Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg "Ich fühle mich entehrt. Mir ist kalt."

In Freiburg stehen elf Männer vor Gericht - sie sollen eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Eine Tonbandaufnahme könnte dabei helfen zu klären, was in der Tatnacht geschah.

Elf Männer müssen sich vor dem Freiburger Landgericht verantworten: Die Anklagebank wurde für den Prozess umgebaut.
Patrick Seeger/ DPA

Elf Männer müssen sich vor dem Freiburger Landgericht verantworten: Die Anklagebank wurde für den Prozess umgebaut.

Von Wiebke Ramm, Freiburg


Die Tonqualität ist mies. Zu hören sind vor allem Störgeräusche. Ein Mann spricht Arabisch. Und dann ist da die Stimme einer Frau. Sie spricht Deutsch. Es ist die Stimme der 18-Jährigen, die in der Nacht zum 14. Oktober 2018 in Freiburg von mindestens elf Männern vergewaltigt worden sein soll. Und die Tonaufnahmen sind "das einzig objektive Dokument, das wir von der Tatnacht haben", sagt der Vorsitzende Richter. Er lässt die Aufnahmen am Donnerstag im Saal des Landgerichts Freiburg vorspielen. Mehrmals.

Dass es die Aufnahmen gibt, ist einer App auf dem Handy eines der elf Angeklagten zu verdanken. Muhanad M. hat ein Programm auf seinem Mobiltelefon installiert, das nicht nur seine Telefonate aufzeichnet, sondern während des Wählens auch schon alles, was um ihn herum passiert.

Muhanad M. hat am 14. Oktober 2018 um 2.56 Uhr und um 3.22 Uhr mit einem Freund telefoniert. Neben ihm saß das mutmaßliche Opfer. Die beiden saßen auf dem Parkplatz eines Baumarktes in der Nähe einer Diskothek, in der die 18-Jährige mit einer Freundin feiern wollte. In einem Wäldchen neben der Diskothek war sie laut Anklage kurz zuvor vergewaltigt worden. Muhanad M. soll einer ihrer Vergewaltiger gewesen sein.

Die Stimme klingt verzweifelt

Techniker des Landeskriminalamtes haben die Aufnahmen analysiert. Demnach sind die ersten Sätze, die von der jungen Frau zu verstehen sind, Sätze voller Dankbarkeit, die sie an Muhanad M. richtet. Sie sagt: "Du bist so unglaublich, ein guter Mensch. Du bist wirklich ein Engel. Du hast mir echt geholfen. Du bist echt ein herzensguter Mensch. Wirklich." Sie klingt verzweifelt.

Kriminaloberkommissar Stefan S. hat die Ermittlungen geleitet. Er soll dem Gericht an diesem Tag einen Überblick geben über die Erkenntnisse der Polizei. Er spielt die Aufnahmen vor und verliest in Auszügen die Mitschrift des Landeskriminalamtes. Er stellt fest, dass die Frau Muhanad M. "als Helfer bezeichnet". Das deckt sich mit der Erklärung des Verteidigers von Muhanad M.: Sein Mandant sitze zu Unrecht als Vergewaltiger auf der Anklagebank, da er der Frau nur geholfen und sie aus dem Wäldchen geholt habe.

Die Grünanlage im Freiburger Industriegebiet Nord hinter einem Diskothekenareal. (Archivbild)
DPA

Die Grünanlage im Freiburger Industriegebiet Nord hinter einem Diskothekenareal. (Archivbild)

Zugleich widerspricht es der Aussage der anderen Angeklagten, die Frau habe die sexuellen Handlungen gewollt, betont der Ermittler S. Denn hätte sie Sex gewollt, hätte ihr ja niemand helfen müssen. Im nächsten Tonmitschnitt ist mehr zu ahnen als zu hören, wie Muhanad M. zu ihr sagt: "Ich bleibe hier, bis es dir gutgeht, vielleicht brauchst du Hilfe." Die Frau sagt: "Womit hat man das verdient?" Sie sagt, ihr Nacken tue weh, "als hätte ich Muskelkater". Später sagt sie: "Ich fühle mich entehrt. Als hätte ich keine Ehre. Mir ist kalt."

