anwalt hält fest: "Das eigene Interesse beeinflusst also, wofür man aufgeschlossener wird?" "Ja", sagt sie, "das ist nicht auszuschließen."

Verteidigerin Kerstin Oetjen fasst die Aussage zusammen: Die Freundin habe gesagt, sie sei mehrfach vergewaltigt worden, wollte dann aber nicht mit ihren Freunden nach Hause, sondern mit einem fremden Mann in dessen Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft. "Das erschließt sich mir nicht", sagt Oetjen: "Ich verstehe das nicht." So richtig erklären kann es auch die Zeugin nicht. "Es war eine sehr komische Situation", sagt sie.

Eine andere Verteidigerin, Hanna Palm, geht einen Schritt weiter: "Erst geht sie mit einem fremden Mann raus aus der Diskothek, dann mit einem fremden Mann auf sein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft - hatten Sie irgendwann mal den Verdacht, dass Ihnen Ihre Freundin über das Geschehen nicht die Wahrheit erzählt hat?" "Nein", sagt die Zeugin: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich anlügt."

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