Kriminaloberkommissar S. berichtet, dass die junge Frau etwa neun Stunden später, gegen 12.30 Uhr, in Begleitung ihrer Freundin zur Polizei gegangen ist. "Dort hat sie angegeben, dass sie in der vergangenen Nacht von mehreren vergewaltigt worden sei." Stefan S. selbst hat sie kurz darauf vernommen. Sie berichtete ihm, was sich im Wesentlichen auch in der Anklage der Staatsanwaltschaft wiederfindet.

Herzförmige Pillen

Die 18-Jährige sei mit einer Freundin in der Diskothek auf die Angeklagten Majd H. und Alaa A. getroffen. Alaa A. habe ihnen Ecstasy angeboten. Die Frauen kauften und schluckten die herzförmigen Pillen. Majd H. habe ihnen Wodka-Bull ausgegeben. Die 18-Jährige trank es, ihre Freundin "wohl" nicht. Dann habe Majd H. ihr draußen vor der Tür sein Tattoo auf dem Oberschenkel zeigen wollen. Die Freundin habe noch versucht, sie aufzuhalten. Sie habe sich aber nicht abhalten lassen.

Die 18-Jährige verließ den Klub gemeinsam mit Majd H. In einem kleinen Wäldchen gleich neben der Diskothek habe er seine Hose runtergelassen. Die Frau habe sich das Tattoo angeschaut und sich umgedreht, um zurück in den Klub zu gehen. Majd H. habe sie zu Boden gerissen und vergewaltigt.

"Verneinende Laute"

Sie habe zunehmend die Kontrolle über ihren Körper verloren, sich nicht mehr bewegen, nicht schreien können. Majd H. sei fortgegangen. Dann seien nacheinander zehn bis 15 Männer gekommen, die sie vaginal und oral vergewaltigt haben. Die Männer hätten ihren Kopf festgehalten und ihr ihren Penis in den Mund geschoben. "Sie selbst sagt, dass sie sich nur an den ersten Täter erinnern könne", sagt der Kriminaloberkommissar: "An weitere Täter habe sie keine direkte Erinnerung." Sie habe "gewimmert" und "verneinende Laute" von sich gegeben, sagte sie. Aktive Gegenwehr sei ihr nicht möglich gewesen.

Der Ermittler sagt, er habe sie gefragt, ob ihre Äußerungen irgendwie missverständlich gewesen sein könnten. "Das schloss sie aus", sagt er: "Sie habe mit ihrem gesamtem Verhalten zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht einverstanden gewesen sei."

Der Angeklagte Ahmed Al H. beim Prozessauftakt am 26. Juni.
Thomas Kienzle/ AFP

Der Angeklagte Ahmed Al H. beim Prozessauftakt am 26. Juni.

Irgendwann - nach ihrem Gefühl war es Stunden später - sei Muhanad M. zu ihr gekommen. Er habe ihr geholfen, sich anzuziehen. Gemeinsam gingen sie zu dem Baumarkt-Parkplatz. Gegen 5 Uhr morgens sei ihre Freundin zu ihnen gekommen. Die Freundin habe die ganze Nacht nach der 18-Jährigen gesucht. Sie habe ihrer Freundin sofort berichtet, dass sie vergewaltigt wurde. Sie habe geweint, als sie das sagte, so berichtete es die Freundin der Polizei.

Die beiden Frauen sind dann mit Muhanad M. in seine Flüchtlingsunterkunft gefahren. Gegen 10 Uhr sei die 18-Jährige "wieder klarer" gewesen, sagt der Ermittler, die Wirkung der Droge habe nachgelassen. Muhanad M. habe noch geschlafen, die Frauen seien zur Polizei gefahren.

Eine Rechtsmedizinerin untersuchte die 18-Jährige. Sie stellte Blessuren, Kratzer, Abschürfungen und Hämatome an ihren Oberschenkeln, an ihrer linken Hand, an ihrem Po, ihrem Rücken und am Nacken fest. An einem Oberarm hatte sie einen Bluterguss. Der Ermittler spricht von einer typischen Verletzung nach einem "Festhaltegriff", also einem gewaltsamen Griff an dem Arm. An ihrer Kleidung fanden sich zahlreiche Spermaspuren. Das Fazit des Ermittlungsleiters: "Die Befunde passen zu den Angaben der Geschädigten."

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